ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2021Einführung einer Impfpflicht: Eine politische Entscheidung
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Die bisherigen Maßnahmen zur Steigerung der Impfbereitschaft reichen offensichtlich nicht, um die erforderliche Impfquote zu erzielen. Über verschiedene Arten verpflichtender Regelungen und die Vor- und Nachteile einer Impfpflicht muss nachgedacht werden.

Foto: candy1812/stock.adobe.com
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Bei den meisten COVID-Ansteckungen ist mindestens eine Person ohne Impfschutz involviert (1). Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Infektionszahlen vor allem in Regionen Deutschlands sehr hoch sind, in denen die Impfquote niedrig ist. Zudem zeigt die COSMO-Studie, dass auch die Impfbereitschaft der noch ungeimpften Personen in diesen Teilen Deutschlands geringer ist als in den Regionen mit bereits hoher Impfquote.

Eine hohe Impfquote wird jedoch notwendig sein, um weitere Wellen zu verhindern – dem Robert Koch-Institut zufolge müssen 85 Prozent der 12–59-Jährigen und 90 Prozent Ü60-Jährigen geimpft sein (2). Doch wie kann das erreicht werden? Die Politik hat sich bereits früh in der Pandemie gegen eine Impfpflicht ausgesprochen. Ein Umschwenken könnte als Wortbruch wahrgenommen werden. Jedoch haben sich inzwischen viele Aspekte in der Pandemie geändert und eine Anpassung zeigt Stärke und kann auch verloren gegangenes Vertrauen wieder erhöhen (3).

Forschungsarbeiten aus den Sozial- und Verhaltenswissenschaften haben mögliche negative Auswirkungen einer Impfpflicht auf die generelle Impfbereitschaft untersucht und ebenfalls bislang eine ablehnende Haltung zur Impfpflicht unterstützt. Als Schlussfolgerung wurde stets auf Gesundheitsaufklärung und eine informierte, autonome und wissenschaftsbasierte Entscheidung gesetzt (4, 5, 6, 7).

Die aktuelle Coronalage – mit hohen Fallzahlen, zu niedriger Impfquote, einem hohen Anteil von Personen, die sich nicht impfen lassen wollen – führt jedoch zu der Notwendigkeit einer Neubewertung der Impfpflicht. Die Impfbereitschaft der aktuell ungeimpften Personen ist niedrig: Mehr als die Hälfte möchte sich der COSMO-Studie zufolge „auf keinen Fall” impfen lassen. Da andere Studien und Umfragen ähnliche Ergebnisse zeigen, ist es unwahrscheinlich, dass Appelle an die Eigenverantwortung oder leichte bis mittlere Einschränkungen für Ungeimpfte im Sinne einer 3G- oder 2G-Regel zu einer deutlichen Steigerung führen können. Deshalb sollte Nicht-Impfen mindestens ebenso aufwendig sein wie Impfen.

Hierfür gibt es verschiedene Möglichkeiten. Sogenannte Opt-out-Regelungen beim Impfen sind eine effektive Maßnahme (8, 9): Einige Menschen sind nicht geimpft, weil das Vereinbaren eines Termins mit Aufwand verbunden ist, „der Alltag dazwischen kommt“ oder Impfen keine Priorität hat. Wenn der Termin jedoch gesetzt wird, dann ist das begründete Absagen eines solchen Termins ebenso mit Aufwand verbunden. Zudem kann das Setzen eines Termins durch andere eine Entlastung sein, wenn die Auseinandersetzung mit der Impfentscheidung als belastend empfunden wird. Es wird zusätzlich die soziale Norm „Impfen ist der Standard“ kommuniziert (10). Absagen sind bei Opt-out-Regelungen vermutlich vornehmlich noch von Personen zu erwarten, die eindeutig gegen das Impfen eingestellt sind (11). Dies sind laut Schätzungen der COSMO-Studie bis zu zehn Prozent der erwachsenen Bevölkerung zwischen 18 und 74 Jahren.

