ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2021Krankenhäuser: Akute und strukturelle Probleme

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Krankenhäuser: Akute und strukturelle Probleme

Osterloh, Falk

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Einer Impfpflicht will sich die Pflege nicht entgegenstellen, wenn sie für alle Gesundheitsberufe eingeführt wird. Foto: picture alliance/Phanie BURGER
Einer Impfpflicht will sich die Pflege nicht entgegenstellen, wenn sie für alle Gesundheitsberufe eingeführt wird. Foto: picture alliance/Phanie BURGER

Im Winter 2021/2022 stehen viele Krankenhäuser mit dem Rücken zur Wand. In der vierten Pandemiewelle treffen Personalmangel und Liquiditätsprobleme auf eine wachsende Zahl an vor allem ungeimpften COVID-19-Patienten. Die neue Bundesregierung soll helfen.

Die deutschen Krankenhäuser sehen sich derzeit mit zahlreichen Problemen konfrontiert – sowohl mit akuten Problemen, ausgelöst durch die vierte Welle der Coronapandemie, als auch mit strukturellen. Auf dem Deutschen Krankenhaustag, der vom 15. bis 17. November in Düsseldorf stattfand, fassten Vertreter von Krankenhäusern, Klinikärzten und Krankenpflege zusammen, welche politische Unterstützung sie sofort benötigen und welche langfristigen Reformen sie von der neuen Bundesregierung erwarten. Zur selben Zeit saßen die Mitglieder der Ampelkoalition in Berlin zusammen, um sich auf einen Koalitionsvertrag zu verständigen – den sie in der Woche vom 22. bis 26. November (nach Redaktionsschluss) veröffentlichen wollen.

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Operationen werden verschoben

Auf dem Krankenhaustag wiesen die Experten darauf hin, dass Notfallpatienten einen gesundheitlichen Schaden erleiden würden, weil die Intensivbetten wegen nicht geimpfter COVID-19-Patienten überfüllt seien. „Wenn die COVID-19-Inzidenzen exponentiell ansteigen, wissen wir, dass wir auf den Intensivstationen der Krankenhäuser in Kürze an unsere Grenzen gelangen werden“, sagte der Präsident des Verbandes der Leitenden Krankenhausärzte Deutschlands (VLK), PD Dr. med. Michael A. Weber.

„Notfallpatienten nehmen Schaden, die nichts mit der vierten Pandemiewelle zu tun haben.“ Michael A. Weber, VLK. Foto: privat
„Notfallpatienten nehmen Schaden, die nichts mit der vierten Pandemiewelle zu tun haben.“ Michael A. Weber, VLK. Foto: privat

Das bedeute, dass dringliche Operationen verschoben werden müssten und Patienten dadurch Schaden nehmen würden, die nichts mit der vierten Pandemiewelle zu tun hätten. „Das ist keine Bagatelle, sondern ein wirklich ernstes Problem“, betonte Weber. Und das Hauptproblem dabei seien die Ungeimpften. Kritik richtete Weber auch „an die Kolleginnen und Kollegen“, die einen Freedom Day in Aussicht gestellt hätten. „Es war absehbar, was kommt“, sagte Weber. „Die Wissenschaft hat es vorhergesagt.“

Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Dr. rer. pol. Gerald Gaß, wiederholte die Forderung von Bundesärztekammer (BÄK), DKG, Deutschem Pflegerat und dem Verband medizinischer Fachberufe (VMF), der Empfehlung des Deutschen Ethikrates an die Politik zu folgen, kurzfristig die Einführung einer berufsbezogenen Impfpflicht zum Schutz besonders vulnerabler Menschen in Einrichtungen des Gesundheitswesens zu prüfen. Die Vorsitzende des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe (DBfK) Südost, Dr. phil. Sabine Berninger, betonte in diesem Zusammenhang: „Wenn eine Entscheidung fällt, dass für alle Gesundheitsberufe eine Impfpflicht eingeführt wird, wird sich die Pflege dem nicht dagegenstellen.“ Der Evangelischen Heimstiftung zufolge, die in Baden-Württemberg 90 Pflegeeinrichtungen betrifft, liegt die Impfquote unter den Pflegenden bei etwa 73 Prozent. Weitere fünf bis zehn Prozent sind entweder nach einer Coronainfektion genesen oder dürfen nicht beziehungsweise noch nicht geimpft werden. In den einzelnen Heimen variiere die Impfquote zwischen unter 70 und über 90 Prozent.

