ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2021Gesundheitskommunikation: Respektvolle Impfaufklärung

POLITIK

Gesundheitskommunikation: Respektvolle Impfaufklärung

Richter-Kuhlmann, Eva

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Im Rahmen des COVID-19 Snapshot Monitorings (COSMO) wird seit Beginn der Pandemie die Bevölkerung nach ihrem Wissen rund um Corona, ihrer Risikowahrnehmung und ihrem individuellen Verhalten befragt. Ableiten lassen sich daraus auch Empfehlungen für das ärztliche Gespräch.

Prof. Dr. phil. Cornelia Betsch ist Psychologin und Professorin für Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt und forscht zu Gesundheitsentscheidungen. Foto: Marco Borggreve
Prof. Dr. phil. Cornelia Betsch ist Psychologin und Professorin für Gesund­heits­kom­mu­ni­ka­ti­on an der Universität Erfurt und forscht zu Gesund­heits­ent­scheidungen. Foto: Marco Borggreve

Während die Debatte um eine allgemeine Impfpflicht zur Vermeidung einer starken fünften Welle der Pandemie Fahrt aufnimmt (siehe nachfolgender Beitrag), soll es auch kurzfristig einen Impfturbo geben: Bis Weihnachten sollen bis zu 30 Millionen Erst-, Zweit- und Auffrischungsimpfungen verabreicht werden, versprachen jüngst Bund und Länder.

Eine Herausforderung ist es bei der Impfoffensive, insbesondere die bislang Ungeimpften zu erreichen. Gerade Ärztinnen und Ärzte könnten aktiv etwas zur Verbesserung der Impfrate beitragen, meint die Psychologin Prof. Dr. phil. Cornelia Betsch von der Universität Erfurt gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Eine ärztliche Empfehlung für die Impfung strahle Sicherheit aus und könne viel bewirken, sagt die Initiatorin der COSMO-Studie (COVID-19 Snapshot Monitoring), mit der sie seit Beginn der Pandemie in Kooperation mit mehreren Institutionen durch wiederholte Befragungen Einstellungen und Ängste der Bevölkerung untersucht.

Einer Erhebung des Robert Koch-Instituts zufolge sind momentan besonders Personen mit Migrationshintergrund, Menschen im Alter zwischen 30 und 39 Jahren, Arbeitssuchende, Personen in kleineren Ortschaften seltener geimpft. Die Ungeimpften sollten aktiv angesprochen werden. Dabei sollten ihnen Ärztinnen und Ärzte zuhören – ohne mögliche Vorbehalte zu bestärken, betont Betsch. „Wenn jemand Fragen hat, sollte man nicht automatisch davon ausgehen, dass die Person das Impfen ablehnt oder Querdenker ist.“ Vielmehr sollte man die Ängste und Bedenken ernst nehmen, zuhören und die eigene Expertise anbieten.

Falls Mythen und Falschinformationen aufkämen, sei das „Fakten-Sandwich“ der empfohlene Weg zu Korrektur: Fakt nennen – vor der Falschinformation warnen – Irrglauben erklären – Fakt wiederholen. „Über die kursierenden Falschinformationen kann man sich unter sks.to/c19vax informieren“, sagt Betsch. Diese Seite werde fortlaufend aktualisiert und sei faktengecheckt.

„Klären Sie intensiv über Nutzen und Risiken der COVID-19-Impfung auf“, rät die Psychologin weiter. Dies schließe ein Gespräch über Long COVID, mögliche Impfreaktionen und ihre Handhabung sowie seltene Impfnebenwirkungen wie Hirnvenenthrombosen oder Herzmuskelentzündungen ein. Bewertet werden sollten die Risiken auch im Vergleich zu den Risiken der COVID-19-Erkrankung (Kasten).

Aufklären sollten Ärztinnen und Ärzte auch darüber, dass Impfen eine soziale Entscheidung ist: „Die Impfung verringert die Übertragung und so trägt jede Impfung dazu bei, dass besonders die Schwächsten geschützt werden, die sich selbst nicht impfen lassen können. Außerdem trägt jede Impfung dazu bei, dem Ende der Pandemie näher zu kommen“, so Betsch. Sich für oder gegen eine Impfung zu entscheiden sei keine Privatsache, sondern bringe soziale Verantwortung mit sich. Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Botschaften für die Impfkommunikation

