ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2021Medizin- und Public Health-Ethik: Zugespitzt und breit diskutiert

THEMEN DER ZEIT

Medizin- und Public Health-Ethik: Zugespitzt und breit diskutiert

Marckmann, Georg; Schildmann, Jan

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Welche Auswirkungen hat die Pandemie auf die Ethik? Die Medizinethiker Georg Marckmann und Jan Schildmann beschreiben neue und engere Kooperationen mit Gesundheitswissenschaft, Patientenversorgung und weiteren Disziplinen sowie eine verstärkte öffentliche Aufmerksamkeit.

Ethische Fragen der COVID-19-Pandemie wurden und werden vergleichsweise prominent in der Öffentlichkeit verhandelt. Die ethische Vertretbarkeit verschiedener Formen einer „Impfpflicht“ oder ethische Kriterien für die Priorisierung intensivmedizinischer Ressourcen sind hierfür zwei aktuelle Beispiele.

Großes öffentliches Interesse

Das große öffentliche Interesse war eine von mehreren Herausforderungen für die Medizin- und Public Health-Ethik. Dabei hängen die mit der Pandemie verbundenen Veränderungen für die beteiligten Ethikerinnen und Ethiker – wie auch in anderen Arbeitsfeldern – ab vom eigenen wissenschaftlichen Profil, den jeweiligen Interessen und auch der beruflichen Verortung im Arbeitsfeld.

Foto: vegefox.com/stock.adobe.com
Foto: vegefox.com/stock.adobe.com

Exemplarisch für in der Pandemie veränderte Aktivitäten steht zum einen die Klinische Ethik, die sich seit Beginn der Pandemie hinsichtlich Häufigkeit und Inhalt der Anfragen mit besonderen Anforderungen konfrontiert sieht. Zum anderen sind die populationsbezogenen ethischen Fragen des Pandemiemanagements zu nennen, die zu vielen Anfragen aus Politik, Organisationen des Gesundheitswesens und Medien führen. Aufgrund des vergleichsweise kurzen Zeitraums und möglicherweise noch folgenden relevanten Entwicklungen lassen sich die pandemiebedingten Auswirkungen auf das Arbeitsfeld der Medizin- und Public Health-Ethik noch nicht abschließend beurteilen.

Die folgenden Ausführungen verstehen sich daher eher als Schlaglichter auf einige von uns wahrgenommene Veränderungen – aus der Perspektive zweier Fachvertreter, die sich in den letzten beiden Jahren unter anderem mit Handlungsempfehlungen für die Ressourcenallokation in der Intensivmedizin, mit einer Vielzahl klinisch-ethischer Anfragen und populationsbezogenen ethischen Fragestellungen befasst haben.

Viele ethische Fragen, die sich im Zusammenhang mit der Pandemie stellen, sind im Kern nicht neu. Ihnen widmet sich insbesondere die Public Health-Ethik. Sie bearbeitet ethische Fragen, die sich hinsichtlich der Gesundheit von Bevölkerungsgruppen stellen. Entsprechend dieser populationsbezogenen Ausrichtung der Public Health-Ethik sind Auswirkungen auf das Allgemeinwohl von zentraler Bedeutung, die dann mit anderen ethischen und auch rechtlichen Werten abgewogen werden müssen, beispielsweise mit individuellen Freiheitsrechten oder mit dem Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit.

Schwierige Abwägung

Die Orientierung am Allgemeinwohl erfordert nicht nur ethische Analysen zum Nutzen- und Schadenspotenzial verschiedener Interventionen, sondern auch Überlegungen, wie der gesundheitliche Nutzen für Populationen maximiert werden kann. Eine nicht neue, aber in der Pandemie deutlich akzentuierte Herausforderung ethischer Analysen stellt die Erfassung und Integration moralisch relevanter Fakten dar.

Die fehlende oder wenig robuste empirische Informationslage erschwert die Nutzen-Schadens-Bewertung von Public Health-Interventionen. Hinzu kommt, dass auch Nutzen- und Schadenspotenziale gegeneinander abgewogen werden müssen, die unterschiedliche Personengruppen betreffen – beispielsweise, wenn die Freiheiten jüngerer Menschen eingeschränkt werden zum Schutze älterer Menschen. Hierfür fehlen oft etablierte ethische Bewertungsmaßstäbe. Diese empirisch und ethisch begründete Unsicherheit ethischer Analysen wiederum stößt während der Pandemie häufig auf die Erwartung möglichst konkreter, zeitnaher Handlungsempfehlungen für die Praxis.

Neue Formen der Kooperation

Eben diese schwierigen Rahmenbedingungen waren und sind, wenigstens nach unserer Wahrnehmung, aber auch ein Treiber für eine sehr rasche und enge Kooperation von Ethik und Gesundheitswissenschaft sowie Patientenversorgung und weiteren Disziplinen. Dabei wurden – unter Nutzung der zunehmend verfügbaren Online-Medien – neue Formen der Kooperation entwickelt, die insbesondere der unverzichtbaren Interdisziplinarität gesundheitsethischer Arbeit und dem Transfer in Politik, Gesundheitswesen und medizinische Praxis Rechnung tragen. Seit Beginn der Pandemie werden beispielsweise von einer international besetzten Arbeitsgruppe ethische Fragen des Pandemiemanagements im Rahmen des Kompetenznetzes Public Health COVID-19 (1) bearbeitet und in Policy Briefs zu anwendungsorientierten Empfehlungen kondensiert.

Die Akademie für Ethik in der Medizin (AEM) organisiert ein regelmäßig stattfindendes Online-Austauschforum für klinische Ethikberatung zu ethischen Herausforderungen in den Einrichtungen des Gesundheitswesens, zum Teil mit weit über 100 Teilnehmenden. Die Entwicklung der ersten Version der AWMF S1-Leitlinie zur Priorisierung intensivmedizinischer Ressourcen (2) binnen weniger Arbeitstage – unter Mitwirkung der (Intensiv-)Medizin, der Ethik, des Rechts und von weiteren Disziplinen – war neben allen Herausforderungen eine sehr positive Erfahrung effektiver interdisziplinärer kollegialer Zusammenarbeit. Darüber hinaus wurden unter dem Dach der AEM verschiedene weitere Empfehlungen insbesondere auch zu pflegeethischen Themen in der Pandemie erstellt, um einen Beitrag zur Bewältigung der akuten ethischen Herausforderungen in den verschiedenen Bereichen des Gesundheitssystems zu leisten (3).

Prozess und Ergebnis der genannten S1-Leitlinie werfen allerdings auch Fragen auf, die für die Medizinethik zwar ebenfalls nicht neu sind, während der Pandemie aber zugespitzt auch öffentlich kontrovers diskutiert werden. Eine dieser Fragen ist der Umgang mit unterschiedlichen, jeweils gut begründeten, ethischen Positionen, wenn eine praxistaugliche Handlungsempfehlung am ehesten durch Zugrundelegung einer ethischen Position erstellt werden kann.

Zudem stellen sich Fragen hinsichtlich der Legitimation der Handlungsempfehlungen. Angesichts der tragischen Entscheidungen bei der Priorisierung intensivmedizinischer Maßnahmen und des vorgeschlagenen Priorisierungskriteriums der „Erfolgsaussicht“ ist es durchaus nachvollziehbar, dass etwa Behinderten-Verbände nicht nur das Priorisierungskriterium, sondern vor allem auch die Legitimation einer von acht medizinischen Fachgesellschaften getragenen Leitlinie in Frage stellen.

„Hatemails“ als neue Erfahrung

Nicht zuletzt brachte das bereits erwähnte große Interesse an ethischer Expertise, zumindest für einen Teil der Ethikerinnen und Ethiker, neue Herausforderungen. Die Anfragen lassen sich dabei drei Typen zuordnen:

1. Anfragen aus dem Gesundheitswesen, beispielsweise von Fachgesellschaften oder aus Einrichtungen der Patientenversorgung,

2. Anfragen von politischer Seite, beispielsweise vonseiten des Gesundheitsministers an den Deutschen Ethikrat sowie

3. Anfragen der Medien.

Ergänzend zur inhaltlichen und kommunikativen Arbeit, die mit diesen Anfragen verbunden war, kam im Anschluss häufig die Aufarbeitung öffentlicher Reaktionen hinzu. Dies gilt auch für das Lesen von „Hatemails“ (oder den bewussten Verzicht darauf), die wir und andere Ethikerinnen und Ethiker nach öffentlichen Stellungnahmen im Postfach vorfinden konnten.

Netzwerke verstetigen

Ob und inwieweit die skizzierten Veränderungen nachhaltige Spuren in Medizin- und Public Health-Ethik hinterlassen werden, lässt sich aktuell noch schwer einschätzen. Insbesondere bleibt abzuwarten, ob das große Interesse an ethischen Themen der Pandemie die Rolle von Medizin- und insbesondere Public Health-Ethik nachhaltig verändern und gegebenenfalls sogar stärken wird. Wünschenswert wäre es aus unserer Sicht zumindest, wenn einige der im Kontext der Pandemie gebildeten Strukturen verstetigt werden könnten. Exemplarisch hierfür stehen die verschiedenen interdisziplinären Netzwerke, wie die inzwischen an der AEM angesiedelte Arbeitsgruppe zur Public Health-Ethik sowie das Online-Treffen klinischer Ethikberaterinnen und -berater. Darüber hinaus bieten die vielfältigen Stellungnahmen und Aktivitäten während der Pandemie aber auch Anstoß zur kritischen Reflexion der Rolle von Ethik in Wissenschaft und Gesellschaft. Konzeptionelle und methodische Fragen zur Expertise der Medizin- und Public Health-Ethik und zum Wesen von ethischer Beratung sollten beispielsweise auch jenseits der Pandemie wissenschaftlich weiter reflektiert werden.

Prof. Dr. med. Georg Marckmann,
Medizinethiker, LMU München;
Prof. Dr. med. Jan Schildmann,
Medizinethiker, Universität Halle (Saale)

1.
https://www.public-health-covid19.de (last accessed on 15 December 2021)
2.
https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/040-013.html (last accessed on 15 December 2021)
3.
https://www.aem-online.de/index.php?id=162 (last accessed on 15 December 2021)
1.https://www.public-health-covid19.de (last accessed on 15 December 2021)
2.https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/040-013.html (last accessed on 15 December 2021)
3.https://www.aem-online.de/index.php?id=162 (last accessed on 15 December 2021)

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote