ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2021Kinderonkologische Zentren: Spenden fließen in die Regelversorgung

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Kinderonkologische Zentren: Spenden fließen in die Regelversorgung

Ebinger, Martin; Halber, Marco; Bader, Peter; Millmann, Desiree; Erdmann, Friederike; Kontny, Udo

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Kinderonkologische Zentren sind in Deutschland systematisch unterfinanziert. Deshalb sehen sich viele von ihnen gezwungen, die Regelversorgung durch Spendenmittel querzufinanzieren. Eine aktuelle Befragung ergibt, dass jedes Jahr etwa 17 Millionen Euro an Spendenmitteln für die Finanzierung der Regelversorgung eingesetzt werden.

Seit den 1970er-Jahren unterstützen Fördervereine für krebskranke Kinder die pädiatrisch-onkologischen Zentren in Deutschland (1). Diese Vereine betreiben ein zunehmend professionelleres Fundraising und stellen den Kliniken umfangreiche finanzielle Ressourcen zur Verfügung (2). Mit den Spenden soll die Patientenversorgung verbessert und klinische Forschung finanziert werden. Konkret werden beispielsweise Stellen für Musik- oder Kunsttherapeutinnen und -therapeuten finanziert.

Der hohe finanzielle Druck, dem die kinderonkologischen Zentren ausgesetzt sind, führt dazu, dass die klinische Grundversorgung zu einem nicht unerheblichen Teil mit Spendenmitteln querfinanziert wird, wie beispielsweise mit Stellen für den ärztlichen oder pflegerischen Dienst, für die psychosoziale Betreuung oder für die Dokumentation von Therapieoptimierungsstudien, die laut Kinderonkologie-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) Teil der Regelversorgung sind (3, 4).

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Allerdings existieren keine Zahlen darüber, in welchem Umfang die Fördervereine kinderonkologische Zentren finanziell unterstützen. Zudem ist nicht bekannt, welcher Teil der Spenden tatsächlich für eine verbesserte Versorgung der jungen krebserkrankten Patienten und ihrer Familien eingesetzt wird und welche Summen die Kliniken einsetzen, um klinische Regelversorgung querzufinanzieren. Um diese Zahlen abschätzen zu können, wurde die vorliegende Befragung durchgeführt. Sie erhebt nicht den Anspruch eines repräsentativen Surveys, dafür ist die Datenbasis zu schmal. Aber sie vermittelt einen Eindruck der Größenordnung des Problems, dass Spendenmittel in erheblichem Umfang zur Finanzierung von klinischer Regelversorgung eingesetzt werden (eMethodenteil).

Elf Prozent Spenden on top

In Deutschland existieren 60 pädiatrisch-onkologische Zentren, in denen im Jahr 2018 2 255 Kinder und Jugendliche neu mit einer malignen Erkrankung (bei ZNS-Neoplasien einschließlich niedriggradiger Tumoren) diagnostiziert und therapiert wurden (5). 24 dieser Zentren sind Kalkulationshäuser des Instituts für das Entgeltsystem im Krankenhaus (InEK) (Grafik 1). Mit Unterstützung der Gesellschaft für pädiatrische Onkologie und Hämatologie (GPOH) wurden 17 kinderonkologische Zentren kontaktiert, die als selbstständige Kliniken organisiert sind. Kriterium war die jährliche Teilnahme an der Kostenerhebung des InEK oder das Aufweisen eines vergleichbar detaillierten Berichtswesens, um eine hohe Datenqualität sicherzustellen. Elf der angefragten Zentren steuerten Daten aus dem Jahr 2018 bei, die Angaben zu Spendenmitteln enthielten. Diese Zentren sind repräsentativ bezüglich Größe, Lage und universitärem Status aller 24 InEK-Kalkulationskliniken unter den kinderonkologischen Zentren. Allerdings sind sie mit im Median 49 neu erkrankten Patienten pro Jahr (Range von 25 bis 92) größer als die Gesamtheit der 60 kinderonkologischen Kliniken, die im Median 32 neu erkrankte Patienten jährlich betreuen (Range von 2 bis 121).

