ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2021Untersuchung des Einflusses klimatischer Faktoren auf die Provokation epileptischer Anfälle
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Die Analyse möglicher Auslösefaktoren epileptischer Anfälle hat hohe klinische Relevanz, da durch die Vermeidung solcher Faktoren epileptische Anfälle vermieden werden könnten. Mögliche Trigger bei speziellen Epilepsiesyndromen sind zum Beispiel psychischer Stress, Schlafentzug, sensorische Stimulation, vergessene Medikamenteneinnahme, Alkoholentzug oder Hyperventilation.

Ziel dieser Studie ist, den Einfluss des Wetters auf die Anfallshäufigkeit zu untersuchen, zumal dies auch angesichts des Klimawandels von Belang ist.

Methode

In unsere explorative, retrospektive Studie wurden anonymisiert alle Patienten eingeschlossen, die im Zeitraum vom 1. 1. 2015 bis 31. 12. 2019 nach einem epileptischen Anfall in der Klinik für Neurologie des Westpfalz-Klinikums Kaiserslautern behandelt wurden. Elektive Aufnahmen zur Epilepsieabklärung erfolgten in diesem Zeitraum nur vereinzelt. In der Studie erfolgte eine Einteilung in drei Altersgruppen: Gesamtpopulation, Altersgruppe unter 16 Jahre und Altersgruppe ab 16 Jahre.

Berücksichtigt wurden 13 verschiedene Wetterparameter, die vom Deutschen Wetterdienst zur Verfügung gestellt wurden: Tageshöchst-, Tagesmittel- und Tagestiefsttemperaturen in 2 m über Grund (°C), Tagesmittelwerte der relativen Luftfeuchtigkeit (%), Tiefsttemperaturen in 5 cm über Grund (°C), Tagessummen des Niederschlags (L/qm), Mittelwerte des Dampfdrucks (Hektopascal [hPa]), Tagesmittelwerte des Luftdrucks (hPa) an der Wetterstation Weinbiet (Station) und in Kaiserslautern (Klinik), Sonnenscheindauer (Zehntelstunden), Tagesmittel der Windstärke (Beaufort), Tagesmittelwerte der Gesamtbedeckung des Himmels mit Wolken (Achtel) und der maximalen Windgeschwindigkeit (m/s).

Die Anfallshäufigkeiten wurden monatsweise mithilfe des Kruskal-Wallis-Tests untersucht. Die statistische Analyse zum Zusammenhang von Klimaparametern und Anfallshäufigkeit erfolgte mittels Korrelationsanalyse nach Spearman und durch konditionale Poisson-Regression (1), bei denen die Anfallshäufigkeit jeweils durch einen Wetterparameter modelliert wurde, wobei eine Adjustierung nach Jahr, Monat und Wochentag erfolgte. Ein verzögerter Einfluss des Wetters wurde durch Modelle untersucht, in denen der Wetterparameter mit einer Zeitverzögerung von 1–3 Tagen berücksichtigt wurde. Es wurde sowohl ein linearer als auch ein nichtmonotoner Zusammenhang untersucht, wofür die Parameter jeweils anhand der Quantile in 3–5 Kategorien eingeteilt wurden.

Ergebnisse

Im Fünfjahreszeitraum wurden 2 813 epileptische Anfälle ausgewertet. Darunter waren 2 174 stationäre und 639 ambulante Fälle. Patienten, die mehrere Anfälle hatten, wurden nur einfach berücksichtigt. Dies entsprach im Mittel 1,54 Anfällen pro Tag. Das Patientenkollektiv hatte ein mittleres Alter von 49,9 Jahren. Das Geschlechterverhältnis der stationären Anfälle war mit 50,1 % Frauen und 49,9 % Männern sehr ausgeglichen (Tabelle 1).