„Wenn Ungeimpfte die Möglichkeiten der Krankenhäuser in Anspruch nehmen, ist das ein Problem.“ Gerald Gaß, DKG. Foto: DKG/Tobias Vollmer
„Wenn Ungeimpfte die Möglichkeiten der Krankenhäuser in Anspruch nehmen, ist das ein Problem.“ Gerald Gaß, DKG. Foto: DKG/Tobias Vollmer

Gaß appellierte einmal mehr an die Bevölkerung, sich gegen COVID-19 impfen zu lassen. „Impfen ist keine Privatangelegenheit“, sagte er. Die Möglichkeiten der Kliniken, Patienten zu behandeln, seien endlich. Deshalb müssten diese Kapazitäten auch für andere schwer kranke Menschen zur Verfügung stehen: für Patienten mit einem Herzinfarkt, Unfallpatienten oder für Patienten mit einer Krebserkrankung. „Wenn die Möglichkeiten der Krankenhäuser von Menschen in Anspruch genommen werden, die nicht geimpft sind, ist das ein Problem“, betonte Gaß.

Verantwortungsvolle Vorbilder

In diesem Zusammenhang forderte er auch verantwortungsvolle Vorbilder: „Es ist mehr als kritisch, wenn der bayerische stellvertretende Ministerpräsident monatelang in der Öffentlichkeit darüber nachdenkt, ob er sich nun impfen lassen soll oder nicht.“ Ebenso kritisch sei es, wenn in den Fußballstadien 2G-Regeln herrschten, auf dem Fußballrasen aber nicht.

In dieser Situation sei der Frust in den Kliniken groß. Denn es gebe Versäumnisse, die jetzt die Mitarbeiter der Krankenhäuser ausbaden müssten. „So haben wir bis heute keinen nationalen Krisenstab, der kontinuierlich tagt und in dem die wesentlichen Akteure des Gesundheitswesens vereint sind“, kritisierte Gaß. „Das hätte für Akzeptanz gesorgt und die Vielstimmigkeit verhindert, die wir erleben.“

Zudem kritisierte er, dass die Impfzentren geschlossen wurden, kurz bevor viele geimpfte Bürger ihre Boosterimpfung erhalten mussten. „Allen war klar, dass eine Boosterimpfung nach sechs Monaten gebraucht wird“, sagte Gaß. Unverständlich sei zudem, warum ein Arbeitgeber seine Mitarbeiter nicht fragen dürfe, ob sie geimpft seien, während diese ihren Impfnachweis in der nächsten Pizzeria vorzeigen müssten.

Finanzieller Rettungsschirm

Darüber hinaus forderte der DKG-Vorsitzende die Einführung eines finanziellen Rettungsschirms für die Krankenhäuser in der vierten Pandemiewelle. „Wir brauchen dringend einen wirksamen Rettungsschirm, der uns in die Lage versetzt, unsere volle Flexibilität zur Verfügung zu stellen“, sagte Gaß. Bislang sei ein Zuschlag für die Krankenhäuser vorgeschlagen worden, die die COVID-19-Patienten versorgen. Das werde aber nicht ausreichen. Denn auch alle anderen Krankenhäuser hätten durch die Pandemie erhebliche wirtschaftliche Verluste. „Wir brauchen eine nachhaltige Botschaft für das Jahr 2022“, betonte Gaß. „Denn auch im kommenden Jahr wird die Pandemie noch nicht vorbei sein.“