Zahl der neu erkrankten Patienten im Jahr 2018 der 60 kinderonkologischen Zentren in Deutschland
Grafik 1
Zahl der neu erkrankten Patienten im Jahr 2018 der 60 kinderonkologischen Zentren in Deutschland

Die elf untersuchten Zentren erhalten pro Jahr durchschnittlich jeweils 710 000 Euro an Spendenmitteln. Das entspricht elf Prozent der gesamten stationären Erlöse (Median: 520 000 Euro; Range von 110 000 bis 2 200 000 Euro). Zwar sind die erhobenen Zahlen nicht normalverteilt, sodass eine Extrapolation über den Mittelwert statistisch nicht möglich ist. Da die kleineren Zentren der elf untersuchten Kliniken im Durchschnitt größer sind als die Gesamtheit der 60 Zentren, wurden die Spenden der fünf größeren Zentren mit denen der sechs kleineren verglichen. Im Ergebnis waren die Spenden pro neu erkranktem Patienten bei den kleineren Zentren um 29 Prozent höher als bei den größeren Zentren. Da die kleineren Zentren demnach deutlich spendenstärker waren, erscheint eine Übertragung ihrer Daten auf die Gesamtheit der überwiegend kleineren 60 Zentren legitim. Die elf Zentren erhielten von den Fördervereinen 15 000 Euro pro neu erkranktem Patienten an Spendenmitteln. In Deutschland wurden 2 255 neu erkrankte Patienten im Jahr 2018 an kinderonkologischen Zentren behandelt. Damit lässt sich abschätzen, dass die Fördervereine jährlich rund 34 Millionen Euro Spenden an die pädiatrisch-onkologischen Kliniken überweisen.

Im Rahmen der Befragung wurde mit der ärztlichen Leitung der Zentren detailliert analysiert, ob die Spenden für die Regelversorgung eingesetzt wurden oder für eine darüber hinausgehende Verbesserung der Versorgung. So wurde beispielsweise eine Pflegekraft, die mit regulärem Stellenschlüssel im Stationsdienstplan eingeteilt war, der Regelversorgung zugeordnet, während die Ärztin, die den krebskranken Kindern und ihren Eltern eine komplementärmedizinische Sprechstunde anbot, einer verbesserten Versorgung „on top“ zugerechnet wurde. Auf diese Weise ließ sich analysieren, welcher Anteil der Spenden in die klinische Regelversorgung fließt, die nach der Richtlinie des G-BA zur Kinderonkologie eigentlich von der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) bezahlt werden müsste (4). Im Ergebnis setzen die elf Zentren durchschnittlich 340 000 Euro der Spendenmittel für die klinische Regelversorgung ein, was fünf Prozent im Verhältnis zum Gesamterlös entspricht (Median: 210 000 Euro; Range von 40 000 bis 1 000 000 Euro) (Grafik 2).

Spendeneinsatz im Jahr 2018 in der klinischen Regelversorgung
Grafik 2
Spendeneinsatz im Jahr 2018 in der klinischen Regelversorgung

Wenn die Zahl an klinisch eingesetzten Spenden mit 7 400 Euro pro neu erkranktem Patienten mit der Zahl von 2 255 Patienten für ganz Deutschland multipliziert wird, lässt sich in etwa abschätzen, dass jährlich rund 17 Millionen Euro an Spendenmitteln für die klinische Regelversorgung in der Kinderonkologie ausgegeben werden. Da die sechs kleineren Zentren 47 Prozent mehr Spendenmittel in der klinischen Regelversorgung einsetzen als die fünf größeren Zentren, ist diese Abschätzung dabei wahrscheinlich eher zu konservativ.