Verschiedene Möglichkeiten

Als weitere Möglichkeit kann eine Impfberatung als Pflicht verhängt werden. Nach einer verpflichtenden Beratung ist die Entscheidung für oder gegen eine Impfung immer noch frei. Dies hat den Vorteil, dass die Entscheidung auf der Basis aktuellen wissenschaftlichen Wissens getroffen werden kann und sich alle einmal bewusst mit der Entscheidung auseinandergesetzt haben müssen. Eine Studie aus den USA (12), zeigt, dass eine Beratungspflicht bei Kinderimpfungen zu weniger Freistellungsanträgen von einer Impfpflicht und damit zu einer höheren Impfrate führte. Beratende sollten aber zertifiziert werden, damit für impfkritische Ärztinnen und Ärzte kein Geschäftsmodell mit dem Ausstellen von Beratungszertifikaten entsteht. Bei der Termin- und Beratungspflicht ist es notwendig, zu wissen, wer bereits geimpft ist und wer nicht. Diese Daten liegen so in Deutschland jedoch nicht zentral vor.

Die strengste Maßnahme wäre die Impfpflicht. Hierbei werden Menschen nicht zu einer Impfung gezwungen. Stattdessen könnten analog zur Masernimpfpflicht ungeimpfte Personen mit einer Geldstrafe und einem Berufsverbot belegt werden. Sie dürften beispielsweise keiner beruflichen Tätigkeit mit körperlichem Kontakt mehr nachgehen. Verschiedene Begründungen für Ausnahmen könnten geltend gemacht werden. Je mehr Ausnahmen möglich sind, desto geringer ist auch die Effektivität der Impfpflicht (13).

Für die Einführung einer allgemeinen Impfpflicht gegen COVID-19 ist es notwendig, dass alle Personen, für die die Impfpflicht gilt, ihren Impfstatus nachweisen (beispielsweise bei der Krankenkasse) und fehlende Impfnachweise sanktioniert werden. Hierbei ist zu diskutieren, ab welchem Alter die Impfpflicht gelten soll. Forschungsbefunde aus der Gesundheitspsychologie legen nahe, dass Eltern einer eigenen Impfung eher zustimmen als der Impfung ihrer Kinder (14, 15) – dies gilt vermutlich auch für die Impfpflicht. Bei einer Impfpflicht ab 60, die die am schwersten betroffene Bevölkerungsgruppe abdecken würde, ist zu erwarten, dass Erwachsene unter 60 sich weniger impfen lassen würden, wenn statt einer Pflicht nur eine Empfehlung gilt. Dies kann sich negativ auf die Gesamtimpfquote auswirken.

Argumente pro Impfpflicht

Die mit einer Impfpflicht verbundene Einschränkung der individuellen Entscheidungsfreiheit scheint aktuell aus verschiedenen Gründen gerechtfertigt. Einige Vorteile der Impfpflicht können jedoch auch als Vorteile einer hohen Impfquote gewertet werden. Da diese aber nur sehr unwahrscheinlich durch eine freiwillige Regelung zu erreichen ist, werden sie zu Vorteilen einer Impfpflicht.

• Eine Impfpflicht ist sozial und stärkt das Gemeinwohl.

Wenn infolge einer Impfpflicht fast alle Menschen geimpft sind, dann hilft das auch denjenigen, die sich selbst nicht ausreichend schützen können (16). Wenn durch die Impfpflicht Infektionsketten unterbrochen werden, entlastet das auch die Krankenhäuser. Von der Rückkehr zum Normalbetrieb profitieren insbesondere die Beschäftigten auf den Intensivstationen, die seit Beginn der Pandemie immer wieder an und über der Leistungsgrenze arbeiten. Gleichzeitig müssen bei Entspannung der Lage keine Behandlungen mehr verschoben werden, weil die notwendigen Ressourcen durch Corona gebunden sind oder für sie freigehalten werden. Außerdem kann eine Impfpflicht auch psychisch entlasten, da mit der pandemischen Bedrohung und hohen Fallzahlen auch oft die empfundene Belastung steigt. Zusammengefasst kann eine Impfpflicht durch eine relevante Erhöhung der Impfquote die Gesundheit und Gesundheitsversorgung aller Menschen in Deutschland sichern und das Wohlbefinden in der Gesamtbevölkerung steigern.

• Eine Impfpflicht kann effektiv sein.

Die Effektivität der Einführung einer Impfpflicht ist nicht eindeutig belegt. Wissenschaftliche Untersuchungen aus anderen Ländern weisen aber darauf hin, dass im Fall einer bestehenden Impfpflicht die Impfquoten bei Kindern und Beschäftigten im Gesundheitswesen höher sind als ohne eine Impfpflicht (17, 18, 19). Beispielsweise zeigt eine Studie über 29 europäische Länder (20), dass die Kinderimpfquoten für Masern und Keuchhusten in Ländern, in denen eine Impfpflicht für diese Krankheiten besteht, höher liegen als in Ländern, in denen diese Impfungen freiwillig sind. Im breiteren internationalen Vergleich gibt es allerdings sowohl Länder, die ohne Impfpflicht hohe Impfquoten haben und Länder, die trotz Impfpflicht niedrige Impfquoten haben (21).

