ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2021Prävention: Praevenire – zuvorkommen

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Prävention: Praevenire – zuvorkommen

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Chefredakteur
Michael Schmedt, Chefredakteur

Prävention soll im Gesundheitswesen mit zielgerichteten Maßnahmen Krankheiten verhindern oder zumindest das Risiko dafür verringern. Soweit die Theorie. Praktisch ist die Prävention immer noch ein Stiefkind der Politik, die auf diesem Feld viel zu zögerlich agiert. So war Deutschland lange das einzige Land in Europa, in dem noch Tabakwerbung möglich war. Zu einer Steuer auf Süßgetränke hat man sich bislang nicht durchringen können, was genauso schädlich ist wie die industriefreundliche Selbstverpflichtung der Nahrungsmittelhersteller für an Kinder gerichtete Werbung für stark fett-, zucker- und salzhaltige Lebensmittel. Auch die nationale Diabetesstrategie bekam schnell den Stempel „light“ verpasst. Das ständige Hinauszögern von Klimaschutzmaßnahmen hat sogar das Bundesverfassungsgericht bemängelt.

Die Politik läuft hinterher. Das gilt leider auch in der vierten Welle der Coronapandemie. Seit dem Sommer warnen Wissenschaftler vor einem gefährlichen Winter und zu geringen Impfquoten. Pflegeheimbewohner sterben wieder, obwohl man bereits in der ersten Welle eindrücklich erfahren musste, wie lebensbedrohlich SARS-CoV-2 in den Alten- und Pflegeheimen wüten kann. Bereits im August zeigten Daten aus Israel, wie wichtig die Boosterimpfungen sind. Bis heute gibt es noch keine gut organisierte Kampagne für die dritte Impfung. Dass der aktuelle Vizekanzler und wahrscheinliche künftige Kanzler Olaf Scholz (SPD) in der ersten Debatte zum Infektionsschutzgesetz am 11. November erst jetzt mahnt, „wir sollten eine große gemeinsame Kampagne starten, dass die Bürgerinnen und Bürger von der Impfmöglichkeit Gebrauch machen“ und die Aufgabe für die nächsten Monate seien die Boosterimpfungen, lassen einen angesichts seiner Regierungsverantwortung doch staunen (Seite 2143).

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Prävention kommt aus dem Lateinischen: „praevenire“ bedeutet „zuvorkommen“, aber das vorausschauende Agieren gelingt der Politik einfach nicht. Man konnte sich trotz der erschreckenden aktuellen Infektionsdynamik zunächst noch nicht einmal einigen, ob sich Bund und Länder wieder treffen wollen. Jetzt soll das Treffen nach Redaktionsschluss am 18. November stattfinden. Wieder geht eine Woche verloren.

Es ist schon bitter, wenn der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) im Landtag behauptet, die Dynamik der aktuellen Coronalage sei auch für Experten so nicht absehbar gewesen. Abgesehen davon, dass er die Warnungen der Experten einfach ignoriert, sollte man nach 21 Monaten Pandemie auch auf Situationen vorbereitet sein, die in ihrem Ausmaß eben nicht abzusehen sind.

Das Präventionsdefizit ist allerdings kein rein deutsches Problem. Eine aktuelle Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung kommt zu dem Ergebnis, dass die Gesundheitssysteme der meisten Staaten resilienter werden müssen und sich künftig besser gegen Krisensituationen wappnen sollten (Seite 2146). Der Analyse zufolge sind die Gesundheitsausgaben zwar in der Pandemie gestiegen, der Großteil der Gelder landet aber in der kurativen Versorgung und nicht in der Gesundheitsprävention. Dabei ist dies nötig, um künftig mehr „zuvorkommend“ zu forschen und zu handeln. Gute Prävention kann Patientenfälle reduzieren. So einfach ist das eigentlich. Die potenzielle „Ampel“ hat in ihrem Sondierungspapier Vorsorge und Prävention zum „Leitprinzip“ erkoren. Nun ist sie in der Pflicht.

Michael Schmedt
Chefredakteur

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co_ed
am Montag, 29. November 2021, 13:22

Corona-Pandemie lehrt: Appelle und Warnungen erfolglos.

Editorials von Seite Eins, Leserbriefe und Kommentare im Deutschen Ärzteblatt sind wie Appelle zur Prävention und Warnungen vor Fehlern.
Die Corona-Pandemie hat gelehrt: Appelle und Warnungen sind weitest gehend erfolglos.

Die deutsche Anwendung der Demokratie wurde nicht weiterentwickelt und bekam marode Systemfehler. Die wiederholten Appelle des Bundespräsidenten zum Einsatz für die Demokratie verhallten bei der Politik gnadenlos unerhört.

Als neues Satzzeichen wird kulturell ein Neinzeichen erwartet. Das Neinzeichen markiert Ablehnungen.

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