Der DKG-Vorsitzende zeigte sich zuversichtlich, dass die kommende Bundesregierung aus SPD, Grünen und FDP Reformen in drei Bereichen der stationären Versorgung auf den Weg bringen werde. Zum einen gehe es dabei um eine Reform der Krankenhausfinanzierung, bei der ein Teil der Erlöse nicht mehr leistungsbezogen an die Krankenhäuser geht, sondern im Rahmen einer Grundfinanzierung, sagte Gaß. Zudem gebe es Signale der Ampelkoalitionäre, dass die Bundesregierung die Krankenhäuser stärker in die Lage versetzen will, Patienten im Krankenhaus ambulant zu versorgen. „Und drittens nehmen wir wahr, dass möglicherweise die Initiative von Verdi, dem Deutschen Pflegerat und der DKG aufgegriffen wird, mit der ein Instrument zur Bemessung des Personalbedarfs in der Pflege im Krankenhaus eingeführt werden soll“, sagte Gaß.

Darüber hinaus formulierten Verbandsvertreter auf dem Krankenhaustag weitere Forderungen an die kommende Bundesregierung. VLK-Präsident Weber kritisierte die Ausgestaltung der Pflegebudgets, in denen die Pflegepersonalkosten seit dem Jahr 2020 zusammengeführt sind und die Krankenhäuser und Krankenkassen jedes Jahr auf Basis der Ist-Kosten verhandeln. Das Pflegebudget erweise sich als enorm problematisch, sagte Weber, denn vielen Krankenhäusern seien die entsprechenden Kosten von den Krankenkassen noch nicht erstattet worden. „Es ist gut, dass das Pflegebudget die Pflegenden begünstigt“, so Weber weiter. Die Ausgliederung der Pflegepersonalkosten aus den DRGs führe aber dazu, dass nun bei anderem Personal gespart werde, zum Beispiel bei den Ärzten.

Der Präsident des Verbandes der Krankenhausdirektoren Deutschlands (VKD), Dr. rer. soc. Josef Düllings, meinte, dass mehr als 60 Prozent der Krankenhäuser noch kein Pflegebudget für das Jahr 2020 abgeschlossen hätten. „Die Krankenhäuser sind in Vorleistung gegangen und haben Pflegekräfte eingestellt“, sagte Düllings. Dass bei vielen Krankenhäusern noch kein Budget feststehe, bringe diese Häuser in die Nähe einer Insolvenzgefährdung. „Der Gesetzgeber sollte prüfen, ob er die Krankenkassen nicht zur Finanzierung des nachgewiesenen Bedarfs an Pflegekräften verpflichtet“, sagte der VKD-Präsident.

Zudem forderte Düllings Bund und Länder dazu auf, sich bei der Frage der Investitionskostenfinanzierung zu einigen. Derzeit erhielten die Krankenhäuser insgesamt drei Milliarden Euro weniger Investitionsmittel von den Ländern, als sie benötigten. In den vergangenen zehn Jahren sei so eine Investitionslücke von 30 bis 40 Milliarden Euro entstanden.

Berninger vom DBfK Südost forderte, dass die Aufgabenverteilung zwischen den Gesundheitsfachberufen überdacht werden müsse. „Wir benötigen eine Gestaltung der Versorgung, die sich an den Kompetenzen der handelnden Personen orientiert“, sagte sie. „Pflegefachpersonen haben mehr Kompetenzen, als sie heute einsetzen dürfen. Sie sind bereit, mehr Verantwortung zu übernehmen.“

Verlässliche Dienstpläne

Zudem bräuchten die Pflegefachpersonen einen Schutz vor körperlicher und seelischer Überlastung. Dafür bedürfe es der Einhaltung von Pausen, verlässlicher Dienstpläne und auch einer Beteiligung in den Entscheidungsgremien. Darüber hinaus müsse in die Aus-, Fort- und Weiterbildung der Pflegenden investiert werden, unter anderem auch in die hochschulische Ausbildung. Derzeit gebe es in den Krankenhäusern zu wenige Personen in der Pflege. „Und die, die da sind, können nicht mehr“, sagte Berninger. „Sie müssen zu viele Patienten versorgen. Und sie haben keine Zeit mehr für eine fachlich gute Anleitung.“ Die bisher von der scheidenden Bundesregierung getroffenen Maßnahmen seien für die Pflegefachpersonen in den Krankenhäusern bislang nicht spürbar.

Falk Osterloh

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