ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2000Drogenpolitik: Für eine kontrollierte Methadonsubstitution

POLITIK: Aktuell

Drogenpolitik: Für eine kontrollierte Methadonsubstitution

Dtsch Arztebl 2000; 97(13): A-811 / B-697 / C-637

Richter, Eva A.

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LNSLNS Der Drogenbericht 1999 zieht eine negative Bilanz: Die Zahl der Drogentoten ist wieder gestiegen, darunter auch viele Methadonsubstituierte.


Methadon wird häufig zu freizügig verordnet. Zu diesem Ergebnis kam Christa Nickels, Drogenbeauftragte der Bundesregierung, bei der Vorstellung des Drogenberichts 1999: 323 Personen - das sind 17,8 Prozent der Drogentoten - starben unter dem Beikonsum von Methadon. In 28 Fällen wurde Methadon als alleinige Todesursache registriert.
Eine Hauptursache für die meisten Rauschgifttodesfälle ist seit Jahren das politoxikomane Konsumverhalten der Junkies: Der Beikonsum von anderen Betäubungsmitteln und Alkohol lässt sich vom methadonsubstituierenden Arzt nur schwer kontrollieren, geschweige denn sicher unterbinden. Zudem können Wechselwirkungen zwischen Methadon und anderen Medikamenten auftreten. Ein nicht zu unterschätzendes Problem stellt in diesem Zusammenhang die seit Anfang 1998 erleichterte "Takehome-Regelung" der Betäubungsmittel-Verschreibungsverordnung dar. Seitdem darf Methadon nicht nur für drei, sondern für sieben Tage verschrieben werden. "Diese Regelung ist für viele Patienten eine wesentliche Voraussetzung für eine normale Lebensführung und deshalb therapeutisch sinnvoll", erläuterte Nickels. Es sei jedoch festzustellen, dass verstärkt Methadon aus ärztlicher Verschreibung auf den illegalen Markt gelangt. Neben der Weitergabe an Nichtsubstituierte trifft man in der Praxis auch eine falsche Applikation der Ersatzdroge an: Junkies spritzen sich das Methadon, anstatt es oral einzunehmen.
Einige Opiatabhängige sind in mehreren Drogensubstitutionsprogrammen integriert. Um diese Doppel- und Mehrfachverschreibungen von Methadon künftig einzuschränken, will das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium ein bundesweites Substitutionsregister einrichten. Zudem soll eine besondere Qualifikation für substituierende Ärzte eingeführt werden. Gerade eine qualifizierte psychosoziale Betreuung dieser Patienten ist unverzichtbar. Die alleinige Abgabe eines Substitutionsmittels stelle noch keine ausreichende suchttherapeutische Behandlung dar, betonte Nickels. Die Substitution wird vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium weiterhin unterstützt. Verschiedene Langzeituntersuchungen zur Methadonsubstitution und zu drogenfreien Therapien hätten gezeigt, dass die Abstinenzraten bei beiden Behandlungsformen etwa 10 bis 20 Prozent betragen und somit vergleichbar sind. Es ist geplant, die substituierenden Ärzte durch spezielle Richtlinien der Bundes­ärzte­kammer, die mit den betäubungsmittelrechtlichen Vorschriften verknüpft werden sollen, zu unterstützen.
Wieder mehr Drogentote
Im vergangenen Jahr starben insgesamt 1 812 Menschen an den Folgen des Rauschmittelkonsums (Grafik) - das sind 8,2 Prozent mehr als im Vorjahr. Überdurchschnittliche Steigerungsraten verzeichneten Schleswig-Holstein (48,1 Prozent), Berlin (28,1 Prozent), Baden-Württemberg (23 Prozent), Rheinland-Pfalz (18,3 Prozent), Nordrhein-Westfalen (17,2 Prozent) und Bremen (13,4 Prozent). In Bayern ist die Zahl der Rauschgifttoten um 14,4 Prozent gesunken, auch in Hamburg wurde ein seit 1990 nicht mehr registrierter Tiefstand erreicht. Die neuen Länder sind weiterhin nur gering betroffen.
Perspektivisch soll das Drogenhilfesystem ausgebaut werden: Geplant sind Hilfen für Kinder von Suchtkranken und Migranten sowie die heroingestützte Behandlung als Modellversuch. Dabei handelt es sich um eine multizentrische klinische Studie, die heroinhaltige Arzneimittel nach dem Arzneimittelgesetz prüft. Es soll untersucht werden, ob stark verelendete Opiatabhängige dadurch gesundheitlich und sozial stabilisiert, verbindlich ins Hilfesystem integriert und zu einer weiterführenden Therapie motiviert werden können.
Die von der Bundesregierung eingebrachte Resolution "Verstärkte Hilfe für Drogenmissbraucher" unterstützte die Suchtstoffkommission der Vereinten Nationen kürzlich einstimmig. Die Resolution verfolgt zwei Hauptziele: Einerseits die Prävention und Früherkennung sowie die Beratung, Therapie und Nachsorge von Drogenabhängigen. Andererseits ruft sie dazu auf, Strategien und Projekte zur Überlebenshilfe für Drogenabhängige zu entwickeln. Auch das geplante Modellprojekt zur heroingestützten ärztlichen Suchtbehandlung zählt hierzu. Dr. med. Eva A. Richter

Außerdem im Suchtbericht: Von den befragten 18- bis 59-jährigen Westdeutschen haben 14,2 Prozent und von den Ostdeutschen knapp fünf Prozent zumindest einmal im Leben eine illegale Droge genommen, wobei der Anteil der Männer deutlich höher als der der Frauen ist.

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