ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2021HIV/Aids: Erste Ziele erreicht

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HIV/Aids: Erste Ziele erreicht

Hillienhof, Arne

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Foto: picture alliance/Shotshop
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Deutschland hat im vergangenen Jahr erstmals das „90–90–90-Ziel“ des gemeinsamen Programms der Vereinten Nationen gegen HIV/Aids (UNAIDS) erreicht. Zu tun gibt es dennoch weiterhin viel.

UNAIDS hat im Jahr 2014 das „90–90–90-Ziel“ formuliert, demzufolge bis zum Jahr 2020 mindestens 90 Prozent aller Menschen mit HIV diagnostiziert sein und von diesen mindestens 90 Prozent antiretroviral therapiert werden sollten. Bei mindestens neun von zehn Therapierten sollte kein HI-Virus mehr im Blut nachweisbar sein. Das Robert Koch-Institut (RKI) berichtet jetzt im Epidemiologischen Bulletin (1), dass in Deutschland 2020 alle Zielwerte erfüllt wurden: Erstmals wurden danach rund 90 Prozent der HIV-Infizierten diagnostiziert. Der Anteil der erfolgreichen Therapien lag in Deutschland im Jahr 2020 laut der RKI-Analyse bei etwa 96 Prozent. Der Anteil der erfolgreichen Therapien liege bereits seit 2011 über 90 Prozent.

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Zielvorgaben erhöht

„In den letzten beiden Bereichen sind jetzt kaum noch weitere Fortschritte zu erzielen“, schreiben die RKI-Wissenschaftler. Sie weisen aber darauf hin, dass sich der Wert von 96 Prozent erfolgreichen Therapien auf Personen beziehe, die sich in fachärztlicher Betreuung befänden. „Menschen ohne in Deutschland gültige Krankenversicherung und Konsumenten intravenös verabreichter Drogen sind in diesen Daten nicht angemessen repräsentiert. Für diese Gruppen sind sehr wohl weitere Verbesserungen nötig und möglich“, so die Autoren des Beitrags im Epidemiologischen Bulletin. Aktuell hat UNAIDS bis 2025 für alle drei Indikatoren die Zielvorgaben auf 95 Prozent erhöht.

Auch gesellschaftlich sind Verbesserungen nötig und möglich: „Menschen mit HIV werden noch immer mit Vorurteilen und Diskriminierung konfrontiert. Viele Menschen wissen nicht, dass sich das Leben mit dem HI-Virus durch die medizinischen Fortschritte verändert hat und haben zum Teil unbegründete Ängste vor einer HIV-Übertragung“, erläuterte Martin Dietrich, kommissarischer Direktor der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), im Vorfeld des Welt-Aids-Tages am 1. Dezember. Er bezog sich damit unter anderem auf eine Online-Befragung der Studie „positive stimmen“ aus dem Jahr 2020. Darin gaben 90 Prozent der Befragten an, sie würden gut mit ihrer HIV-Infektion leben. 95 Prozent berichteten jedoch von mindestens einer diskriminierenden Erfahrung in den letzten zwölf Monaten aufgrund von HIV. 52 Prozent gaben an, durch Vorurteile bezüglich der HIV-Infektion in ihrem Leben beeinträchtigt zu sein.

Doch das Virus spielt nicht mehr die Hauptrolle im Alltag der Betroffenen – zumindest in Deutschland. Menschen mit HIV können bei rechtzeitiger Diagnose und Therapie leben wie alle anderen. Sie haben dementsprechend auch die gleichen Alltagsprobleme. Das ist die Hauptbotschaft der Gemeinschaftskampagne „Leben mit HIV. Anders als du denkst“ der BZgA, der Deutschen AIDS-Stiftung und der Deutschen Aidshilfe zum Welt-Aids-Tag. Die Kampagne soll der Diskriminierung von HIV-positiven Menschen entgegenwirken. Sie transportiert ihre Botschaft über Plakate, Leporellos und Postkarten sowie online.

HIV und Aids in Deutschland

Die Zahl der HIV-Neuinfektionen und die Zahl der Menschen in Deutschland, die mit einer HIV-Infektion leben, können laut dem RKI nicht direkt gemessen, sondern nur mithilfe von Modellrechnungen geschätzt werden.

Das RKI geht laut dem Epidemiologischen Bulletin davon aus, dass Ende 2020 etwa 91 400 Menschen in Deutschland mit einer HIV-Infektion lebten (95-%-KI: 85 600–98 000).

Die Gesamtzahl der Menschen, die mit noch nicht diagnostizierter HIV-Infektion in Deutschland leben, stieg danach von etwa 8 400 im Jahr 2000 auf etwa 11 200 im Jahr 2010 an und geht seitdem langsam zurück – im Jahr 2020 schätzt das RKI sie auf 9 500 (95-%-KI: 9 000–10 100).

Seit 2016 ist die Zahl der HIV-Neuinfektionen in Deutschland langsam zurückgegangen. Für 2020 schätzt das Institut die Zahl der Neuinfektionen auf 2 000 (95-%-KI: 1 900–2 200) – „allerdings unter dem Vorbehalt, dass eine verminderte Testinanspruchnahme einen Teil des Rückgangs von Neuinfektionen auch nur vortäuschen könnte“, so die Autoren. Dr. med. Arne Hillienhof

1.Epid Bul 2021; 47: 3–1 < /td>

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