ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2021Psychologie von Kindern und Jugendlichen: Wenn Kinder am Sterbebett stehen

THEMEN DER ZEIT

Psychologie von Kindern und Jugendlichen: Wenn Kinder am Sterbebett stehen

Volberg, Christian; von Blanckenburg, Pia

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Der Beitrag befasst sich mit der Frage, wie Heranwachsende Sterben und Tod erleben und welche Auswirkungen beispielsweise der Verlust naher Angehöriger auf sie hat. Noch fehlen ausreichende Versorgungsangebote, um Betroffene mit pathologischen Trauerreaktionen zu helfen.

Foto: picture alliance/PhotoAlto Sigrid Olsson
Foto: picture alliance/PhotoAlto Sigrid Olsson

Die medizinische Entwicklung und der technologische Fortschritt haben im 20. Jahrhundert zu einer deutlichen Veränderung der Welt und damit einhergehend dem sozialen Leben geführt. Zuvor verstarben Menschen häufig an Bagatellerkrankungen oder bei Arbeitsunfällen. Gemeinsame Trauer und Abschiednahme waren durch feste Riten und Zeremonien integraler Bestandteil des Lebens. Durch die Industrialisierung haben sich Familienverbände verkleinert, Menschen leben heutzutage wesentlich länger und die Kindersterblichkeit ist deutlich gesunken. Dies führt zu einer geringeren Konfrontation der Gesellschaft mit Sterbenden und dem Tod, insbesondere bei Kindern (1, 2).

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In Deutschland starben im Jahr 2018 insgesamt 15 276 Menschen (10 123 Männer und 5 153 Frauen) im Alter zwischen 20 und 45 Jahren (3). Insbesondere in dieser Alterskategorie werden Familien gegründet und Kinder gezeugt. Wenn junge Eltern sterben, so ist dies immer eine besonders belastende Situation für alle Beteiligten. In der Erhebung von Elisabeth Diehl et al. zeigte sich, dass für Palliative Care Fachpflegekräfte insbesondere die Begleitung und das Sterben von Menschen mit kleinen Kindern, der Tod von jungen Menschen sowie trauernde Kinder beim Verlust eines Elternteiles zu starken emotionalen Belastungen führen. (4). Laura Funk bestätigte diese Ergebnisse in ihrer qualitativen Studie bei kanadischen Hospizmitarbeitenden und -pflegekräften (5). Doch abgesehen von den Belastungen welche durch sterbende junge Eltern bei den Mitarbeitenden im Bereich Palliative Care hervorgerufen werden, stellt sich die Frage, wie das Sterben und der Verlust eines Elternteiles von den betroffenen Kindern erlebt und verarbeitet wird? Sind Trauer und die damit verbundenen emotionalen Belastungen für Kinder überhaupt so, wie Erwachsene es aus ihrer Denk- und Sichtweise meinen, dass sie es sein müssten? Oder haben Kinder einen ganz anderen Zugang zu diesem schwierigen Thema und können damit besser umgehen als gemeinhin angenommen?

Todeskonzepte

Der Tod ist ein komplexes Konzept, da er biologische, soziokulturelle, spirituelle und emotionale Elemente miteinander verbindet. Um das Verständnis der Kinder für den Tod zu beurteilen, wird sich in der Forschung auf die Anerkennung des Todes als biologisches Ereignis durch Kinder konzentriert. In dieser Tradition wird ein ausgereiftes Todeskonzept anhand mehrerer Unterkonzepte gemessen und definiert. Die am häufigsten verwendeten Unterkonzepte sind dabei:

  • Irreversibilität/Beständigkeit – das Verständnis, dass der Tod ein dauerhafter Zustand ist, aus dem es keine Rückkehr zum Leben gibt
  • Unvermeidlichkeit/Universalität – das Verständnis, dass alle Lebewesen irgendwann sterben müssen
  • Anwendbarkeit – das Verständnis, dass nur Lebewesen sterben können
  • Aufhören – das Verständnis, dass alle körperlichen Prozesse nach dem Tod aufhören zu funktionieren
  • Ursache – das Verständnis, dass der Tod letztendlich durch eine Störung der Körperfunktionen verursacht wird (1)

In Abhängigkeit des Alters werden diese Unterkonzepte mehr oder weniger explizit von dem Kind erfasst und realisiert. Dies ist immer abhängig von den Erfahrungen, die das Kind gemacht hat, den Erzählungen, die es gehört hat (zum Beispiel auch aus Märchen oder Kinderfilmen) und dem Entwicklungslevel, in dem es sich befindet (6).

