ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2021Prä-Expositionsprophylaxe bei Immunschwäche: Passive COVID-19-Immunisierung

MEDIZINREPORT

Prä-Expositionsprophylaxe bei Immunschwäche: Passive COVID-19-Immunisierung

Lenzen-Schulte, Martina

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Aufgrund der Zulassung neutralisierender monoklonaler Antikörper können auch chronisch Kranke, deren Immunsystem geschwächt ist, vor einer SARS-CoV-2-Infektion geschützt werden. Dies kommt jedoch für exakt definierte Personengruppen infrage und stellt für gesunde Menschen keinen Ersatz für die aktiven Impfungen dar.

Unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie (DGI) haben 7 Fachgesellschaften aktuell zu einer SARS-CoV-2-Prä-Expositionsprophylaxe (PrEP) mit neutralisierenden monoklonalen Antikörpern (nMABs) Stellung genommen (1). Sie verstehen dies als praktische Handreichung für Ärzte, die mit dem Einsatz der Antikörper befasst sind, und als Aufklärung über Sinn und Zweck der PrEP als Möglichkeit der passiven Immunisierung.

Denn in puncto „Immunisierung“ gegen eine SARS-CoV-2-Infektion gebe es mitunter beträchtliche Verwirrung in der Öffentlichkeit, auch aufgrund widersprüchlicher Berichterstattung, erläutert PD Dr. med. Christoph D. Spinner, Oberarzt der Infektiologie und Pandemiebeauftragter am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München.

Verwirrung um aktiv und passiv

„Es kommt immer öfter vor, dass sich zum Beispiel gesunde Personen bei uns und unseren Kollegen nach der passiven Immunisierung erkundigen – in der irrigen Meinung, dass sie diese anstelle einer aktiven Impfung erhalten könnten“, erläutert der Infektiologe. Doch obwohl man bei der Gabe von nMABs von einer „Immunisierung“ spricht, handelt es sich nicht um eine Impfung, sondern um eine vorbeugende Schutzmaßnahme für diejenigen, bei denen keine anhaltende Immunantwort bei einer Impfung zu erwarten wäre und bei denen auch tatsächlich ein solches Defizit festgestellt worden ist.

Hintergrund ist die Tatsache, das die European Medicines Agency (EMA) die PrEP mit neutralisierenden monoklonalen Antikörpern ohne nähere Vorgaben zur konkreten Umsetzung zugelassen hat. „Das ist einerseits gut, weil es uns ein flexibles Agieren ermöglicht“, betont Spinner. Andererseits fehlte aber für viele Behandler eine Art Richtschnur, wer im Einzelnen für die PrEP infrage kommt und wie hier praktisch vorzugehen ist.

In den Patientengruppen mit Beeinträchtigungen der Abwehr beträgt der Anteil derjenigen mit schweren COVID-19-Verlauf bis zu 31,5 %, heißt es in der Stellungnahme. Dazu zählen vor allem Patienten mit einer therapiebedürftigen hämato-onkologischen Grunderkrankung. Aber auch Patienten, die nach einer Organtransplantation Immunsuppressiva erhalten oder etwa Menschen mit erworbenen Immunschwächesyndrom können in dieser Hinsicht kompromittiert sein. Die Stellungnahme bezieht sich hierbei auf die Definitionen der Ständigen Impfkommission (STIKO) zu chronisch-immungeschwächten Personengruppen.

Diese haben auch den Nachteil, dass sie unzureichend auf ein aktive Immunisierung ansprechen. So sind bei Zustand nach Organtransplantation nach der ersten Impfdosis adäquate Impfantworten nur bei 17 % und nach der zweiten Impfdosis eines mRNA-Impfstoffes nur bei 54 % zu erwarten.

„Daher sollte bei den von der STIKO definierten vulnerablen Patientengruppen überprüft werden, ob mittels aktiver Immunisierung ein ausreichender Antikörpertiter erzielt worden ist“, fasst Spinner die Empfehlung der Stellungnahme zusammen. Hier ist ein serologisches Impfversagen zugrunde zu legen, und dieses bedeutet konkret, dass 4 Wochen nach vollständigem Impfschema mit abgeschlossener Boosterimpfung keine IgG-Antikörper nachgewiesen werden konnten. Eine weitere Voraussetzung besteht nicht nur darin, dass eine einschlägige Grunderkrankung vorliegen muss, die infrage kommenden Patienten müssen auch mindestens 12 Jahre alt sein.

„Damit wird deutlich, dass die passive Immunisierung nicht für jene als Ersatz infrage kommt, die eindeutig von einer regulären Impfung profitieren und damit per se schon geschützt sind“, erklärt Dr. med. Jakob Malin von der Abteilung für Klinische Infektiologie der Universitätsklinik Köln, der maßgeblich an der Stellungnahme beteiligt war.

Richtschnur für Anwender

Im Weiteren enthält das Papier praktische Vorgaben für die Verabreichung der nMABs. „Wir wollen nicht nur eine Handreichung dafür geben, wer für diese prophylaktische Gabe infrage kommt, sondern auch, wie die Behandler hierbei vorgehen können“, betont Spinner. Daher finden sich in der Stellungnahme Dosierungsschemata und Hinweise zur subkutanen oder intravenösen Verabreichung. Nach einem ersten abgeschlossenen Loading sollte sich alle 4–6 Wochen eine Erhaltungsprophylaxe mit der halben Dosis anschließen.

Zwischenzeitlich hat nun auch der Gesetzgeber die Rahmenbedingungen der Applikation in der Monoklonalen Antikörperverordnung (MAKV) geregelt. Jede PrEP-Applikation soll mit 150 Euro erstattet werden. Dr. med. Martina Lenzen-Schulte

1.
SARS-CoV-2 Prä-Expositionsprophylaxe (PrEP) mit neutralisierenden monoklonalen Antikörpern. Neue Möglichkeiten für Risikogruppen durch passive Immunisierung. AWMF 25. November 2021. http://daebl.de/ZS23 (last accessed on 9 December 2021).
1.SARS-CoV-2 Prä-Expositionsprophylaxe (PrEP) mit neutralisierenden monoklonalen Antikörpern. Neue Möglichkeiten für Risikogruppen durch passive Immunisierung. AWMF 25. November 2021. http://daebl.de/ZS23 (last accessed on 9 December 2021).

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