ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2021Coronapolitik: Vorsicht Desinformation

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Coronapolitik: Vorsicht Desinformation

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Chefredakteur
Michael Schmedt, Chefredakteur

Die Bundestagsdebatte zum Infektionsschutzgesetz vergangene Woche (kurz vor Redaktionsschluss) war sehr von Parteipolitik, zum Teil auch von Profilierungsgehabe geprägt. Das wurde der derzeitigen Pandemielage nicht gerecht. Diskussionen um Einzelparagrafen zwischen Union und Ampel, denen man kaum noch folgen konnte, sorgen bei den Bevölkerungsgruppen, die ohnehin am Regierungshandeln zweifeln, für noch mehr Frust. Eine stringente politische Handlungs- und Kommunikationslinie fehlt. Wie zum Beispiel bei den wochenlangen Diskussionen um die Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen, während andere europäische Länder diese längst eingeführt hatten. Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) beschwerte sich in der Talkshow Maybrit Illner, er hätte vier Wochen benötigt, um die Bund-Länder-Kommission zusammenzubekommen. So wird Zeit vergeudet.

Neben dem politischen Unvermögen, richtig zu handeln und die notwendigen Botschaften an die Frau oder den Mann zu bringen, geht es auch um eine Entwicklung, die noch zu wenig wahrgenommen wird: die systematische Desinformation. Seit dem Beginn der Impfkampagne wird immer wieder versucht, die Coronaimpfungen zu diskreditieren. Dagegen gemacht wird wenig.

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Fatalerweise bekommen solche Desinformationen bereits im Bundestag eine Bühne. Vergangene Woche hielt der AfD-Abgeordnete Martin Sichert dort eine Tirade gegen das Impfen. „Seit Februar seien mehr Jugendliche infolge der Impfung als an Corona gestorben“, behauptete er von der Zuschauertribüne im Bundestag, von der er reden musste, weil er sich nicht testen lassen wollte. Und weiter forderte er die Regierung auf, den Menschen nicht weiter zu erzählen, die Impfung würde sie komplett schützen. Nun kann man froh sein, dass die Bevölkerung wohl seltener Bundestagsdebatten zuschaut, aber man möchte nicht wissen, wie Sichert in seinem Wahlkreis Nürnberg-Nord gegen Impfungen agitiert. Einer Forsa-Umfrage zufolge wählen 50 Prozent der Ungimpften die AfD.

Ein anderer Schauplatz von zumindest einseitigen Informationen ist seit Beginn der Pandemie die BILD-Zeitung. „Was hat Impfen eigentlich gebracht?“ titelte das Boulevardblatt nach den ersten Durchbruchinfektionen Mitte November. Der Bärendienst, den das Blatt damit der Coronaimpfkampagne verpasste, könnte größer nicht sein. Und dann sind da noch die einschlägigen Internetportale wie Epochtimes oder Russia Today, die systematisch unter journalistischem Gewand alles infrage stellen, was Wissenschaft und Politik in der Pandemie machen. Nicht zu vergessen die sozialen Medien und Messengergruppen, in denen großflächig Falschinformationen verbreitet werden.

Man kann argumentieren, es seien nur wenige im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung. Aber man unterschätzt die Reichweite, die diese Agitatoren inzwischen haben. Impfungen sind erste Bürgerpflicht, auch mehr Forschung für COVID-19-Medikamente, von Hygieneregeln und Masken ganz zu schweigen. Aber man muss sich langfristig Gedanken machen, wie man kommuniziert. Klimaleugner nutzen zum Beispiel dieselben Mechanismen.

Wo ist zum Beispiel der Werbespot für das Impfen vor der Tagesschau, dem Blockbuster oder in den Streamingdiensten? Wo sind flächendeckend die Teams, die in den besonders gefährdeten Stadtteilen Aufklärung leisten? Und was macht eigentlich die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung? Mit gut gemachter Aufklärung kann man die Pandemie nicht aufhalten, aber wenn sie aktuell die unsicheren Ungeimpften erreicht, wäre das schon ein großer Schritt nach vorn.

Michael Schmedt
Chefredakteur

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