Kinder unter fünf Jahren wissen zwar, dass der Tod existiert, haben aber keine Vorstellung über die Absolutheit desselben. Sie können noch keins der oben angeführten Unterkonzepte in ihr eigenes Denken integrieren und gehen von einer Rückkehr des Verstorbenen in das Leben aus. Dies kann in Spielen von Kindern gut beobachtet werden, beispielsweise wenn sie sich als Cowboy und Indianer „erschießen“ und kurz darauf unverletzt wieder aufstehen und weiterspielen können. Kinder dieser Altersstufe (bis ungefähr zum siebten Lebensjahr) haben jedoch häufig die Sorge, dass ihre Gedanken zum Versterben der betroffenen Person geführt haben könnten. In der kindlichen Vorstellung versteht sich das Kind selbst als das Zentrum der Welt und es erscheint ihm dadurch nur logisch, dass seine Gedanken und Vorstellungen einer universellen Macht entsprechen, die eine Wirkung nach sich ziehen. An diesem Punkt ist es enorm wichtig, dass dem Kind diese Schuldgefühle genommen werden und man einfühlsam versucht, ihm die realen Geschehnisse zu erklären (2, 7).

Kinder bis zehn Jahre entwickeln nach und nach die Unterkonzepte des Todesverständnisses. Die Irreversibilität, die Unvermeidlichkeit sowie die Erkenntnis des Verlusts der Körperfunktionen durch den Tod werden dem älter werdenden Kind bewusst. Dies findet als kontinuierlicher Prozess statt. Dabei wird Sterben und Tod noch nicht auf die eigene Person bezogen, sondern zumeist mit „alten Personen“ in Verbindung gebracht. Äußere Ursachen wie Unfälle sind dabei für das Kind leichter nachzuvollziehen als innere Erkrankungen. Trotzdem haben sie noch eine starke Vorstellungskraft und dadurch führen Gedanken an die Verstorbenen als allwissende oder beobachtende überirdische Wesen häufig zu Belastungen und Verwirrungen. Was für Erwachsene oftmals Trost spendend ist, kann bei Kindern genau die gegenteilige Reaktion hervorrufen (2, 7).

In der Pubertät entwickeln Kinder ein Verständnis für alle Unterkonzepte und können dadurch die Dimensionen des Todes in ihr Weltbild integrieren. Sie erkennen die biologischen, sozialen und psychologischen Veränderungen, die mit dem Versterben einer Person einhergehen. Probleme in dieser Altersklasse entstehen jedoch durch die Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit wie aber auch die von nahestehenden Personen. Auch der frühere Verlust einer Bezugsperson kann plötzlich wieder akut erlebt werden und zu Belastungen führen. In dieser Phase benötigen Teenager häufig vermehrt Hilfe, um zu erkennen, dass ihre Trauer zulässig ist und einen wichtigen Bestandteil des Lebens darstellt (2, 7).

Umgang mit Trauer

Die Trauer von Kindern und der Umgang mit dem Verlust eines nahestehenden Menschen unterscheidet sich entsprechend ihrem Kenntnisstand über Sterben und Tod, ist aber auch von der Sozialisation und den gesellschaftlichen Normen abhängig. Kinder adaptieren die ihnen vorgelebte Trauer und hierbei entstehen (leider) auch geschlechtsspezifische Unterschiede in verschiedenen Kulturen, zum Beispiel insofern, dass Jungen ihre Trauer nicht so zeigen dürfen wie Mädchen (8). Es ist entscheidend, sich dem Kind in seiner ihm spezifischen Trauer zuzuwenden und diese gemeinsam zu erleben, um emotionalen, psychischen und teilweise auch körperlichen Problemen entgegenzuwirken. Unverarbeitete Trauer kann zu sozialem Rückzug, Schlaf-, Konzentrations- und Essstörungen sowie Schulproblemen führen. Besonders bei pubertierenden Kindern führt Trauer häufig zu einer Ohnmacht dem Geschehenen gegenüber sowie Wut, Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit, die schnell negative Folgen haben kann (2).

