ArchivDeutsches Ärzteblatt50/2021Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen: Halt am Lebensende

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Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen: Halt am Lebensende

Richter-Kuhlmann, Eva

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Von der Öffentlichkeit wenig bemerkt feierte die „Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland“ ihr zehnjähriges Jubiläum. Mittlerweile ist sie zu einem wichtigen Impuls für die Weiterentwicklung der Hospiz- und Palliativversorgung geworden.

Foto: picture alliance/Hans Wiedl
Foto: picture alliance/Hans Wiedl

Sterben, Tod und Trauer – gerade an Weihnachten und um den Jahreswechsel sind diese Themen bei vielen Menschen präsent. Sie als Teil des Lebens zu begreifen, ist ein Anliegen der „Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland“. Vor mittlerweile mehr als zehn Jahren wurde sie unter der Trägerschaft der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, des Deutschen Hospiz- und PalliativVerbands und der Bundesärztekammer (BÄK) von mehr als 50 gesundheits- und gesellschaftspolitischen Institutionen in Deutschland mit dem Ziel verabschiedet, allen Menschen in Deutschland ihren individuellen Bedürfnissen entsprechend einen gerechten Zugang zu einer würdevollen Begleitung und Versorgung am Lebensende zu ermöglichen.

Die geplante Veranstaltung zum zehnjährigen Charta-Jubiläum musste aufgrund der Pandemie mehrfach verschoben werden und fiel jüngst ganz aus – sehr zum Bedauern der Träger. Denn obwohl sich nach Angaben der 2017 gegründeten Koordinierungsstelle für Hospiz- und Palliativversorgung in Deutschland mittlerweile mehr als 30 000 Organisationen und Institutionen sowie Einzelpersonen für die Charta einsetzen, sind noch viele öffentliche Anstrengungen nötig, um die Anliegen der Charta tatsächlich im gesellschaftlichen Bewusstsein zu verankern.

Sterben als Teil des Lebens

Denn Tod und Sterben sind offenbar noch immer Tabuthemen. Der im Jahr 2011 verstorbene ehemalige Bundesärztekammerpräsident Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe hatte sich schon bei der Präsentation der Charta im September 2010 in Berlin gewünscht, dass diese dazu beitragen möge, die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit den Themen zu fördern.

Dieses Anliegen ist noch immer aktuell. „Es noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten“, sagt Prof. Dr. med. Winfried Hardinghaus, Vorsitzender des Deutschen Hospiz- und PalliativVerbands (DHPV), dem Deutschen Ärzteblatt. Die Begriffe „Hospiz“ und „Palliativ“ seien – wenn überhaupt bekannt – in der breiten Öffentlichkeit häufig noch angstvoll oder gar negativ besetzt. Bei „Sterbehilfe“ werde weniger an die Hilfe am Lebensende und im Sterbeprozess als an die Hilfe zum Sterben gedacht. „Sterben als Teil des Lebens zu sehen, wird noch immer verdrängt. Doch sehen wir es als eine besonders wichtige Aufgabe an, mittels der Charta eine Annäherung an dieses Thema zu ermöglichen“, betont er.

Obwohl mit dem „Rückenwind“ der Charta bereits sehr viel bewegt und erreicht werden konnte, sieht auch Prof. Dr. med. Claudia Bausewein, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP), noch viel Luft nach oben. „Die Anliegen der Charta mit ihren fünf Leitsätzen zu gesellschaftspolitischen Herausforderungen, Anforderungen an die Versorgungsstrukturen wie auch an Aus-, Fort- und Weiterbildung, Entwicklungsperspektiven und Forschung sowie zur internationalen Dimension sind noch nicht in allen Bereichen so umgesetzt, wie wir uns das wünschen“, erklärt sie gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt.

Noch immer erführen die Bedürfnisse von schwerstkranken, sterbenden und auch suizidgefährdeten Menschen ebenso wie die Nöte ihrer Angehörigen zu wenig Aufmerksamkeit. „Es braucht dringend eine gezielte Aufklärungskampagne für die Bevölkerung über die Optionen der Hospiz- und Palliativversorgung“, fordert die Palliativmedizinerin. Dies gelte insbesondere für vulnerable Gruppen, die bislang kaum erreicht würden, wie Menschen mit Beeinträchtigungen oder Menschen mit Migrations-hintergrund. Auch sei den besonderen Belangen von Kindern und Jugendlichen durch Förderung einer eigenen Netzwerkstruktur in einem überregionalen Hospiz- und Palliativnetzwerkes Rechnung zu tragen.

„Zudem muss die Suizidprävention in Deutschland als gesamtgesellschaftliche Aufgabe gestärkt und auf eine breite Basis gestellt werden“, so Bausewein. Dies sollte durch ein eigenes umfassendes Suizidpräventionsgesetz ermöglicht werden, das flächendeckend niedrigschwellige Zugänge zur Information, Beratung und zu therapeutischen Hilfen zur Verfügung stellt.

