ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2000Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

VARIA: Schlusspunkt

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Dtsch Arztebl 2000; 97(12): [64]

Pfleger, Helmut

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LNSLNS Kürzlich las ich eine erschütternde Rückschau des sowjetischen Filmregisseurs Sergei Eisenstein ("Panzerkreuzer Potemkin", "Iwan der Schreckliche" unter anderem), die mich in ihrer gegen die Verzweiflung aufbegehrenden Hoffnung an den verstorbenen holländischen Großmeister Jan Hein Donner denken ließ. "Ich bin mir über nichts klar geworden. Weder über das Leben, noch über mich selbst, noch über meine 48 Jahre. Über nichts, außer vielleicht über eins: dass es ein Leben im Galopp war, ohne Umschauen, mit ständigem Umsteigen, wie wenn man von einem Zug abspringt und dem andern nachjagt... Als stünde man am Fenster eines fahrenden Zuges, fliegen Fetzen von Kindheitserinnerungen, Bruchstücke von Jugenderlebnissen, Episoden aus dem Mannesalter vorüber. Grell, bunt, wirbelnd, farbenprächtig. Und plötzlich die entsetzliche Erkenntnis, dass all das entglitten war, nichts festgehalten ist." Dies schrieb Eisenstein, als er wegen eines schweren Herzinfarkts für mehrere Monate ans Bett gefesselt war. Ruhelos hatte er gearbeitet, oft bis spät in die Nacht, immer gehetzt. Einem Freund, der ihn im Krankenhaus besuchte, sagte er: "Das Leben ist zu Ende, es bleibt nur noch das Postscriptum." Und fragt sich: "War das überhaupt das Leben?" Um sich selbst diese Antwort zu geben: "Doch, es war Leben. Ein an Empfindungen, Freuden, Schmerzen reiches Leben... Ein Leben, das ich wohl gegen kein anderes eintauschen würde", und dann, so schreibt sein Monograph, "packt ihn das unbändige Verlangen, diese Augenblicke der verlorenen Zeit" zu erhaschen, festzuhalten, und er beginnt mit der Aufzeichnung seiner Memoiren (zitiert aus "Die Zeit" 6/2000). Zwei Jahre später ist er tot. Conditio humana. Conditio auch des Schachspielers, der allerdings das Glück hat, seine flüchtigen Eingebungen und Gedankenblitze auf dem Partieformular festgehalten zu haben. So wie bei der letzten Deutschen Ärztemeisterschaft in Bad Homburg (in einer Woche beginnt dort schon die diesjährige) der herrliche Einfall des Kollegen Dr. Trebbin als Weißem am Zug gegen Dr. Nitescu, dem mit seiner kompakten Stellung vermutlich nichts Böses schwante.
Wie erzielte Weiß augenblicklich entscheidenden Vorteil?


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