Baker und Kollegen haben die Trauerverarbeitung von Kindern in drei Stufen eingeteilt:

1. Die erste Stufe beinhaltet das Verständnis von Tod und Sterben und die Erkenntnis, dass es passiert ist. Hierbei ist es für Kinder wichtig, eine Sicherheit zu erfahren, um zu verstehen, dass ihr eigenes Leben nicht in Gefahr ist.

2. Die mittlere Stufe ist dadurch gekennzeichnet, dass der Tod als wahrhaftig verstanden wird und die Gefühle, die damit einhergehen, akzeptiert werden. In dieser Phase kommt es häufig zu Rückblicken auf die gemeinsame Zeit mit dem Verstorbenen und eine innere Verbindung wird hergestellt. Kinder brauchen für diese Phase der Verarbeitung länger als Erwachsene.

3. In der letzten Phase kommt es zu einer Neuordnung der kindlichen Identität mit sich selbst und seiner Umgebung. Das Kind sollte nun wieder emotionale Beziehungen zu anderen aufbauen können, ohne eine permanente Verlustangst zu erleben und kann auch die aufkommenden Erinnerungen und Gefühle an den Verstorbenen bewältigen (9).

In der Trauerarbeit sollten Kinder in nahezu alle Schritte integriert werden, sofern sie dies wünschen. Dabei ist es wichtig, dass sie sich nach entsprechender Vorbereitung von der verstorbenen Person verabschieden können, an Ritualen und der Beerdigung teilnehmen dürfen und Antworten auf ihre Fragen erhalten. Es ist in dieser Phase hilfreich, wenn sich eine erwachsene Person, die als Vertrauensperson fungiert und nicht selbst zu sehr mit ihrer eigenen Trauer beschäftigt ist, dem Kind annimmt und es durch diese Zeit begleitet.

Auch kann überlegt werden, eine therapeutische Begleitung für die Familie frühzeitig einzuschalten. Hierdurch kann bei den erwachsenen Familienmitgliedern Entlastung geschaffen werden, da die Antworten nicht durch sie selbst erbracht werden müssen und sie gleichzeitig auch jemanden für ihre eigene Trauerarbeit an die Hand bekommen. Darüber hinaus erkennt therapeutisches Fachpersonal auch frühzeitig Probleme in der Verarbeitung des Kindes und kann gezielt entgegensteuern. Die Familie ist jedoch das Schlüsselelement in der Verarbeitung und dem Outcome des Kindes nach einem schweren Verlust. Dabei korreliert das „gesunde Überstehen“ dieser Lebenskrise mit der geistigen Gesundheit des überlebenden Elternteils, dem Bewältigungsstil, dem Grad an Zuneigung und Disziplin sowie der Kommunikation mit dem betroffenen Kind (10). Wichtig in der Kommunikation mit Kindern ist dabei Offenheit und Integrität (2).

Für Kinder die einen Elternteil verloren haben oder wo Vater oder Mutter schwer erkrankt sind, gibt es in Deutschland auch ein großes Angebot an Selbsthilfegruppen (zum Beispiel: https://lebenmitkrebs.org/angebote/loewenmutkids/). Hier treffen sie auf Kinder mit ähnlichen Schicksalen und können sich in geschütztem Rahmen miteinander darüber austauschen und finden Ansprechpartner für ihre Sorgen und Ängste. Die Verarbeitung der Erkrankung und die Vorbereitung auf die Folgen beginnt hier teilweise schon einen Schritt frühzeitiger, nämlich während der Erkrankungsphase des Angehörigen. Dieses Vorgehen und die Einbindung des Kindes in alle Aspekte des Lebens sollte viel häufiger umgesetzt werden (2).

Prof. Dr. Dr. Student empfiehlt die Einbindung des Kindes in den Sterbeprozess, um ihm jenseits von Büchern und Filmen zu zeigen, dass keine Bedrohung durch den Sterbenden entsteht und ein natürlicher Tod ganz ruhig verlaufen kann, ohne die mediale Dramatik, die oftmals als dazugehörend suggeriert wird (7).