Erst im November, beim 125. Deutschen Ärztetag, hatte dies auch das Ärzteparlament abermals gefordert – ebenso wie den weiteren Ausbau der palliativen Versorgung. „Als solidarische Gesellschaft sind wir verpflichtet, Schwerstkranken und Sterbenden ein Lebensende unter würdigen Bedingungen zu ermöglichen und insbesondere Bestrebungen nach einer Legalisierung der Tötung auf Verlangen eine Perspektive der Fürsorge und des menschlichen Miteinanders entgegenzusetzen“, betont anlässlich des Charta-Jubiläums der amtierende BÄK-Präsident Dr. med. (I) Klaus Reinhardt.

Wesentliche Meilensteine des Charta-Prozesses sind die Nationale Strategie zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen ab 2013 sowie die in deren Rahmen entwickelten Handlungsempfehlungen 2016.
Wesentliche Meilen­steine des Charta-Prozesses sind die Nationale Strategie zur Betreuung schwerst­kranker und sterbender Menschen ab 2013 sowie die in deren Rahmen entwickelten Handlungs­empfehlungen 2016.

Jeder Mensch sollte bei Bedarf am Ende seines Lebens unabhängig von zugrunde liegenden Erkrankungen, seiner persönlichen Lebenssituation oder dem Wohnort eine qualitativ hochwertige Hospiz- und Palliativversorgung und Begleitung erhalten. Dies ist auch das zentrale Anliegen des Charta-Prozesses und der im Rahmen der Nationalen Strategie 2016 entwickelten Handlungsempfehlungen.

Handlungsbedarf bleibt

Einen wesentlichen Schritt auf dem Weg zu einer qualitativ hochwertigen Palliativ- und Hospizversorgung von schwerstkranken und sterbenden Menschen zu Hause, im Krankenhaus, im Hospiz oder im Pflegeheim stellte hierzulande das 2015 verabschiedete Hospiz- und Palliativgesetz dar. „Nach sechs Jahren gilt es nun, das Hospiz- und Palliativgesetz im Detail auf den Prüfstand zu stellen“, meint Bausewein. Die Hospiz- und Palliativversorgung sei dringend weiterzuentwickeln. Als Stichpunkte nennt sie dabei eine leistungsgerechte Vergütung der Allgemeinen Ambulanten Palliativversorgung (AAPV) für alle beteiligten Leistungserbringer, die „Ausstattung“ der Palliativpflege mit Qualifikation und Zeit, die Finanzierung psychosozialer Berufsgruppen in der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung (SAPV) sowie eine angemessene Finanzierung der Palliativdienste und Palliativstationen im Krankenhaus und eine Weiterentwicklung der gesundheitlichen Versorgungsplanung für die letzte Lebensphase (Advance Care Planning).

Enttäuscht ist Palliativmediziner Hardinghaus darüber, dass Hospizarbeit und Palliativversorgung keine Erwähnung im aktuellen Koalitionsvertrag finden. „Das lässt zum einen darauf schließen, dass die Verantwortlichen hier keinen Handlungsbedarf sehen, zum anderen spricht dies auch für eine mangelnde Wertschätzung gegenüber Schwerstkranken und Sterbenden, jedenfalls im Vergleich zu den Themen Klima und Digitalisierung“, sagt er dem . „Als Gesellschaft tragen wir jedoch die Verantwortung für unsere alten und hochbetagten Mitglieder, oft in ihrer Multimorbidität zusätzlich belastet durch Demenz, Depression, Trauer, Einsamkeit und/oder Pflegebedürftigkeit.“ Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Betreuung Schwerstkranker während der Pandemie

Lassen Sie nicht zu, dass Menschen einsam sterben!“, mit diesem Appell hat sich zum Ende des Jahres die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, Prof. Dr. med. Claudia Bausewein, an die Öffentlichkeit gewandt. Gleichzeitig verwies sie auf die Ende November freigeschaltete Informationsplattform www.pallpan.de des Forschungsverbundes Palliativversorgung in Pandemiezeiten. Dort fänden Betroffene und Angehörige sowie für Versorgende diverse praxisnahe und leicht zugängliche Handlungsempfehlungen, um Infektionsschutz, strenge Besuchsregelungen, knappe Ressourcen sowie eine möglichst optimale Versorgung von Schwerkranken und Sterbenden miteinander zu vereinbaren. Neu aufbereitet wurden die in der „Nationalen Strategie für die Betreuung von schwerkranken und sterbenden Menschen und ihren Angehörigen in Pandemiezeiten“ im Sommer 2021 veröffentlichten Forschungsergebnisse.

„Im Verlauf der Pandemie haben Hunderttausende die schmerzhafte Erfahrung machen müssen, sich in schwerer Krankheit und im Sterben nicht so nah sein zu dürfen, wie es ihrem Wunsch und Bedürfnis entsprochen hätte“, erklärt die Palliativmedizinerin. Insbesondere in den jetzt kommenden Monaten müsse man deshalb dafür sorgen, dass Vereinsamung, Stigmatisierung und palliativmedizinische Unterversorgung von sterbenden Menschen vermieden würden. Dabei könnten die anwendungsorientierten Handlungsempfehlungen helfen. Sie thematisieren beispielsweise „Abschied und Trauer“, „Besuch und Nähe“ und „Kommunikation“, „Infektionsschutz“ sowie „Unterstützung der Mitarbeitenden“, „Pandemiepläne/-konzepte“ und „Vernetzung“.

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