ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2021Fehlgedeutete Beschwerden: Long-COVID-Symptome, die irrtümlich auf eine Infektion geschoben werden

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Fehlgedeutete Beschwerden: Long-COVID-Symptome, die irrtümlich auf eine Infektion geschoben werden

Lenzen-Schulte, Martina

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Nicht alle Beschwerden, die ein Long-COVID-Syndrom ausmachen könnten, müssen Spätfolgen einer Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus sein. Dies ist das Ergebnis einer Studie von französischen Forschern um Joane Matta vom Institut National de la Santé et de la Recherche Médicale INSERM.

Sie basiert auf der sogenannten CONSTANCES Kohorte, die in Frankreich rund 200 000 Freiwillige zwischen 18 und 69 Jahren umfasst und regelmäßig analysiert wird. 26 823 Teilnehmer im Alter von rund 50 Jahren erhielten SARS-CoV-2-Antikörperteste zur Selbstkontrolle und wurden über persistierende Symptome befragt. Dazu zählten Schlafprobleme, Muskel- und Gelenkschmerzen, Fatigue, schlechte Konzentrationsfähigkeit, Husten, Kopfschmerzen, Missempfindungen, Hautaffektionen, Verstopfung, Durchfall, Hörschwierigkeiten, Schwindel, Anosmie und andere. Von den 914 Teilnehmern, die bei sich eine COVID-Infektion vermuteten, bestätigte sich dies nur für 453. 638 Teilnehmer mit positiver Serologie hielten sich für nicht infiziert. Die Mehrheit von 25 271 Personen nahm keine Infektion an und war auch im Test unverdächtig.

Mit Odds Ratios von 1,39 bis 16,37 entschied meist allein der Glaube an eine durchgemachte Infektion darüber, ob über persistierende Long-COVID-Symptome geklagt wurde – unabhängig davon, ob derjenige tatsächlich infiziert gewesen war. So gaben 13,8 % der Seronegativen Fatigue an, wenn sie sich für infiziert hielten. Taten sie das nicht, fühlten sich nur 3,5 % müde. Bei den Seropositiven war es ähnlich: Die 12,6 %, die sich infiziert glaubten, gaben eine Fatigue an, hielten sie sich für nicht betroffen, waren es 2,5 %. Nur das Symptom „Anosmie“ unterlag nicht diesem „Glaubens“-Bias.

Fazit: Die Autoren vermuten, dass die unspezifischen Long-COVID-Symptome schlichtweg sehr häufig innerhalb der Bevölkerung sind. Long-COVID-Beschwerden müssten deswegen nicht zwingend von einer SARS-CoV-2-Infektion verursacht worden sein. Man solle, so lautet das Fazit, den Patienten eine professionelle Evaluation anbieten, damit sie nicht irrtümlich ihre Leiden für eine COVID-19-Folge hielten. Dr. med. Martina Lenzen-Schulte

Matta J, et al.: Association of Self-reported COVID-19 Infection and SARS-CoV-2 Serology Test Results With Persistent Physical Symptoms Among French Adults During the COVID-19 Pandemic. JAMA Intern Med 8. November 2021. doi: 10.1001/jamainternmed.2021.6454.

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