ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2021Nürnberger Ärzteprozess: „350 unmittelbare Verbrecher“

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Nürnberger Ärzteprozess: „350 unmittelbare Verbrecher“

Jütte, Robert

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Am 9. Dezember 1946 begann der Nürnberger Ärzteprozess. Hinter den Anklagepunkten verbargen sich hunderttausendfacher Mord an Psychiatriepatienten („Euthanasie“-Mord) sowie brutale, tödliche Menschenversuche in Konzentrationslagern.

Die Welt im Film, eine Wochenschau, die nach dem Zweiten Weltkrieg von den US-amerikanischen und britischen Alliierten produziert wurde, nahm die Eröffnung des Ärzteprozesses am 9. Dezember 1946 im Justizpalast in Nürnberg zum Anlass, um darüber zu berichten, welche ungeheuerlichen Verbrechen deutschen Medizinern vorgeworfen wurden. Hinter diesen eher abstrakten Begriffen verbargen sich hunderttausendfacher Mord an Psychiatriepatienten („Euthanasie“-Mord) sowie brutale, tödliche Menschenversuche in Konzentrationslagern. So wurden beispielsweise bei Unterkühlungsversuchen im KZ Dachau Häftlinge in Eiswasser getaucht und deren körperliche Reaktionen bis zum Eintritt des Todes aufgezeichnet. Dabei kamen 90 Häftlinge ums Leben. In den Konzentrationslagern Buchenwald und Natzweiler-Struthof führten skrupellose Mediziner Fleckfieber-Experimente durch. Es wurden unterschiedliche Impfstoffe an 392 Häftlingen getestet, eine Kontrollgruppe von 89 Personen blieb ohne Impfschutz. 383 Personen erkrankten, 97 verstarben, davon 40 aus der Kontrollgruppe. Im KZ Ravensbrück fügte man Versuchspersonen absichtlich Verletzungen zu, in die unter anderem Gasbrand- und Tetanusbazillen injiziert wurden. Um die Infektion zu verstärken, wurden Holzspäne und pulverisierte Glasscherben in die Wunde gebracht. Anschließend behandelte man die ungewollten Probandinnen mit Sulfonamid. Eine Verbesserung trat nur in den seltensten Fällen ein. Die Versuchspersonen erlitten zudem oft qualvolle Schmerzen. Nicht wenige verstarben, die Überlebenden trugen lebenslange Schädigungen davon. Der wegen dieser grausamen Menschenversuche angeklagte Dr. Fritz Fischer verteidigte sich mit dem Argument: „Der Glaube und das Vertrauen an das legale Recht der Obrigkeit und des Staates und des Führers, so schien mir damals, gab die juristische Deckung und Rechtfertigung ab und enthob mich, wie mir auch betont ausgedrückt wurde, der individuellen Verantwortung.“ Nicht nur er, auch alle mit ihm angeklagten Ärzte hatten sich auf die Frage des Vorsitzenden Richters bereits zu Beginn der Verhandlung als „nicht schuldig“ bezeichnet.

Sieben Angeklagte zum Tode verurteilt

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Am 20. August wurde die Urteile verkündet. Sieben Angeklagte wurden zum Tode verurteilt, sieben zu lebenslanger Haft, einer zu 15 Jahren, einer zu zehn Jahren. Sieben sprach man aus Mangel an Beweisen frei. Als Winifred Wagner, die Schwiegertochter Richard Wagners, 1947 erfuhr, dass Karl Brandt, zuletzt Generalkommissar für das Sanitäts- und Gesundheitswesen unter Hitler, zum Tode durch den Strang verurteilt worden war, zeigte sie sich schockiert: „Was war das für ein netter, anständiger Kerl, und wie muss er nun für Dinge büßen, die er vertreten musste.“

Es folgten noch weitere Ärzteprozesse, dennoch wurden längst nicht alle vor Gericht gestellt, die man wegen ihrer Beteiligung an Verbrechen gegen die Menschlichkeit hätte belangen können. Viele waren geflohen oder hatten sich in den Wirren der Nachkriegszeit eine neue Identität zugelegt. In der bereits 1947 vorgelegten Dokumentation des Nürnberger Ärzteprozesses war zunächst nur von insgesamt 350 angeblich schuldigen Medizinern die Rede. Das wurde in einer späteren Auflage von einem der beiden Autoren, Alexander Mitscherlich, jedoch relativiert: „Natürlich kann man eine einfache Rechnung aufstellen. Von ungefähr 90 000 damals in Deutschland tätigen Ärzten haben etwa 350 Medizinverbrechen begangen. Das bleibt noch eine stattliche Zahl, vor allem, wenn man an das Ausmaß der Verbrechen denkt [...]. Doch das trifft nicht den Kern. Dreihundertfünfzig waren unmittelbare Verbrecher – aber es war ein Apparat da, der sie in die Chance brachte, sich zu verwandeln.“ Wie groß dieser „Apparat“ war, lässt sich erahnen, wenn man sich die Forschung zur Geschichte der Medizin im Nationalsozialismus der letzten vier Jahrzehnte anschaut. Prof. Dr. Dr. h. c. Robert Jütte

Foto: picture-alliance/akg-images
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