ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2021Hochschulmedizin: Zentral, in und nach der Pandemie

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Hochschulmedizin: Zentral, in und nach der Pandemie

Richter-Kuhlmann, Eva

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Das Netzwerk Universitätsmedizin (NUM) wurde 2020 zur Bündelung von Forschungsaktivitäten in der COVID-19-Pandemie ins Leben gerufen. Sein langfristiges Potenzial zeigt sich aktuell in der vierten Welle der Pandemie und wird auch für die Bewältigung künftiger Aufgaben erwartet.

Die Universitätskliniken – hier die Coronaintensivstation des Uniklinikums Dresden – tauschen über eine Forschungsdatenplattform bundesweit klinische Daten, Bilddaten und Daten zu Bioproben zu COVID-19 aus. Foto: picture alliance/dpa//Robert Michael
Die Universitätskliniken – hier die Coronaintensivstation des Uniklinikums Dresden – tauschen über eine Forschungsdatenplattform bundesweit klinische Daten, Bilddaten und Daten zu Bioproben zu COVID-19 aus. Foto: picture alliance/dpa//Robert Michael

Die Krise vereint. Das scheint auch für die Hochschulmedizin zu gelten. „Erstmals arbeiten alle Universitätskliniken in Deutschland zusammen. Das wäre noch vor Jahren undenkbar gewesen, funktioniert aber erstaunlich gut“, resümiert Prof. Dr. rer. nat. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitdizin Berlin und Vorstandsmitglied des Verbands der Universitätsklinika Deutschlands (VUD). Dabei verweist er auf das zu Pandemiebeginn gegründete Netzwerk Universitätsmedizin (NUM). Es habe der interdisziplinären Kooperation in den vergangenen Monaten einen „großen Schub“ verliehen.

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Welcher Mehrwert dadurch entstanden ist, wurde beim hybriden Tag der Hochschulmedizin am 25. November in Berlin deutlich, bei dem einige der NUM-Projekte vorgestellt wurden (Kasten). Generell zeigte sich: Eine zentrale Stellung der Universitätsmedizin mit ihrer engen Verbindung von Patientenversorgung, Pandemie- und Krisenmanagement sowie Forschung sorgt für eine schnelle Translation – und zwar in und nach der Pandemie.

„Die Hochschulmedizin hat die neuen Herausforderungen der Pandemie angenommen und an Lösungen gearbeitet“, erläutert Prof. Dr. med. Matthias Frosch, Präsident des Medizinischen Fakultätentages (MFT), beim Tag der Hochschulmedizin. „So haben wir mit dem NUM ein in Deutschland bisher einmaliges Netzwerk geschaffen, mit dem Versorgungs- und Forschungsergebnisse zu COVID-19 erarbeitet und in das Versorgungssystem gebracht werden“, betont er.

Unimedizin erstmals vereint

Ziel des im April 2020 gegründeten NUM ist es, Maßnahmenpläne, Diagnostik- und Behandlungsstrategien aller deutschen Universitätskliniken zusammenzuführen und auszuwerten, um COVID-19-Erkrankte optimal versorgen zu können. Bis 2024 wird das Netzwerk hierzu vom Bundesforschungsministerium (BMBF) mit 80 Millionen Euro jährlich gefördert.

Erfolge des NUM sind bereits sichtbar: In kurzer Zeit konzipierte es 13 Verbundprojekte zur COVID-19-Forschung und schaffte eine Plattform, auf der alle Standorte der deutschen Hochschulmedizin ihre Aktivitäten zu COVID-19 abstimmen und gemeinsam forschen. „Die große Mühe hat sich gelohnt“, bestätigt Veronika von Messling, Ministerialdirektorin im BMBF. Das Netzwerk helfe nicht nur, COVID-Patientinnen und -patienten optimal zu versorgen und Long COVID besser zu verstehen, sondern wirke auch über die Pandemie hinaus. „Mit dem NUM wurde ein großer struktureller Mehrwert erschlossen“, meint sie.

Ein starker Akzent der Aktivitäten des Netzwerks liegt auf der kliniknahen Forschung und der Versorgungsforschung, deren Ergebnisse möglichst schnell in das Versorgungsgeschehen beziehungsweise Krisenmanagement einfließen sollen. Dass dieses Netzwerk auch nach der Pandemie bestehen bleiben und dabei helfen wird, weitere medizinische Herausforderungen bewältigen zu können, ist MFT-Präsident Frosch angesichts des mittlerweile systematischen und flächendeckenden Austauschs zwischen den Kooperationspartnern und des gegenseitigen Lernens überzeugt. Die Initiative eröffne die Chance, die Kräfte der Universitätsmedizin und weiterer Akteure der biomedizinischen Forschung „in bisher nie dagewesener Weise“ zur Bekämpfung von Krisen zu bündeln.

Kroemer plant bereits ein NUM 2.0 mit allen 36 Universitätskliniken. Es müsse eine Art „Gedächtnis“ für den bestmöglichen Umgang mit einer Pandemie werden. „Die forschungsübergreifenden Infrastrukturen sollten aber auch für andere Zwecke jenseits der Pandemie genutzt werden“, betont er. Das NUM habe sein Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft. „Wir haben etwas Langfristiges geschaffen, mit dem sich neue Erkenntnisse in der Hochschulmedizin generieren lassen.“

Unikliniken aktuell am Limit

Momentan ist die Universitätsmedizin jedoch wieder im Krisenmodus. Die aktuellen Herausforderungen der Pandemie seien auch ein Anlass, erneut auf die Themen der Universitätsmedizin aufmerksam zu machen, betont Prof. Dr. med. Jens Scholz, 1. Vorsitzender des Verbands der Universitätsklinika Deutschlands, zur Eröffnung des Tages der Hochschulmedizin.

