ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2021Kardiovaskuläre Risiken der Bestrahlung bei Mammakarzinom: Koronarien bei linksseitiger Radiatio deutlich häufiger erkrankt als bei rechtsseitiger

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Kardiovaskuläre Risiken der Bestrahlung bei Mammakarzinom: Koronarien bei linksseitiger Radiatio deutlich häufiger erkrankt als bei rechtsseitiger

Gerste, Ronald D

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Foto: Science Photo Library/P Marazzi
Foto: Science Photo Library/P Marazzi

Das Mammakarzinom ist – Malignome der Haut ausgenommen – die häufigste invasive Krebsart. In den USA liegt die 10-Jahres-Überlebensrate bei Frauen < 50 Jahre mit Erkrankung im Stadium 1 bei 93,4 % und im Stadium 2 bei 76,1 %. Ca. 47 % der Patientinnen in diesen beiden Stadien erhalten eine Strahlentherapie. Frühere Studien an meist älteren Patientinnenpopulationen haben aufgezeigt, dass die Radiatio der linken Brust mit einer höheren Rate von kardiovaskulären Erkrankungen wie Herzinfarkt, Herzklappenschäden und ischämischer Herzerkrankung assoziiert ist. Die Latenzzeit dieser Schäden von mehr als 5 Jahren erfordert ein langfristiges Monitoring von Überlebenden.

In der WECARE-Study haben US-amerikanische und kanadische Autoren das kardiovaskuläre Risiko von Frauen < 55 Jahren untersucht. Sie hatten wegen Mammakarzinomen Stadium 1 oder 2 zwischen 1985 und 2008 eine Strahlentherapie erhalten. Einen spezifischen Fragenkatalog beantworteten 466 Frauen mit einem Karzinom der rechten und 506 Frauen mit einem Karzinom der linken Brust. Die Patientinnen waren bei Diagnose im Durchschnitt 46 Jahre alt. Die mittlere Nachbeobachtungszeit betrug 14 Jahre. 60 % erhielten eine Chemotherapie in Ergänzung zur Radiatio (durchschnittliche Gesamtdosis: 55 Gy). Die klinischen und Lifestylefaktoren waren in beiden Gruppen vergleichbar.

Die Auswertung zeigte, dass die wegen eines Karzinoms der linken und damit herznahen Brust behandelten Patientinnen deutlich häufiger eine Erkrankung der Koronararterien (CAD) während der Nachbeobachtungszeit entwickelten als Frauen mit einer Krebserkrankung der rechten Brust. Diese Lateralität ging mit einem Risiko (Hazard Ratio [HR]) von 2,5 im Vergleich zu rechtsseitigen Befunden einher ([95-%-Konfidenzintervall] [1,3; 4,7]). Das Vorliegen von 2 oder 3 Risikofaktoren wie Rauchen, Hypertonus und Hypercholesterinämie erhöhte die HR für linksseitig betroffene Patientinnen leicht auf 3,2 [0,3; 30,9]. Aktive Raucherin zu sein, ging für die Lateralität gar mit einem niedrigeren Risiko einher (HR: 1,7 [0,7; 4,0]) als lebenslanger Nichtraucherstatus mit einer HR von 3,3 [1,3; 8,6]. Die errechnete kumulative Inzidenz von CAD über 27,5 Jahre betrug nach Bestrahlung der linken Brust 18,7 % im Vergleich zu 6,8 % bei rechtsseitiger Radiatio. Das CAD-Risiko wurde durch Chemotherapie, Hormontherapie und Antrazyklin-Exposition nicht signifikant beeinflusst.

Fazit: „Die Studie zeigt, dass Patientinnen nach linksseitiger Radiatio wegen Mammakarzinoms deutlich häufiger Erkrankungen der Konorararterien entwickeln als Frauen mit Tumoren der rechten Brust“, erläutert Prof. Dr. med. Hans-Joachim Trappe, Direktor der Medizinischen Klinik II (Kardiologie und Angiologie) am Marien Hospital Herne/Universitätsklinik Ruhr-Universität Bochum. „Daher sind regelmäßige kardiologische Kontrolluntersuchungen mit EKG und Belastungs-EKG zusätzlich zu onkologischen Nachuntersuchungen bei diesen Patientinnen sinnvoll und notwendig.“ Dr. med. Ronald D .Gerste

Carlson LE, Watt GP, Tonorezos ES, et al.: Coronary artery disease in young women after radiation therapy for breast cancer. JACC 2021; 3: 381–92.

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