Keine Skaleneffekte

Bei der Finanzierung der Krankenversorgung über die DRG-Pauschalen wird vonseiten vieler Kliniken eine Abwärtsspirale wahrgenommen (6). Parallel dazu ist die Investitionsfinanzierung durch die Bundesländer rückläufig (7, 8). Die DRGs für die pädiatrische Onkologie sind hoch bewertet, da die Therapie der Patienten personal- und materialintensiv ist und die Anforderungen an die Infrastruktur hoch sind (4). Unsere Befragung ergab jedoch, dass nur eines der elf abgefragten pädiatrisch-onkologischen Zentren ein positives Jahresergebnis erzielt. Im Mittel erwirtschaftet jedes der elf Zentren einen Verlust von 680 000 Euro pro Jahr, was 9,2 Prozent des Erlöses der untersuchten Zentren entspricht (Median: –410 000 Euro; Range von +370 000 bis –3 200 000 Euro).

Es wäre vorstellbar, dass größere Zentren durch Prozess- und Strukturoptimierung Skaleneffekte nutzen können. Deshalb wurde untersucht, ob eine Korrelation zwischen der Zahl neu erkrankter Patienten und dem wirtschaftlichen Ergebnis (gemessen als Abteilungsergebnis) existiert. Es zeigte sich allerdings, dass zwischen der Zentrumsgröße und dem Ergebnis eine deutliche negative Korrelation besteht: Größere Kliniken können keine Effizienzressourcen mobilisieren. Stattdessen kommt es zu einer Akkumulation eines negativen Deckungsbeitrages, was ein Hinweis auf eine systematische DRG-Unterfinanzierung darstellen könnte.

Zusammenfassend legt die Untersuchung nahe, dass die kinderonkologischen Zentren mittelfristig die klinische Regelversorgung aus der Spendenfinanzierung herauslösen und gemeinsam mit den Fachgesellschaften den Dialog mit dem InEK suchen sollten, um durch vermehrte Einführung von Alterssplits eine angemessene Abbildung pädiatrischer Fälle in den DRGs zu erwirken. Zudem sollten sich die Zentren mit den Fachgesellschaften für eine ausreichende Finanzierung der pädiatrischen Onkologie einschließlich angemessener Zentrumszuschläge durch die GKV einsetzen.

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    Dtsch Arztebl 2021; 118 (48): A 2270–3

Anschrift für die Verfasser:
PD Dr. med. Martin Ebinger, MBA
Universitätsklinikum Tübingen
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
Hoppe-Seyler-Str. 1, 72076 Tübingen
E-Mail: martin.ebinger@med.uni-tuebingen.de

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit4821
oder über QR-Code.