Wissensquellen

Kinder generieren ihr Wissen über Sterben und Tod über verschiedene Wege. Sie lernen über die Konfrontation in ihrem Umfeld, zum Beispiel wenn ein nahes Familienmitglied oder eine Freundin/ein Freund verstirbt, eine entfernte verwandte oder bekannte Person oder aber auch ein (Haus-)Tier verstirbt (1).

Hierbei nehmen vor allem die Eltern eine Vermittlerposition ein und klären das Kind auf. Dies kann bewusst fokussiert werden oder unbewusst durch einfaches Zuhören erwachsener Konversation geschehen, weshalb die Sichtweise des Kindes durch die der Eltern beeinflusst wird. Studien zeigen jedoch auf, dass viele Eltern sich unwohl fühlen mit ihren Kindern über dieses Themengebiet zu sprechen und insbesondere Eltern mit eigener Angst vor dem Tod hier eher vermeidend agieren und vermehrt Euphemismen verwenden (1).

Neben der persönlichen Erfahrung oder der Aneignung der elterlichen Sichtweise, nehmen Kinder viele Informationen über Kommunikationsmedien auf. So thematisieren insbesondere Märchen und Kindergeschichten häufig dieses Thema und waren zumeist auch ganz gezielt als Aufklärungsmedium gedacht. Kinder nutzen diese Geschichten auch, um ihre eigenen Gefühle auszudrücken, wie Abbildung 1 beispielhaft zeigt. Heutzutage generieren Kinder jedoch einen Großteil ihres Wissens über das Fernsehen und das Internet, sodass diese Medien deutlich in den Vordergrund treten und häufig den Einstieg für Gespräche mit den Eltern darstellen. Es gibt bisher nicht ausreichend Forschung zu diesem Themenkomplex, einzelne Arbeiten zeigen jedoch auf, dass Kindern durch Filme oftmals falsche oder zu positive Vorstellungen vermittelt werden (11). Die Untersuchung von Tenzek und Nickels zu diesem Thema zeigte auf, dass insbesondere bei Disney- und Pixar-Filmen in 84,2 Prozent der 57 untersuchten Filme mindestens ein Todesfall dargestellt wird, jedoch 31,6 Prozent davon als reversibel präsentiert werden (12). Dies kann somit zu einem Fehlverständnis führen und Kindern eine falsche Vorstellung über Tod und Sterben vermitteln, insbesondere wenn keine weiterführende Aufklärung durch die Eltern stattfindet. Von Psychologen und Trauerbegleitenden wird deshalb empfohlen, möglichst frühzeitig offen und informativ mit Kindern über diesen Themenkomplex zu sprechen und Sterben wie auch Tod als natürliche Prozesse zu vermitteln, die zum Lebenszirkel dazugehören (1).

Abbildung 1: Bild eines achtjährigen Jungen, dessen Mutter auf der Palliativstation im Sterben lag.
Abbildung 1: Bild eines achtjährigen Jungen, dessen Mutter auf der Palliativstation im Sterben lag.

Pathologische Trauerreaktionen

Man kann in der Verarbeitung der Trauer nach dem Verlust eines nahestehenden Menschen eine normale gegen eine pathologische oder verlängerte Trauerreaktion abgrenzen (complicated grief oder prolonged grief disorder).

In eTabelle 1 sind kindliche Trauerreaktionen dargestellt, welche vor allem Veränderungen in den vier benannten Bereichen hervorrufen. Bei Umgang mit einem trauernden Kind ist vor allem auf die Dauer und Intensität der Reaktionen zu achten, um eine normale Trauer von einer anhaltenden Trauerstörung zu differenzieren (13). In der Beurteilung von Veränderungen sind neben den Eltern vor allem auch Erzieherinnen und Erzieher oder Lehrerinnen und Lehrer gefragt, welche täglich mehrere Stunden mit dem betroffenen Kind zusammenarbeiten und in ihrer pädagogischen Verantwortung eine Schlüsselrolle einnehmen (8).

Trauerreaktionen: Veränderungen in vier Hauptthemenfeldern
eTabelle 1
Trauerreaktionen: Veränderungen in vier Hauptthemenfeldern

Lehrkräfte sind dabei jedoch nicht in der Verantwortung, die Trauer mit dem betroffenen Kind zu verarbeiten. Sie sollten aber auf Veränderungen achten und Hilfe einschalten, wenn sie Anzeichen für eine übermäßige Belastung des Kindes ausmachen oder sich selbst mit der Situation der Begleitung überfordert fühlen. In der Erhebung von Dyregrov und Kollegen gaben mehr als 90 Prozent der befragten Lehrer an, dass sie zu wenig über Trauerverarbeitung wüssten, um ein Kind gut zu unterstützen (14).

Eine komplizierte oder anhaltende Trauer(störung) (complicated or prolonged grief [disorder] [CG(D)/PG(D)]) bei Erwachsenen liegt nach dem von der WHO verabschiedeten ICD-11-Manual vor, wenn die in eTabelle 2 aufgeführten Diagnosekriterien vorliegen. In einer Metaanalyse von 14 Studien zu anhaltender Trauer ergab sich eine Prävalenz von knapp 10 Prozent bei Hinterbliebenen, in Deutschland lag die Quote in einer repräsentativen Stichprobe bei 6,7 Prozent. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass unvorhersehbare oder gewaltsame Todesfälle zu einem gehäuften Auftreten führen. Die anhaltende Trauerstörung geht gehäuft mit weiteren psychiatrischen Erkrankungen, wie zum Beispiel Depressionen, posttraumatischen Belastungsstörungen oder Angststörungen einher und das Suizidrisiko ist bei den Betroffenen erhöht (15). Neben den in eTabelle 2 genannten Diagnosekriterien, ist der „Inventory of Complicated Grief-Revised“-(ICG-R-)Fragebogen ein validiertes Instrument für die Detektion der anhaltenden Trauer. Nadine Melhem und Kollegen haben diesen Fragebogen für den Einsatz bei Kindern angepasst (ICG-RC) und konnten in ihrer Longitudinalstudie mit 182 Kindern und Jugendlichen, die einen Elternteil unverhofft verloren hatten, zeigen, dass Betroffene mit einem positiven Testergebnis für das Vorliegen einer verlängerten Trauerreaktion auch ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen, insbesondere Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen, aufwiesen (16, 17, 18).

Diagnosekriterien der anhaltenden Trauerstörung nach ICD-11 (<a class=15, 19)" width="250" src="https://cfcdn.aerzteblatt.de/bilder/136275-250-0" data-bigsrc="https://cfcdn.aerzteblatt.de/bilder/136275-1400-0" data-fullurl="https://cfcdn.aerzteblatt.de/bilder/2021/11/img263067854.gif" />
eTabelle 2
Diagnosekriterien der anhaltenden Trauerstörung nach ICD-11 (15, 19)

Verlust naher Angehöriger

Wenn Kinder einen sehr nahestehenden Verwandten oder im schlimmsten Fall sogar ein Elternteil verlieren, so kann dies zu dramatischen Folgen für ihr weiteres Leben führen. Es wird angenommen, dass der Großteil der jungen Menschen in der westlichen Welt bis zu ihrem sechzehnten Lebensjahr das Versterben eines nahen Angehörigen oder Freundes erlebt und immerhin vier bis fünf Prozent einen Elternteil oder ein Geschwisterkind verloren haben (10, 16). Der plötzliche Verlust eines nahestehenden Menschen in der Kindheit oder Jugend wird zumeist als das schwerwiegendste negative Lebensereignis angegeben (16).