• Eine Impfpflicht gegen COVID ist aktuell akzeptiert.

Die bisher genutzten Maßnahmen zur Steigerung der Impfquoten haben sich als unzureichend erwiesen. Werden die schnelle oder kontrollierte, langsame Durchseuchung als Alternativen abgelehnt, so bleibt damit nur noch die Einführung einer Impfpflicht, um eine hohe Immunisierung zu erreichen. Natürlich sollte diese von der Mehrheit der Bevölkerung unterstützt werden. Aktuelle Daten der COSMO-Studie und anderer Befragungen zeigen, dass die Unterstützung einer allgemeinen Impfpflicht in den vergangenen Monaten zugenommen hat und inzwischen von der Mehrheit der deutschen Bevölkerung befürwortet wird. Die Akzeptanz der Maßnahme sollte allerdings nach einem gewissen Zeitraum wieder evaluiert werden (22).

• Eine Impfpflicht kann sich positiv auf die Gesellschaft auswirken.

Mit einer Impfung schützen Geimpfte nicht nur sich selbst, sondern auch ihr Umfeld. Ein vollständiger COVID-19-Impfschutz reduziert die Übertragung auf andere um 63 Prozent (23). Damit wird Impfen zum sozialen Vertrag: ich schütze Dich, Du schützt mich. Wer diesen sozialen Vertrag eingeht, der erwartet auch von anderen, dass sie sich daran halten (24). Ein sozialer Vertrag bringt also eine moralische Verpflichtung zur Impfung mit sich.

Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO spricht davon, dass Impfen ein „Recht und eine Verantwortung“ ist (25). Über diese moralische Verpflichtung und Verantwortung wurde bislang wenig öffentlich geredet. Vielmehr verbreiten sich Narrative über Entscheidungsfreiheit und das Recht, auch ungeimpft zu bleiben. Freiheit beinhaltet jedoch neben Rechten auch moralische Pflichten, zum Beispiel solidarisches Handeln anderer positiv zu erwidern. Erfüllen viele Menschen den sozialen Vertrag nicht, führt dies zu sozialen Spannungen. Beispiele hierfür zeigen sich in Konflikten zwischen Geimpften und Ungeimpften. Es wird in den Medien bereits von einer „gesellschaftlichen Spaltung“ gesprochen.

Eine Pflichtregelung kann in einer solchen Situation als fairer wahrgenommen werden als eine freiwillige Regelung, wie sich am Beispiel der Maskenpflicht zeigte (26). In der zitierten Studie führte eine Pflichtregelung auch zu weniger Stigmatisierung. Dies ist in ähnlicher Weise auch bei einer Impfpflicht zu erwarten. Eine Pflicht kann in der aktuellen Situation, in der ungeimpfte Personen aus Infektionsschutzgründen in ihren Rechten sichtbar eingeschränkt werden und gesellschaftliche Kosten ansteigen, sozialen Konflikte die Grundlage entziehen und Polarisierung aufgrund von relevantem Gesundheitsverhalten verringern (27).

• Eine Impfpflicht kann Vertrauen stärken.

Häufig wird darauf verwiesen, dass die Einführung einer Impfpflicht dazu führen kann, dass Ungeimpfte ihr Vertrauen in den Rechtsstaat und die Regierung verlieren. Tatsächlich ist das Vertrauen von ungeimpften Personen in staatliche Organe bereits gering, wie die COSMO-Studie zeigt. Dass durch den Verzicht auf eine Impfpflicht in dieser Gruppe wieder Vertrauen aufgebaut werden kann, ist unwahrscheinlich. Vielmehr sollte alles daran gesetzt werden, das Vertrauen der großen Gruppe der Geimpften nicht zu verspielen. Es wird immer schwieriger, geimpften Personen zu erklären, warum sie die Konsequenzen aus der geringen Impfquote mittragen sollen. Wenn der Staat es nicht schafft, die Pandemie unter Kontrolle zu bringen, obwohl mit der Impfpflicht ein geeignetes Mittel zur Verfügung stünde, birgt dies deutlich größeres Potenzial für einen nachhaltigen Vertrauensverlust. Wenn sich mehr Menschen impfen lassen und in der Folge erkennen, dass die Impfung nicht mit den befürchteten Nebenwirkungen einhergeht, sondern vielmehr zu einem Rückgang der Infektions- und Sterbezahlen und einer Rücknahme von einschränkenden Maßnahmen wie etwa Kontakt- und Zutrittsbeschränkungen führt, könnte dies langfristig sogar das Vertrauen in Impfungen allgemein erhöhen.

Argumente contra Impfpflicht

• Eine Impfpflicht kann psychologische Nebenwirkungen haben.

Die Ergebnisse psychologischer Experimente zeigen, dass Menschen, die der Impfung gegen COVID-19 kritisch gegenüberstehen und eine Impfpflicht ablehnen, sich über die Einführung einer Impfpflicht ärgern und in der Folge zum Beispiel andere freiwillige Impfungen wie zum Beispiel gegen Grippe auslassen wollen (6, 7). Außerdem sinkt ihre Bereitschaft zur Einhaltung geltender Abstands- und Hygieneregeln, etwa zum Masketragen und Abstandhalten. Eine Impfpflicht könnte sich demnach auch negativ auf das Pandemiegeschehen auswirken. Eine andere denkbare Folge wäre eine Verstärkung der nächsten Grippewelle.

Als Gegenmaßnahme hat sich in Studien die Kommunikation des sozialen Nutzens als sinnvoll erwiesen: Wer über den Schutz anderer aufgeklärt wurde, empfand weniger Ärger durch die Pflicht im Vergleich zu den Personen, die nicht aufgeklärt wurden (28). Ebenso kann auch eine Aufklärung über den Nutzen für die Wirtschaftskraft diesen Effekt abmildern (7).

• Eine zielgruppenspezifische Impfpflicht könnte die Gesamt-Impfquote negativ beeinflussen.

Eine zielgruppenspezifische Impfpflicht kann ebenfalls zu Nachteilen führen. Forschung zu Impfempfehlungen zeigt, dass eine zielgruppenspezifische Empfehlung zwar die Impfbereitschaft in der betreffenden Bevölkerungsgruppe erhöht. Jedoch senkt sie gleichzeitig die Impfbereitschaft in Bevölkerungsgruppen, für die es keine Empfehlung gibt (29). Dies könnte analog bei der Einführung einer zielgruppenspezifischen Impfpflicht (zum Beispiel ab 60 Jahren) auftreten.

• Eine Impfpflicht könnte „impffaul” machen.

Eine Pflicht könnte auch ein Signal für zukünftige Impfentscheidungen setzen, zumal in Deutschland (bis auf die jüngste Verpflichtung zur Masernimpfung) alle anderen Impfungen freiwillig sind. Eine Pflicht für eine kleine Anzahl an Impfungen kann signalisieren: „Wenn es keine Pflicht gibt, dann ist es nicht so wichtig.“

Begleitende Maßnahmen nötig

Einschränkend ist zu sagen, dass die genannten Nachteile vor allem innerhalb experimenteller Forschung mit simulierten Impfentscheidungen oder hypothetischen Szenarien aufgetreten sind. Dennoch sollten sie als mögliche unerwünschte „psychologische Nebenwirkungen“ ernst genommen und antizipiert werden. Entsprechende Maßnahmen zur Aufrechterhaltung von Vertrauen in das Gesundheitssystem und die politischen Entscheider/-innen sollten ergriffen werden.

Aufklärung erforderlich

Eine Impfpflicht wird voraussichtlich (zumindest kurzfristig) auch nicht dazu führen, dass sich die Einstellung bislang Ungeimpfter zur Impfung ändert, denn häufig vorhandene Sicherheitsbedenken und Ängste werden durch sie nicht adressiert. Aktive und niedrigschwellige Aufklärung zu Sicherheitsbedenken ist daher eine absolut unerlässliche Maßnahme, die die Einführung einer Impfpflicht begleiten muss.

Impfpflicht jetzt designen

Die Einführung einer Impfpflicht ist eine politische Entscheidung und keine wissenschaftliche. Sie sollte das letzte Mittel sein, wenn nicht damit zu rechnen ist, dass Impfquoten mit anderen Maßnahmen gesteigert werden können. Klar ist, dass bei dem Design und der Implementierung einer Impfpflicht viele Aspekte zu bedenken sind. Dieser Prozess wird Zeit in Anspruch nehmen und sollte voller Sorgfalt von einem interdisziplinären Team verfolgt und die Ergebnisse transparent kommuniziert werden. Am Prozess sollten auch Sozial- und Verhaltenswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler sowie die Bevölkerung beteiligt sein.

Möglich wäre auch eine Kombination der beschriebenen Maßnahmen (Zusenden eines Termins, Absage nur nach Beratungsgespräch bei zertifizierten Beratenden, Strafe bei nicht erfolgter Impfung nach einem Stichtag). Ebenso können die Zielimpfquoten des RKI als Entscheidungsmarke ausgegeben werden: Werden bis zu einem Stichtag die mit noch festzulegender Methode gemessenen Impfquoten nicht erreicht, gilt danach die Impfpflicht. Eine gut durchdachte und rechtssichere, umsetzbare Regelung in der Schublade liegen zu haben, erlaubt eine evidenzbasierte Anpassung und Veränderung der Regulierungen entsprechend der pandemischen Lage.

  • Zitierweise dieses Beitrags: Dtsch Arztebl 2021; 118 (49): A 2312–6

Anschrift für die Verfasser:

Prof. Dr. phil. Cornelia Betsch

Universität Erfurt (Campus)

Nordhäuser Str. 63

99089 Erfurt

Mail: cornelia.betsch@uni-erfurt.de

Literatur im Internet: www.aerzteblatt.de/lit4921 oder über QR-Code.

Der Artikel ist eine Kurzform des Preprints „Impfpflicht – jetzt also doch?“, verfügbar unter https://psyarxiv.com/pmx3w .

Wie die Impfquote erhöht werden kann

Unabhängig davon, ob eine allgemeine Impfpflicht beschlossen wird oder nicht, sollten weiter effektive Maßnahmen in der Kommunikation und Aufklärung umgesetzt werden:

  • Ansätze der Massenkommunikation sollten durch Ansätze der interpersonellen Kommunikation ergänzt werden. Durch Massenkommunikation erreicht man eine breite Öffentlichkeit. Diese Reichweite geht jedoch auf Kosten der Wirksamkeit. Angebote direkter Gespräche sind sinnvoll, um verunsicherte Menschen zu erreichen, ihre Fragen zu beantworten und über Impfungen aufzuklären.
  • In der Massenkommunikation sollten nicht nur Regierungskanäle und regierungsnahe Sprecherinnen und Sprecher eingesetzt werden. Empfehlungen, Informationen und Aufrufe zur Impfung müssen in allen Gesellschaftsschichten ankommen und viele Personen ohne Impfschutz haben wenig Vertrauen in die Regierung, wie die COSMO-Studie zeigt. Daher sollten sich regelmäßige Medienformate mit breiten Zielgruppen explizit für das Impfen positionieren, über Falschinformationen aufklären und regelmäßig neue Empfehlungen vermitteln und erklären.
  • Journalistinnen und Journalisten sowie Medien sollten auch einen Fokus auf die Krankheit COVID-19 legen. Täglich sterben Hunderte Menschen daran und Berichte über Schicksale von Hinterbliebenen sowie ärztliches und Pflegepersonal sind noch rar. Der Fokus vieler Presseberichte liegt aber auf Querdenkerinnen und Querdenkern sowie auf Berichten über unerwünschte Nebeneffekte von Impfungen. Dabei rückt das dramatische Ausmaß der eigentlichen Katastrophe in den Hintergrund (31).
  • Community building funktioniert nicht nur über Slogans. Menschen, die aktiv helfen wollen, die Pandemie zu beenden, sollten in interpersonelle Kommunikationsprogramme eingebunden werden. Ebenfalls könnten wieder verstärkt Medizinstudierende rekrutiert werden, um über Impfen aufzuklären (zum Beispiel https://impf-dich.org/). Ansätze „von der Bevölkerung für die Bevölkerung” sind keine Staatsansätze und können vom Vertrauensvorsprung in den Kommunikator profitieren.
  • Weiter gilt: Praktische Hürden sollten eliminiert werden. Die Vereinbarung von Impfterminen sollte so einfach wie möglich sein, Impferinnerungen sollten automatisiert werden (über ärztliches Personal, Apps). Mit aufsuchenden Informations- und Impfangeboten sollten die Impfungen dort stattfinden, wo Menschen sich ohnehin aufhalten. Ärzte und Ärztinnen sollten über falsche Kontraindikationen aufgeklärt werden. Der Umgang mit ärztlichem Personal, das von der Impfung abrät, sollte in Fachgesellschaften und Ärztekammern thematisiert werden.

Kriterien für eine Impfpflicht

Folgende Kriterien sollten nach Ansicht von Forschenden aus den USA (30) vor der Einführung einer Impfpflicht gegen COVID-19 erfüllt sein sollten:

  • COVID-19 ist nicht ausreichend eingedämmt.
  • Die Impfung ist für diejenigen bereits empfohlen, für die die Pflicht erwogen wird.
  • Es ist ausreichend Impfstoff vorhanden.
  • Verfügbare wissenschaftliche Erkenntnisse zur Wirksamkeit und Sicherheit wurden transparent kommuniziert.
  • Der Staat hat eine Infrastruktur geschaffen, die den Zugang zur Impfung ohne finanzielle oder logistische Hindernisse ermöglicht und die die Entschädigung von schwerwiegenden Nebenwirkungen und die Echtzeitüberwachung von Impfstoffnebenwirkungen ermöglicht.
  • In einer zeitlich begrenzten Evaluierungsphase hat sich gezeigt, dass die Impfquote unter vulnerablen Gruppen bei einer freiwilligen Regelung zu gering ist, um eine epidemische Ausbreitung zu verhindern.

Bevor eine Impfpflicht eingeführt wird, sollten diese Kriterien geprüft und transparent kommuniziert werden. Ferner ist zu prüfen, ob die Erfüllung aller Kriterien auf alle Teile der Bevölkerung zutrifft oder nur für Teilpopulationen.


Wie die Impfquote erhöht werden kann

Unabhängig davon, ob eine allgemeine Impfpflicht beschlossen wird oder nicht, sollten weiter effektive Maßnahmen in der Kommunikation und Aufklärung umgesetzt werden:

  • Ansätze der Massenkommunikation sollten durch Ansätze der interpersonellen Kommunikation ergänzt werden. Durch Massenkommunikation erreicht man eine breite Öffentlichkeit. Diese Reichweite geht jedoch auf Kosten der Wirksamkeit. Angebote direkter Gespräche sind sinnvoll, um verunsicherte Menschen zu erreichen, ihre Fragen zu beantworten und über Impfungen aufzuklären.
  • In der Massenkommunikation sollten nicht nur Regierungskanäle und regierungsnahe Sprecherinnen und Sprecher eingesetzt werden. Empfehlungen, Informationen und Aufrufe zur Impfung müssen in allen Gesellschaftsschichten ankommen und viele Personen ohne Impfschutz haben wenig Vertrauen in die Regierung, wie die COSMO-Studie zeigt. Daher sollten sich regelmäßige Medienformate mit breiten Zielgruppen explizit für das Impfen positionieren, über Falschinformationen aufklären und regelmäßig
    neue Empfehlungen vermitteln und erklären.
  • Journalistinnen und Journalisten sowie Medien sollten auch einen Fokus auf die Krankheit COVID-19 legen. Täglich sterben Hunderte Menschen daran und Berichte über Schicksale von Hinterbliebenen sowie ärztliches und Pflegepersonal sind noch rar. Der Fokus vieler Presseberichte liegt aber auf Querdenkerinnen und Querdenkern sowie auf Berichten über unerwünschte Nebeneffekte von Impfungen. Dabei rückt das dramatische Ausmaß der eigentlichen Katastrophe in den Hintergrund (31).
  • Community building funktioniert nicht nur über Slogans. Menschen, die aktiv helfen wollen, die Pandemie zu beenden, sollten in interpersonelle Kommunikationsprogramme eingebunden werden. Ebenfalls könnten wieder verstärkt Medizinstudierende rekrutiert werden, um über Impfen aufzuklären (zum Beispiel https://impf-dich.org/). Ansätze „von der Bevölkerung für die Bevölkerung” sind keine Staatsansätze und können vom Vertrauensvorsprung in den Kommunikator profitieren.
  • Weiter gilt: Praktische Hürden sollten eliminiert werden. Die Vereinbarung von Impfterminen sollte so einfach wie möglich sein, Impferinnerungen sollten automatisiert werden (über ärztliches Personal, Apps). Mit aufsuchenden Informations- und Impfangeboten sollten die Impfungen dort stattfinden, wo Menschen sich ohnehin aufhalten. Ärzte und Ärztinnen sollten über falsche Kontraindikationen aufgeklärt werden. Der Umgang mit ärztlichem Personal, das von der Impfung abrät, sollte in Fachgesellschaften und Ärztekammern thematisiert werden.
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