1.
Kinderkrebsstiftung: 25 Jahre Deutsche Kinderkrebsstiftung. 2020. https://www.kinderkrebsstiftung.de/ueber-uns/jubilaeum/ (last accessed on 28 July 2021).
2.
Deutsches Ärzteblatt: Fundraising wird zur ernsthaften Einnahmequelle für Krankenhäusern. 2016; https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/69872/Fundraising-wird-zur-ernsthaften-Einnahmequelle-fuer-Krankenhaeusern (last accessed on 28 July 2021).
3.
Gerber A, Lauterbach KW: Gesundheitsökonomie und Pädiatrie. Stuttgart: Schattauer 2006.
4.
Gemeinsamer Bundesausschuss (GBA): Richtlinie über Maßnahmen zur Qualitätssicherung für die stationäre Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit hämato-onkologischen Krankheiten (Richtlinie zur Kinderonkologie, KiOn-RL; BAnz AT 1. Juli 2021 B3) in Kraft getreten am 1. April 2021. https://www.g-ba.de/downloads/62-492-2542/KiOn-RL_2021-04-01_iK-2021-04-01.pdf (last accessed on 28 July 2021).
5.
Erdmann F, Kaatsch P, Grabow D, Spix C: German Childhood Cancer Registry – Annual Report 2019 (1980–2018). Institute of Medical Biostatistics, Epidemiology and Informatics (IMBEI) at the University Medical Center of the Johannes Gutenberg University Mainz, 2020.
6.
Simon M: Das deutsche DRG-System: Grundsätzliche Konstruktionsfehler. Dtsch Arztebl 2013; 110: A1782–6 VOLLTEXT
7.
Deutsches Ärzteblatt: Deutsches Kinderkrebsregister: Jetzt werden auch Jugendliche erfasst. Dtsch Arztebl 2009; 106: A-1988 VOLLTEXT
8.
https://www.bbdk.de/vortraege-archiv.html?%EF%80%94file=files/bbdk/dokumente/fruehjahrs%20kolloquium/vortraege_2019/vortrag_greiner.pdf (last accessed on 28 July 2021).
Universitätsklinikum Tübingen, Klinik für Kinder- und Jugendmedizin: PD Dr. med. Ebinger, MBA
SRH Fernhochschule, Riedlingen: Prof. Dr. med. Halber
Universitätsklinikum Frankfurt, Klinik für Kinder- und Jugendmedizin: Prof. Dr. med. Bader
Universitätsklinikum Frankfurt, Kaufmännisches Klinikmanagement: Millmann
Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Institut für Medizinische Biometrie, Epidemiologie und Informatik; Deutsches Kinderkrebsregister: Erdmann, PhD, MPH
Universitätsklinikum RWTH Aachen, Klinik für Kinder- und Jugendmedizin: Prof. Dr. med. Kontny
Zahl der neu erkrankten Patienten im Jahr 2018 der 60 kinderonkologischen Zentren in Deutschland
Grafik 1
Zahl der neu erkrankten Patienten im Jahr 2018 der 60 kinderonkologischen Zentren in Deutschland
Spendeneinsatz im Jahr 2018 in der klinischen Regelversorgung
Grafik 2
Spendeneinsatz im Jahr 2018 in der klinischen Regelversorgung
1.Kinderkrebsstiftung: 25 Jahre Deutsche Kinderkrebsstiftung. 2020. https://www.kinderkrebsstiftung.de/ueber-uns/jubilaeum/ (last accessed on 28 July 2021).
2. Deutsches Ärzteblatt: Fundraising wird zur ernsthaften Einnahmequelle für Krankenhäusern. 2016; https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/69872/Fundraising-wird-zur-ernsthaften-Einnahmequelle-fuer-Krankenhaeusern (last accessed on 28 July 2021).
3. Gerber A, Lauterbach KW: Gesundheitsökonomie und Pädiatrie. Stuttgart: Schattauer 2006.
4. Gemeinsamer Bundesausschuss (GBA): Richtlinie über Maßnahmen zur Qualitätssicherung für die stationäre Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit hämato-onkologischen Krankheiten (Richtlinie zur Kinderonkologie, KiOn-RL; BAnz AT 1. Juli 2021 B3) in Kraft getreten am 1. April 2021. https://www.g-ba.de/downloads/62-492-2542/KiOn-RL_2021-04-01_iK-2021-04-01.pdf (last accessed on 28 July 2021).
5. Erdmann F, Kaatsch P, Grabow D, Spix C: German Childhood Cancer Registry – Annual Report 2019 (1980–2018). Institute of Medical Biostatistics, Epidemiology and Informatics (IMBEI) at the University Medical Center of the Johannes Gutenberg University Mainz, 2020.
6. Simon M: Das deutsche DRG-System: Grundsätzliche Konstruktionsfehler. Dtsch Arztebl 2013; 110: A1782–6 VOLLTEXT
7. Deutsches Ärzteblatt: Deutsches Kinderkrebsregister: Jetzt werden auch Jugendliche erfasst. Dtsch Arztebl 2009; 106: A-1988 VOLLTEXT
8.https://www.bbdk.de/vortraege-archiv.html?%EF%80%94file=files/bbdk/dokumente/fruehjahrs%20kolloquium/vortraege_2019/vortrag_greiner.pdf (last accessed on 28 July 2021).

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