Anfallshäufigkeit im Tagesdurchschnitt je Monat gesamt sowie bei Betroffenen < 16 Jahren und = 16 Jahren
Tabelle 1
Anfallshäufigkeit im Tagesdurchschnitt je Monat gesamt sowie bei Betroffenen < 16 Jahren und = 16 Jahren

Bei der Untersuchung der Anfallshäufigkeit, aufgeschlüsselt nach den einzelnen Monaten, zeigte sich im Gesamtkollektiv die höchste Anfallsfrequenz mit durchschnittlich 1,66 Anfällen pro Tag im Oktober. Die niedrigste Anfallsfrequenz wurde im September mit 1,37 Anfällen pro Tag gemessen. Der Kruskal-Wallis Test zeigte jedoch keine statistisch signifikanten Unterschiede (gesamt: p = 0,550; < 16 Jahre: p = 0,904; ≥ 16 Jahre: p = 0,689) (Tabelle 2).

Korrelationen zwischen Wetterparametern und Anfallshäufigkeiten sowie Inzidenzraten-Ratios (IRR) der linearen Einflüsse der Wetterparameter, die sich aus den konditionalen Poisson-Modellen ergeben
Tabelle 2
Korrelationen zwischen Wetterparametern und Anfallshäufigkeiten sowie Inzidenzraten-Ratios (IRR) der linearen Einflüsse der Wetterparameter, die sich aus den konditionalen Poisson-Modellen ergeben

Die statistische Analyse bezüglich eines möglichen Zusammenhangs zwischen den Wetterparametern und der Anfallshäufigkeit ergab mit der Korrelationsanalyse keine statistisch signifikanten Auffälligkeiten. Lediglich zwei Poisson-Modelle legen einen Zusammenhang nahe: Eine Windgeschwindigkeit zwischen 7,7 und 9,4 m/s scheint eine protektive Wirkung gegenüber einer Windgeschwindigkeit von unter 6,2 m/s zu haben (Inzidenzraten-Ratio [IRR] = 0,802; 95-%-Konfidenzintervall: [0,699; 0,920]; p = 0,002), während größere Windstärken vor zwei Tagen das Anfallsrisiko tendenziell erhöhen (IRR = 1,066 [1,002; 1,134]; p = 0,044). Die Analyse der Zeitverzögerung von 1–3 Tagen ergab ebenfalls keine relevanten Auffälligkeiten.

Diskussion

Der Einfluss des Wetters auf die Wahrscheinlichkeit des Auftretens eines epileptischen Anfalls ist sehr komplex und noch nicht ausreichend verstanden (2, 3, 4). So ist auch die verzögerte Wirkung des Wetters auf epileptische Ereignisse denkbar, was sich in unseren Untersuchungen im erhöhten Anfallsrisiko nach einer höheren Windstärke zwei Tagen zuvor widerspiegelt. Die widersprüchlichen Ergebnisse früherer Studien können teilweise damit erklärt werden, dass bei multiplem Testen auftretende falsch-positive Ergebnisse und differierende Klimazonen nicht ausreichend berücksichtigt wurden. Dies wäre auch eine Erklärung, warum in Griechenland im Sommer gehäuft Anfälle aufgetreten sind.

In der Gesamtschau sprechen unsere Daten und die vergleichbarer Studien dafür, dass der Einfluss des Wetters und damit auch des Klimawandels auf das Krankheitsbild der Epilepsie gering ist. Statistisch reproduzierbare signifikante Ergebnisse, die nicht auch mit dem multiplen Testproblem erklärt werden könnten, wurden weder in unserer Studie noch in anderen früher vorgelegten Arbeiten nachgewiesen. Dies ist sicherlich auch darauf zurückzuführen, dass sich der moderne Mensch überwiegend in geschützten klimatisierten Räumen oder Fahrzeugen aufhält. Für Menschen, die der Witterung ungeschützt ausgesetzt sind, wie zum Beispiel Bauern oder Straßenarbeiter, wäre ein klinisch relevanter Einfluss bestimmter Wetterparameter durchaus denkbar. Dies sollte in zukünftigen Studien gezielter untersucht werden.