Neben dem elementaren Verlust kommen häufig noch erschwerend äußere Veränderungen hinzu, zum Beispiel ein Umzug, geringeres familiäres Einkommen oder verminderte elterliche Fürsorge (8). Hier konnten die beiden Studien von Lisa Berg und Kollegen sowie Hoeg und Kollegen aufzeigen, dass der Verlust eines Elternteils mit schlechteren Schulverläufen bis hin zum Schulabbruch korreliert und zu sozioökonomischen sowie psychosozialen Problemen in den Familien führt (20, 21). Häufig erleben insbesondere Kinder in sozialschwachen und ärmeren Familien den Verlust eines nahen Verwandten und mit dem Verlust eines Elternteils kann eine Teufelsspirale in Gang gesetzt werden, die schlechte schulische Leistungen nach sich zieht, zu psychischen Problemen führt, gesundheitsgefährdendes Verhalten, frühe sexuelle Aktivität, Kriminalität und Substanzmissbrauch (Alkohol, Drogen) hervorruft und dadurch wiederum eine höhere Mortalität bei den Betroffenen bedingt. Dieser Kreislauf kann sich dann im schlimmsten Fall von Generation zu Generation übertragen und die Betroffenen kommen nur bedingt wieder daraus (10, 20). Kinder, die ein Elternteil vor ihrem 16. Geburtstag verloren haben, sind häufiger arbeitslos als Personen in der Vergleichsgruppe. Hierbei sei aber auch anzumerken, dass nicht alle Fälle so verlaufen müssen und deshalb die Vorhersagekraft eingeschränkt ist. Der Verlauf ist dabei abhängig von dem Alter, in dem der Verlust erlebt wird sowie den Todesumständen. Dabei können manche Kinder tatsächlich auch gestärkt aus solch einer Lebenskrise hervorgehen und positiver in die Zukunft blicken, Dankbarkeit und Wertschätzung für das Leben empfinden, ihr Leben bewusster leben oder eine altruistische Lebensweise entwickeln (10).

Um Kinder vor Überforderung zu schützen ist es wichtig ihnen keine Rollen zuzuteilen, zum Beispiel als Ersatz von Vater, Mutter oder einem Geschwister.

Fazit für die Praxis

Sterben und Tod gehören zum Leben wie die Geburt, jedoch ist der Austausch und die Akzeptanz diesbezüglich schwierig. Erwachsene verspüren häufig den Drang, Kinder vor dem Themenfeld schützen zu wollen, obwohl dies nach Expertenmeinung nicht ratsam ist. Ein offener Umgang mit Fragen von Kindern und ehrliche Antworten scheinen insgesamt die beste Möglichkeit zu sein, um Kinder sinnvoll aufzuklären und nicht mit nebulösen Vorstellungen und ihren eigenen Gedankenkonstrukten im Dunkeln zu lassen. Kinder können kein Verständnis des Lebens entwickeln, wenn das Ende des Lebens ausgeklammert wird. Wichtig ist jedoch, dass Erwachsene zuerst für sich selbst dieses Themenfeld bearbeitet haben müssen. Die Kommunikation bestimmt hierbei unmittelbar das Verständnis der Kinder und prägt deren Vorstellungen für eine lange Zeit, wenn nicht sogar für immer. Sofern Eltern merken, dass ihnen die Kommunikation diesbezüglich schwerfällt, sollten sie sich Hilfe von Freunden oder Verwandten holen, die mit den Kindern darüber sprechen können. Dies ist insbesondere bei einem Trauerfall sinnvoll, wenn die Eltern mit ihren eigenen Gefühlen zu beschäftigt sind, um angemessen auf das Kind eingehen zu können. Auch die frühzeitige Konsultation auf professioneller Ebene kann bei der schweren Erkrankung oder dem Tod einer nahe verwandten Person hilfreich sein und die Kinder in ihrer Trauer auffangen sowie durch diese schwierige Phase bringen (1, 7). Besonders Familien aus sozialschwachen Gebieten sind gefährdet, in eine Teufelsspirale aus psychischen Problemen, Kriminalität und erhöhter Mortalität zu geraten. Hier sollten spezielle Unterstützungsangebote geschaffen werden, um diesen Kreislauf zu durchbrechen und die Kinder ausreichend zu unterstützen.

  • Zitierweise dieses Beitrags: Dtsch Arztebl 2021; 118 (46): A 2153–8

Anschrift für die Verfasser:
Dr. med. Christian Volberg,
Klinik für Anästhesie und Intensivtherapie,
Universitätsklinikum Gießen und Marburg GmbH, Standort Marburg,
Baldingerstraße 362, 35043 Marburg

eTabellen im Internet:
www.aerzteblatt.de/212153

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit4621
oder über QR-Code.

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Philipps-Universität Marburg, Fachbereich Psychologie: Dr. rer. nat. von Blanckenburg
Trauerreaktionen: Veränderungen in vier Hauptthemenfeldern
eTabelle 1
Trauerreaktionen: Veränderungen in vier Hauptthemenfeldern
Diagnosekriterien der anhaltenden Trauerstörung nach ICD-11 (15, 19)
eTabelle 2
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