Im Zuge der Koalitionsverhandlungen hätten die Universitätsklinika auf ihre schwierige wirtschaftliche Lage und die notwendige Neuausrichtung der Krankenhausversorgung und -finanzierung hingewiesen und offensichtlich Gehör gefunden, so Scholz mit Verweis auf den von SPD, Grünen und FDP vorgelegten Koalitionsvertrag. „Dort wird jetzt die Universitätsmedizin erwähnt. Das ist ein Fortschritt.“

Die jüngste Aktivierung des Kleeblatt-Mechanismus, mit dem Patientinnen und Patienten zwischen Bundesländern verlegt werden, zeige aber auch, dass selbst die Universitätskliniken momentan an ihre Belastungsgrenzen kommen, erläuterte er. In einigen Regionen sei die Beteiligung der nicht universitären Krankenhäuser an der COVID-Versorgung nicht hinreichend gegeben. „Damit auch diese Häuser sich an der COVID-Versorgung beteiligen können, sollten die Freihaltepauschalen wiedereingeführt werden“, forderte der VUD-Vorsitzende.

Kurzfristig müssen aus Sicht der Hochschulmedizin jetzt die elektiven Eingriffe eingeschränkt werden, damit mehr Krankenhäuser ihren Anteil an der COVID-Versorgung leisten könnten. Andernfalls sei eine Überlastung der Universitätsklinika zu befürchten. Spezialisierte Behandlungen, etwa in der Transplantationsmedizin, Neuro- und Herzchirurgie oder der Hämato-Onkologie, müssten in der Hochschulmedizin weiter durchführbar bleiben. „Ein Universitätsklinikum kann seine Intensivbetten nicht zu 100 Prozent mit COVID-Patienten füllen“, so Scholz.

Versorgung in Extremsituation

Der Erste Bürgermeister und Präsident des Senats der Freien und Hansestadt Hamburg, Peter Tschentscher, dankte den Angehörigen der Hochschulmedizin für ihren Einsatz in der Pandemie. Diese habe gezeigt, wie exzellent die Universitätsmedizin in Deutschland ist, die auch unter extremen Anforderungen eine ausgezeichnete Versorgung sicherstellt. „Der große Einsatz von Ärztinnen und Ärzten, des Pflegepersonals und der weiteren Beschäftigten verdient höchste Anerkennung“, so Tschentscher. Universitätskliniken seien Impulsgeber der medizinischen Forschung und Pioniere der Anwendung neuer Verfahren. Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Netzwerk Universitätsmedizin (NUM) – Beispielprojekte

  • Projekt CODEX

Das Netzwerk Universitätsmedizin hat mit der Forschungsdatenplattform CODEX eine sichere, erweiterbare und interoperable Plattform zu Forschungsdaten zu COVID-19 aufgebaut, die die Universitätskliniken bundesweit verbindet. Klinische Daten, Bilddaten und Daten zu Bioproben werden den Kliniken mit dieser Infrastruktur patientenbezogen und pseudonymisiert zur Verfügung gestellt und ermöglichen neuartige Auswertungen. Künftig sollen über die standortübergreifende Plattform auch weitere Krankenhäuser eingebunden werden, erklärte Prof. Dr. rer. nat. Roland Eils von Berlin Institut of Health (BIH).

  • Projekt NAPKON

Um innerhalb der Pandemie Daten und Bioproben von Patientinnen und Patienten mit einer bestätigten SARS-CoV-2-Infektion einheitlich zu erfassen und eine Evidenzbasis für die beste Praxis im klinischen Management zu schaffen, wurde mit NAPKON eine dauerhafte Kohortenstruktur in das NUM integriert. Mit seinen umfassenden repräsentativen Daten- und Bioproben schaffe NAPKON eine einzigartige Grundlage für effektive Behandlungsmaßnahmen, erklärte Prof. Dr. med. Jörg Janne Vehreschild vom Universitätsklinikum Köln. Der akute und auch der chronische Verlauf von COVID-19 werde abgebildet.

  • Projekt DEFEAT PANDEMIcs

Das deutschlandweite Obduktionsnetzwerk für den Pandemiefall DEFEAT PANDEMIcs erfasst systematisch und standardisiert Daten und Erkenntnisse, die den Netzwerkpartnern dann zeitnah zur Auswertung zur Verfügung zu stehen. Dabei fungiere das Deutsche Register für COVID-19 Autopsien (DeRegCovid) als „zentrales elektronisches Rückgrat“ für die deutschlandweit erhobenen Daten und Bioproben aus den Autopsien von COVID-19-Patienten, erläuterte Prof. Dr. med. Peter Boor, Wissenschaftlicher Leiter des DeRegCovid. Es sei mit seinem multizentrischen Ansatz international das einzige seiner Art.

  • Projekt RACOON

Das Radiological Cooperative Network (RACOON) stellt erstmals eine landesweite Infrastruktur zur Erfassung radiologischer Daten von COVID-19-Fällen zur Verfügung. Die Daten dienen als Entscheidungsgrundlage für epidemiologische Studien, Lageeinschätzungen und Frühwarnmechanismen, bieten aber auch die Möglichkeit für die Automatisierung diagnostischer und bildverarbeitender Schritte. Ausgelöst durch die Pandemie konnte eine einzigartige Infrastruktur für die gesamte radiologische Gemeinschaft Deutschlands geschaffen werden, sagte Prof. Dr. med. Bernd Hamm von der Universitätsmedizin Berlin.

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