ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2021Pädiatrische Impfprogramme: Impfpflicht ist kein Kinderspiel

MEDIZINREPORT

Pädiatrische Impfprogramme: Impfpflicht ist kein Kinderspiel

Lenzen-Schulte, Martina

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die aktuelle Debatte zur Akzeptanz von SARS-CoV-2-Impfungen kann von den Erfahrungen lernen, die man international mit obligaten Kinderimpfprogrammen gemacht hat. Diese lehren, dass selbst gut gemeinte Maßnahmen, nicht immer gut funktionieren.

Foto: mauritius images/RUSLAN NESTERENKO Alamy
Foto: mauritius images/RUSLAN NESTERENKO Alamy

Wenn die Gesundheitspolitik eines Landes über die Implementierung von Impfpflichten nachdenkt, kann sie sich über die zu erwartenden Effekte solcher Maßnahmen bereits jetzt kundig machen. Denn weltweit existieren unterschiedlich verpflichtende Impfprogramme, deren Wirkungen bereits untersucht worden sind.

Vor allem die Vergleichsanalysen von Kinderimpfprogrammen in verschiedenen Ländern der Welt legen nahe, dass die Effekte oft hinter den Erwartungen zurückbleiben (1). „Das Fazit solcher Untersuchungen lautet stets, dass es eine simple Lösung nicht gibt“, resümiert Prof. Dr. med. Daniel Grandt, der als Chefarzt die Klinik für Innere Medizin I am Klinikum Saarbrücken leitet und als Autor an einem solchen Review mitgewirkt hat (2).

Erfolge von Zwingen und Zahlen

Impfungen in der Pädiatrie eignen sich deswegen für solche Vergleiche, weil Kinderimpfprogramme international in vielen Varianten etabliert sind und sie zudem die häufigsten Impfungen darstellen. Ein Review aus 53 Ländern der europäischen Region zeigte, dass es keine Maßnahme gibt, die die Impfraten für bestimmte Vakzine oder allgemein eindeutig erhöht (3).

So ließen sich zwar in den ehemaligen Sowjetrepubliken und deren kommunistisch regierten Nachbarstaaten im Osten und in Zentralasien sehr hohe Durchimpfungsraten erzielen. Dies jedoch nur unter den dort herrschenden Zwangsbedingungen. Nach Auflösung des Sowjetimperiums brachen die Impfraten dramatisch ein und im Jahr 2018 zählte zum Beispiel die Ukraine laut WHO zu den europäischen Ländern mit den niedrigsten Impfraten für Kinder überhaupt. In Serbien und Polen gab es erhebliche Proteste gegen die Impfpflicht.

Länder, in denen ein vergleichbarer Zwang aus politischer Sicht gar nicht erst implementiert werden kann, müssen von vornherein auf andere Maßnahmen setzen. Hier reicht der Druck von der Aufforderung an die Eltern, lediglich Aufklärungsangebote über Impfungen wahrnehmen zu müssen, bis dahin, dass nur entsprechend durchgeimpfte Kinder zur Kita beziehungsweise zur Schule zugelassen werden oder an beliebten Freizeitprogrammen teilnehmen dürfen.

Es gibt zudem die Androhung, den Familien finanzielle Vorteile zu versagen. Hierzu zählt das unter dem Stichwort „No jab, no pay“ bekannt gewordene Programm in Australien. Dieses wurde im Jahr 2016 eingeführt, nachdem immer mehr impfkritische Eltern die staatlichen Impfangebote verweigerten, als das noch folgenlos möglich war (4, 5).

Aber auch solche Ansätze führten nicht zwingend zum Erfolg. „Wir haben bei unserer Analyse herausgefunden, dass es durchaus sogenannte Escape-Mechanismen gibt, mit denen die Eltern die indirekt verpflichtenden Programme unterlaufen können“, erläutert Grandt. Dies zeigte sich zum Beispiel in Kalifornien, wo die Eltern Impfempfehlungen lange Zeit schlicht durch Verweis auf ihre persönliche Haltung ignorieren konnten. Als dann dort vor einigen Jahren eine neue Regelung medizinische Gründe für eine Impfverweigerung erforderlich machte, stiegen die Impfraten keineswegs.

Wie man das System ausbootet

Vielmehr brachten die Eltern solche Atteste vermehrt im Verbund mit kooperierenden Ärzten, die ihnen das Gewünschte bescheinigten. „Wir nennen dies ‚gaming‘, die Betroffenen ‚spielen‘ mit dem System“, sagt Grandt und zieht einen aktuellen Vergleich: „Man kann sich das so vorstellen wie die Möglichkeit für Maskenverweigerer, sich medizinisch passende Ausnahmegründe attestieren zu lassen.“

Nicht nur das „gaming“, auch andere Einflüsse torpedieren die zunächst als effektiv erachteten Maßnahmen. So blieb der Einfluss von „No jab, no pay“ auf die Impfraten eher gering. Denn die Streichung staatlicher Subventionen in Australien rief nicht nur Impfkritiker mit dem Vorwurf auf den Plan, die Kürzung der Unterstützung treffe eher die ärmeren Bevölkerungsschichten.

In Gesundheitseinrichtungen ließe sich eine Impfpflicht für Mitarbeiter kontrollieren und durchsetzen. „In der Fläche ist dies jedoch schwierig“, warnt Grandt. Er hält es unabhängig von der Entscheidung über eine Impfpflicht für notwendig, professionell und multimedial für die Impfung zu werben.

Dr. med. Martina Lenzen-Schulte

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit5121
oder über QR-Code.

1.
MacDonald NE, Harmon S, Dube E,et al.: Mandatory infant & childhood immunization: Rationales, issues and knowledge gaps. Vaccine. 2018;36(39):5811–5818 CrossRef MEDLINE
2.
MacDonald NE, Dubé E, Grandt D: Considerations for mandatory childhood immunization programs. Canada Communicable Disease Report (CCDR) 2020;46(7/8):257-51 CrossRef
3.
Sabin Vaccine Institute. Legislative Landscape Review: Legislative Approaches to Immunization Across the European Region. 21. Dezember 2018. https://www.sabin.org/updates/resources/legislative-approaches-immunization-across-european-region
4.
No jab no pay immunisation requirements https://www.health.nsw.gov.au/immunisation/Pages/no-jab-no-pay.aspx
5.
https://www.kinderaerzte-im-netz.de/startseite/
1.MacDonald NE, Harmon S, Dube E,et al.: Mandatory infant & childhood immunization: Rationales, issues and knowledge gaps. Vaccine. 2018;36(39):5811–5818 CrossRef MEDLINE
2.MacDonald NE, Dubé E, Grandt D: Considerations for mandatory childhood immunization programs. Canada Communicable Disease Report (CCDR) 2020;46(7/8):257-51 CrossRef
3.Sabin Vaccine Institute. Legislative Landscape Review: Legislative Approaches to Immunization Across the European Region. 21. Dezember 2018. https://www.sabin.org/updates/resources/legislative-approaches-immunization-across-european-region
4.No jab no pay immunisation requirements https://www.health.nsw.gov.au/immunisation/Pages/no-jab-no-pay.aspx
5. https://www.kinderaerzte-im-netz.de/startseite/

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote