ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2021Legalisierung von Cannabis: Risiken für die Gesundheit

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Legalisierung von Cannabis: Risiken für die Gesundheit

Bühring, Petra

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Die neue Bundesregierung will die kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene zu Genusszwecken einführen. Es geht ihr dabei um Verbraucherschutz, Entstigmatisierung von Konsumenten und bessere Prävention. Ärzte betrachten die Legalisierung der Droge hingegen kritisch.

Rechtlicher Status von Cannabis für den Freizeitgebrauch nach Land. Abbildung: Wikimedia Commons
Rechtlicher Status von Cannabis für den Freizeitgebrauch nach Land. Abbildung: Wikimedia Commons

Die neue Bundesregierung wagt einen nach wie vor kontrovers diskutierten Schritt in der Drogenpolitik: Die kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene zu Genusszwecken in lizenzierten Geschäften wird eingeführt. „Dadurch wird die Qualität kontrolliert, die Weitergabe verunreinigter Substanzen verhindert und der Jugendschutz gewährleistet“, heißt es im Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und FDP.

Bislang ist der Verkauf von Cannabis zu Genusszwecken in Deutschland verboten. Grüne und FDP sprechen sich aber seit Längerem für einen legalen, regulierten Handel mit Cannabis aus. Die SPD hatte sich mit Äußerungen zur Legalisierung zurückgehalten, sie aber auch nicht abgelehnt. Eine klare Ablehnung kam hingegen immer von der CDU/CSU und von der Bundesdrogenbeauftragten Daniela Ludwig (CSU). Den Befürwortern der Legalisierung von Cannabis geht es um die Regulierung des Schwarzmarktes, den Verbraucherschutz durch einen kontrollierten Verkauf, die Entlastung des Justizsystems und der Polizei, die Aufhebung der Stigmatisierung von Konsumenten durch Strafverfolgung, bessere Möglichkeiten der Prävention und um zusätzliche Steuereinnahmen.

Cannabis ist nach wie vor die am weitesten verbreitete illegale Substanz in Deutschland bei insgesamt steigenden Wirkstoffgehalten. Nach Angaben der Deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (DBDD) hat sich der Tetrahydrocannabinol-(THC-)Gehalt von Cannabisharz seit dem Jahr 2010 (6,8 Prozent) bis zum Jahr 2020 (20,4 Prozent) verdreifacht. Langzeittrends der ambulanten und stationären Suchtbehandlung zeigten zudem, dass im Jahr 2020 der Anteil der erstmalig aufgrund von Cannabinoiden Behandelten erneut gestiegen ist.

Deshalb sehen Ärzte die Legalisierung der Droge kritisch. Der 125. Deutsche Ärztetag warnte Anfang November insbesondere vor den möglichen Risiken für die Gesundheit der Konsumierenden und den Folgen für die medizinische Versorgung. Eine Legalisierung verharmlose zudem die negativen Folgen und Langzeiteffekte des Cannabiskonsums insbesondere für Kinder und Jugendliche. Die Ärztekammer (ÄK) Berlin forderte im Falle einer Legalisierung von Cannabis eine streng kontrollierte Abgabe des Suchtmittels an Erwachsene mit Beratung und Aufklärung der Konsumenten. „Eine individuelle ärztliche Risikobewertung des Konsums, verbunden mit intensiven präventiven Maßnahmen, ist unabdingbar“, sagte ÄK-Präsident Dr. med. Peter Bobbert. Aus medizinischer Sicht sei zudem dringend zu empfehlen, bei einer Abgabe von Cannabis die erst mit einem Lebensalter von Anfang bis Mitte 20 Jahren abgeschlossene Hirnentwicklung des Menschen zu berücksichtigen. Studien zeigten nämlich, dass bei intensivem Konsum von Cannabis die Hirnentwicklung beeinträchtigt werden könne.

„Cannabis steht bei den Notaufnahmen der unter 19-Jährigen aufgrund von Drogenkonsum an erster Stelle in Europa“, berichtete Dr. rer. nat. Eva Hoch, Leiterin der Forschungsgruppe Cannabis, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität München, bei einem Fachsymposium der Landesärztekammer Baden-Württemberg Mitte November. Störungen der Bewusstseinslage, der kognitiven Fähigkeiten, klare Einschränkungen der Aufmerksamkeit und der Psychomotorik bei akutem Konsum zu Rauschzwecken gehörten zu den Hauptrisiken. Ursächlich sei dafür auch die zunehmende Konzentration des psychoaktiven Hauptwirkstoffs THC in einer immer breiteren Produktvielfalt.

Risiko für Verkehrsunfälle

„Das nichtberauschende Cannabidiol (CBD), dem schützende Eigenschaften zugeschrieben werden, ist oftmals nicht mehr in der Droge vorhanden“, erklärte die Psychologin, die auch Autorin der Metaanalyse CaPRis (Cannabis: Potenzial und Risiken, Hoch et al., 2019) ist. Danach erhöht akuter Cannabiskonsum das Risiko für Verkehrsunfälle, insbesondere für unter 25-jährige Fahrer, die die Einschränkungen durch den Konsum nicht durch Fahrpraxis ausgleichen könnten. Weitere gesundheitliche Risiken seien respiratorische Symptome, Hodenkrebs, hirnstrukturelle Veränderungen sowie Auswirkungen auf die Entwicklung des ungeborenen Kindes bei Konsum in der Schwangerschaft.

Cannabis steigert der CaPRis-Studie zufolge bei einem frühen Konsumbeginn, langjährigen und nahezu täglichem Gebrauch auch das Risiko für psychische Störungen. Dazu gehören Angststörungen, psychotische Störungen, bipolare Störungen, Depressivität und Suizidgedanken.

„Notwendig ist noch mehr Forschung zu den psychosozialen Folgen des Cannabiskonsums auf Kinder und Jugendliche“, betonte Eva Hoch. Ältere Studien zeigten indes einen geringeren Bildungserfolg bei frühem (vor dem 15. Lebensjahr) und häufigem Konsum von Drogen allgemein, höhere Schulabbruchraten, geringeres Einkommen, Arbeitslosigkeit sowie Bezug von Sozialleistungen.

„Cannabisabhängigkeit ist eine Suchterkrankung und sollte auch als solche behandelt werden, beispielsweise mit einem klinischen Entzug und Verhaltenstherapie“, erklärte Hoch. Untersuchungen hätten gezeigt, dass Veränderungen am Gehirn reversibel sind, wenn man den Konsum dauerhaft beende. „Cannabis ist ein hochkomplexes Thema, bei dem wir mit unserem Wissen immer noch am Anfang stehen“, sagte sie.

Mehr Mittel für die Forschung zur Wirkung von Cannabinoiden und zur Therapie von Cannabiskonsumstörungen forderte Prof. Dr. med. Ulrich Preuss, Direktor der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Herborn, bei dem Fachsymposium. „Wenn mehr Cannabis konsumiert wird, dann werden wir mehr Cannabiskonsumstörungen und assoziierte komorbide psychische Erkrankungen behandeln müssen“, erklärte er. Bei einer Legalisierung von Cannabis brauche man flächendeckende Prävention bereits im Grundschulalter. Außerdem sei mehr finanzielle und organisatorische Unterstützung für das Suchthilfe- und das Gesundheitssystem nötig.

„Jugendschutz ist eine Illusion“

Der Leiter des Zentrums für Suchtfragen im Kindes- und Jugendalter am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Prof. Dr. med. Rainer Thomasius, ist überzeugt, dass eine Legalisierung von Cannabis zu einem erhöhten Konsum und Missbrauch auch durch Kinder und Jugendliche führen wird. „Jugendschutz ist eine Illusion“, warnte er, denn auch bei einer Altersbeschränkung im Verkauf, würden die Cannabisprodukte an Jüngere „durchgereicht“. Thomasius verwies dabei auf die US-amerikanischen Staaten*, bei denen nach der Legalisierung der Droge die Konsumquoten um 30 bis 60 Prozent höher lägen. „Zudem geht die Risikowahrnehmung von Cannabis in diesen Staaten seit der Legalisierung deutlich zurück“, berichtete er. Hingegen sei dort eine Zunahme von cannabisbezogenen Störungen wie Angststörungen, Psychosen und Depression zu verzeichnen: Bei den 12- bis 17-Jährigen lägen sie um 25 Prozent höher als in den übrigen Bundesstaaten, so der Suchtexperte.

„Der Anstieg von Cannabiskonsum wird sich bei einer Legalisierung wahrscheinlich fortsetzen“, sagte Dr. med. Wilfried Kunstmann, Leiter des Ausschuss Sucht und Drogen der Bundesärztekammer. Er untersuchte beispielhaft fünf Länder (Colorado, Kanada, Niederlande, Portugal und Uruguay) dahingehend, ob sich nach der Legalisierung der Cannabiskonsum verändert hat. In Colorado, Kanada und Uruguay sei der Konsum nach der Legalisierung deutlich angestiegen. „In Colorado geben inzwischen 27,5 Prozent der Erwachsenen an, im zurückliegenden Jahr Cannabis konsumiert zu haben“, berichtete er. Ähnlich hoch liege die Konsumprävalenz in Kanada. Auswirkungen auf den Konsum Jugendlicher (15 bis 16 Jahre) konnte er in den fünf Ländern hingegen nicht feststellen. Während der Konsum in den Niederlanden in der Altersgruppe der 15 bis 34-Jährigen mit 15,5 Prozent etwa dem europäischen Mittelwert entspricht, liege er nur in Portugal mit acht Prozent deutlich darunter.

In dem Ländervergleich gibt es Kunstmann zufolge Hinweise auf eine Zunahme cannabisbedingter Krankenhausaufnahmen nach Legalisierung, cannabisbeeinflusster Suizide und tödlicher Verkehrsunfälle. Nur begrenzt ließe sich darüber hinaus der Schwarzmarkt regulieren. „Der Schwarzmarkt wird kreative neue Absatzwege und neue Drogen finden“, warnte er.

Das Gesetz zur Cannabislegalisierung will die neue Bundesregierung nach vier Jahren „auf gesellschaftliche Auswirkungen“ evaluieren. Man darf gespannt sein. Petra Bühring

*Alaska, Arizona, Colorado, Connecticut, Illinois, Main, Massachusetts, Montana, Nevada, New Jersey, New York, Oregon, Vermont, Virginia, Washington

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