  • Die Immunität der Bevölkerung gegen das Coronavirus ist der einzige Weg aus der Pandemie. Impfen ist der sicherste und effektivste Weg, um immun zu werden und verhindert schwere Verläufe und Langzeitfolgen wie Long COVID.
  • Die Risiken, die eine Impfung gegen COVID-19 mit sich bringt, sind gut bekannt und der Nutzen überwiegt die Risiken.
  • Die Impfung gegen COVID-19 ist vielleicht nicht perfekt effektiv und es stecken sich auch Geimpfte an, aber die Effektivität gegen schwere Verläufe ist sehr hoch. Selbst wenn Sie sich anstecken sollten, sind Sie zu über 90 Prozent vor schweren Verläufen geschützt.
  • Bei neun von zehn Ansteckungen ist mindestens ein Ungeimpfter beteiligt – als Ansteckender, Angesteckter oder beides. Geimpfte spielen nur bei fünf von zehn Ansteckungen eine Rolle. Impfen schützt!
  • Mit der Impfung schützen Sie auch Menschen in Ihrer Umgebung, die sich selbst nicht schützen können, wie kleine Kinder oder immungeschwächte Menschen. Sie tragen außerdem nicht oder deutlich weniger zum Pandemiegeschehen bei, wenn Sie geimpft sind.
  • Die Booster-Impfung erhöht die Effektivität des Impfschutzes. So sind Sie besser vor einer Ansteckung geschützt und können auch andere weniger anstecken.
  • Jede Impfung bringt uns näher an das Ende der Pandemie, wie wir sie aktuell kennen.

Kommentare

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am Montag, 21. März 2022, 16:34

Europarat. Review für Kooperation

Die großen Errungenschaften der Medizin waren Hygiene und Antibiotika. Wird «Kommunikation von Kooperation» als nächste Stufe der Zivilisation erklommen?

Es wird dringlich vorgeschlagen, dass der Europarat gebeten wird, ein Review mit dem aktuellen wissenschaftlichen Stand der Kooperation zu verfassen. Der Beitrag des Europarates zum Thema Bürgerbeteiligung ist hervorragend – prägnant und informativ.

Eigentlich könnte das jeder Genosse in Duisburg verstehen. Doch die Demographie grassiert mit hoher Inzidenz in den bürgerfremden Ortsvereinen der Politik. Dort ist man kommunikationsresistent – bis hin zur Gesetzesbeugung, förmliche, unerwünschte Bürgeranträge nicht zu bearbeiten. „Duisburg ist echt“ wird es genannt.
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am Dienstag, 1. Februar 2022, 20:46

Respektvolle Hygieneaufklärung: Maske tragen und Abstand halten

Der Schwerpunkt der ärztlichen Beratung wird sich ändern.

Seite 122   ZDFtext   Di 01.02.22   

    ZDFtext              heute                Nachrichten                          
                                         
 Frühes Ende der Beschränkungen: WHO     
 warnt vor Maßnahmen-Stopp               
                                         
. . . . .

 Die WHO sei besorgt, dass manche Regie- 
 rungen es nicht mehr für nötig hielten, 
 das Infektionsrisiko weiter durch Vor-  
 schriften wie Maske tragen oder Abstand 
 halten zu reduzieren. 
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am Montag, 31. Januar 2022, 10:23

Risikokommunikation

Es ist zu begrüßen, wenn sich Experten auf gemeinsame, verständliche Regeln der Corona-Hygiene verständigen.
Treffen sich Fußgänger, Jogger und Radfahrer bei Sonnenschein auf einem gemeinsamen Weg um den See, entsteht ein wildes Konfetti an Aerosolen und Auslegungen der Hygieneregeln (close encounter in Supermarkt-Style).

Seite 106    Teletext im Ersten    tagesschau: Nachrichten   31. Jan

Expertenrat für mehr Aufklärung        
                                       
Der Corona-Expertenrat der Regierung   
fordert eine bessere Risiko- und Ge-   
sundheitskommunikation. Die 18 Mitglie-
der schlagen hierfür den Aufbau einer  
Infrastruktur vor.                     
                                       
Wissenschaftliche Erkenntnisse müssten 
einfacher erklärt und in Handlungsemp- 
fehlungen übersetzt werden. Ein Mangel 
an Übereinstimmungen von Informationen 
trage zur Verunsicherung bei und böte  
Angriffsfläche für Falschinformation.  
                                       
Dem Rat gehören die Virologen Drosten  
und Brinkmann und die Ethikratsvorsit- 
zende Buyx an.

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am Mittwoch, 5. Januar 2022, 11:57

Zivilisationstechnik DMP Hygiene

Zukünftigen Impfanwärtern muss ein konkretes, ausführliches und praktisch-verständliches Hygieneangebot dargelegt werden, bis sie sich für eine Impfung entscheiden.

Wissenschaftlich und politisch wird bisher die Impfung bevorzugt. Als Stimmungsbarometer zeigen das auch die Fundstellen einer Volltextsuche im Deutschen Ärzteblatt in 2021. Impfung 325; Abstand 115 Treffer. Bei der aha-Suche wird ein Autorenkürzel mitgezählt.

Die Impfung ist ein medizinischer 'Ein–griff' (1 Griff: „zack drin!“). Deutlich langwieriger ist eine Verhaltensänderung hinsichtlich der Individual- und Kollektiv-Hygiene zu erreichen.

Ganz zu Beginn der Pandemie wurde beim ZI angefragt, welche Bedeutung ein Corona-Hygiene-Disease-Management-Schulungsprogramm (DMP Hygiene) bei der Pandemie-Bekämpfung haben könnte.

Ein DMP Hygiene wird einst den Status einer Zivilisationstechnik erhalten wie der Erste Hilfekurs beim Führerschein. Konsequente Hygiene ist weitsichtig und wirksamer als jede Impfung – lautet die Hoffnung.

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