ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2021OECD-Studie: Präventionsdefizite sichtbar

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OECD-Studie: Präventionsdefizite sichtbar

Richter-Kuhlmann, Eva

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In den OECD-Staaten hat das Coronavirus Millionen Menschen das Leben gekostet. Die aktuelle OECD-Studie Health at a Glance 2021 nimmt die Pandemie in den Blick und zieht Bilanz: Die Gesundheitssysteme müssten resilienter werden und sich besser gegen Krisensituationen wappnen.

Foto: patpitchaya/stock.adobe.com
Foto: patpitchaya/stock.adobe.com

Deutschland ist bislang gut durch die Coronapandemie gekommen. Zumindest weist die am 9. November vorgestellte OECD-Studie Health at a Glance 2021, die den Fokus diesmal auf die Folgen der Coronakrise legt, für Deutschland im Vergleich zum Durchschnitt der 38 OECD-Staaten eine signifikant niedrigere direkte und indirekte Mortalität als Folge von COVID-19 auf. Auch die Lebenserwartung der deutschen Bevölkerung ist rechnerisch nur um 0,3 Jahre gesunken, möglicherweise dank einer überdurchschnittlichen Ausstattung Deutschlands im intensivmedizinischen Bereich.

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Dennoch zeigt die Analyse, wo es bei den wirtschaftlich gut aufgestellten OECD-Ländern – und damit auch in Deutschland – hakt. Für Prof. Dr. med. Stefan Willich, Epidemiologe und Sozialmediziner an der Charité – Universitätsmedizin Berlin, wird das „Präventionsdebakel“ offengelegt. Aus sozialmedizinischer Sicht sei dies ein Grund zu „höchster Besorgnis“.

Auch Prof. Dr. med. Bertram Häussler, Leiter des IGES Instituts in Berlin, fordert angesichts der OECD-Studie mehr und anderes „Handwerkszeug“ im Präventionsbereich. Bisher habe sich Prävention auf erworbene und chronische Erkrankungen bezogen. Kontaktnachverfolgungen beispielsweise sei man nicht gewohnt. „Wir müssen jetzt neue Präventionsmaßnahmen entwickeln, sagt er. So sollte die digitale Infrastruktur ausgebaut werden, um eine kontinuierliche epidemiologische Überwachung zu gewährleisten und Infektionsausbrüche frühzeitig zu identifizieren.

Stiefkind Prävention

„Momentan spielt die Prävention in den OECD-Ländern und in Deutschland eine völlig untergeordnete Rolle“, beklagt Willich. Lediglich zwei bis vier Prozent der Ausgaben im Gesundheitsbereich würden für sie verwendet. „Das ist ein großes Missverhältnis, das uns gesellschaftlich immer wieder auf die Füße fallen wird, auch hinsichtlich der kurativen Medizin“, ist er überzeugt. Wolle man in der Prävention erfolgreich sein, so der Sozialmediziner, müsse man zielgruppenspezifisch, risikobezogen und auf Augenhöhe aufklären. Dafür müsse der Öffentliche Gesundheitsdienst gestärkt werden. „Dies ist ein Thema, das in die Koalitionsverhandlungen einfließen muss“, forderte er. „Wir brauchen sozial- und gesundheitspolitische Konzepte“, betonte der Arzt. „Ich befürchte, dass die soziale Schere durch die Pandemie und den Lockdown noch weiter aufgegangen ist.“

Im OECD-Raum hat die Pandemie direkt und indirekt zu einem Anstieg der erwarteten Zahl der Todesfälle um 16 Prozent in 2020 und im ersten Halbjahr 2021 geführt. Auswirkungen hat sie vielfach aber auch auf die Lebenserwartung. „Diese sank in 24 von 30 Ländern, für die vergleichbare Daten vorliegen“, erklärt OECD-Gesundheitsexperte Michael Müller. Am deutlichsten sei sie in den USA (−1,6 Jahre) und Spanien (−1,5 Jahre) zurückgegangen, aber auch in Österreich (−0,7 Jahre) und der Schweiz (−0,8 Jahre). „Die Studie zeigt aber auch, dass der Großteil der Gesundheitsausgaben nach wie vor auf die kurative Versorgung und nicht auf Prävention oder Gesundheitsförderung entfällt“, erläuterte er. In den kommenden Jahren müssten die Staaten dringend in die Primärversorgung und die Prävention investieren. Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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