Epileptische Anfälle können unstrittig durch den Organismus belastende Triggerfaktoren ausgelöst werden. Daher ist anzunehmen, dass extreme Witterungsbedingungen Anfälle provozieren können. In den gemäßigten Regionen haben die unangenehm kalten Wintermonate wahrscheinlich einen geringgradig anfallsfördernden Effekt, während dies in den äquatornäheren Klimazonen eher die heißen Sommermonate sind. Der moderne Mensch entzieht sich diesen belastenden Einflüssen jedoch weitgehend. Für die Normalbevölkerung ist der Einfluss der Witterung infolgedessen recht gering. Daher sollten gegenüber Epilepsiepatienten keine Empfehlungen ausgesprochen werden, die diese in ihrer Lebensführung unnötig einschränken.

Philipp Treib, Sebastian Treib, Werner Adler, Hajo Hamer, Stefan Schwab, Hermann Stefan, Thilo Hammen, Johannes Treib

Klinik für Neurologie, Universitätsklinikum Erlangen (Treib P, Hamer, Schwab, Stefan, Hammen), ehammen@westpfalz-klinikum.de

Poliklinik für Parodontologie und Zahnerhaltung, Universitätsmedizin Mainz (Treib P)

Klinik für Neurologie, Universitätsklinikum Homburg (Treib S)

Institut für Medizininformatik, Biometrie und Epidemiologie, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen (Adler)

Klinik für Neurologie, Westpfalz-Klinikum Kaiserslautern (Hammen, Treib J)

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 7. 5. 2021, revidierte Fassung angenommen: 11. 8. 2021

Zitierweise
Treib P, Treib S, Adler W, Hamer H, Schwab S, Stefan H, Hammen T, Treib J: The effect of climatic factors on the provocation of epileptic seizures.
Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 832–3. DOI: 10.3238/arztebl.m2021.0317

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de

1.
Armstrong BG, Gasparrini A, Tobias A: Conditional Poisson models: a flexible alternative to conditional logistic case cross-over analysis. BMC Med Res Methodol 2014; 14: 122 CrossRef MEDLINE PubMed Central
2.
Alexandratou I, Verentzioti A, Siatouni A, et al.: Seasonal pattern of epileptic seizures: a single-center experience. Neurol and Neurobiol 2020; 1–4 CrossRef
3.
Brás PC, Barros A, Vaz S, et al.: Influence of weather on seizure frequency—clinical experience in the emergency room of a tertiary hospital. Epilepsy Behav 2018; 86: 25–30 CrossRef MEDLINE
4.
Rakers F, Walther M, Schiffner R, et al.: Weather as a risk factor for epileptic seizures: a case-crossover study. Epilepsia 2017; 58: 1287–95 CrossRef MEDLINE
Anfallshäufigkeit im Tagesdurchschnitt je Monat gesamt sowie bei Betroffenen < 16 Jahren und = 16 Jahren
Tabelle 1
Anfallshäufigkeit im Tagesdurchschnitt je Monat gesamt sowie bei Betroffenen < 16 Jahren und = 16 Jahren
Korrelationen zwischen Wetterparametern und Anfallshäufigkeiten sowie Inzidenzraten-Ratios (IRR) der linearen Einflüsse der Wetterparameter, die sich aus den konditionalen Poisson-Modellen ergeben
Tabelle 2
Korrelationen zwischen Wetterparametern und Anfallshäufigkeiten sowie Inzidenzraten-Ratios (IRR) der linearen Einflüsse der Wetterparameter, die sich aus den konditionalen Poisson-Modellen ergeben
1.Armstrong BG, Gasparrini A, Tobias A: Conditional Poisson models: a flexible alternative to conditional logistic case cross-over analysis. BMC Med Res Methodol 2014; 14: 122 CrossRef MEDLINE PubMed Central
2.Alexandratou I, Verentzioti A, Siatouni A, et al.: Seasonal pattern of epileptic seizures: a single-center experience. Neurol and Neurobiol 2020; 1–4 CrossRef
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4.Rakers F, Walther M, Schiffner R, et al.: Weather as a risk factor for epileptic seizures: a case-crossover study. Epilepsia 2017; 58: 1287–95 CrossRef MEDLINE

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