ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2021Pandemiejahr: Nur noch funktionieren

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Pandemiejahr: Nur noch funktionieren

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Chefredakteur
Michael Schmedt, Chefredakteur

Das zweite Pandemiejahr ist fast zu Ende. Man fühlt sich in einer Endlosschleife neuer SARS-CoV-2-Varianten (jetzt Omikron), widersprüchlicher Aussagen von Impfstoffmengen (nach Lauterbach-Inventur) und wiederkehrender Schlangen vor Impfstellen (jetzt Boosterimpfung). Wieder stehen Arztpraxen und Intensivstationen unter Volllast, COVID-19-Patienten müssen verlegt werden, über weitere Einschränkungen wird diskutiert. Die fünfte (Omikron-)Welle wird Deutschland wohl im Januar überrollen, blickt man nach Dänemark oder Großbritannien.

Hat sich nichts verändert seit dem vergangenen Winter? Ja und nein muss die Antwort wohl lauten. Der größte Unterschied liegt sicherlich darin, dass jetzt geimpft wird, während vor einem Jahr noch viele neidisch auf Großbritannien schauten, wo noch vor Weihnachten mit dem Impfen begonnen worden war.

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Und darüber hinaus? Die Redaktion hat mehrere Autorinnen und Autoren gebeten zu skizzieren, welche Auswirkungen eine Pandemie auf verschiedene Bereiche des Gesundheitswesens hat (Seiten 2427 bis 2438). Aus den Einschätzungen ist klar zu erkennen, was eines der wichtigsten positiven Parameter in der Pandemiebekämpfung ist: die fachübergreifende Zusammenarbeit im Gesundheitswesen – von der Pandemie sogar befördert.

Zuständigkeiten waren in der medizinischen Forschung oder der Versorgung zweitrangig. Es wurde gehandelt: Impfstoffe entwickelt, Virenstämme analysiert und Therapieerkenntnisse weltweit geteilt. Die Patienten wurden auf allen Versorgungsebenen in gemeinsamer Abstimmung versorgt. Dies ist eine wichtige positive Erkenntnis der Pandemie, die politisch eher von nicht stringentem oder zu spätem Handeln und schlechter Kommunikation geprägt war und ist.

Sucht man weiter nach positiven Aspekten, muss man explizit diejenigen nennen, die durch freiwillige Zurückhaltung und Einhaltung der AHA-Regeln dafür sorgen, die Infektionszahlen gering zu halten. Zudem diejenigen, die in der Kälte stehen, auf die Auffrischungsimpfung warten oder sich dafür Termine in den Arztpraxen geben lassen. Dazu gehören auch jene, die ihre Unsicherheit überwunden haben und sich erstmals impfen lassen. Die Impfwilligen sind momentan die Massenbewegung und nicht die Protestler, die die „Gesundheitsdiktatur“ ausrufen. Diese sind zwar lauter, aber können mit der Masse der Impfwilligen nicht mithalten. Das geht oftmals in den Medien unter.

Die wichtigste positive Nachricht ist, dass das Gesundheitswesen in Deutschland noch funktioniert. Dennoch ist dies sehr zwiespältig. Denn es sind die Gesundheitsberufe, die bis zur Erschöpfung arbeiten und garantieren, dass COVID-19-Patienten gut versorgt werden und die Impfkampagne vorantreiben. Und das alles, obwohl ausreichendes Personal schon lange schmerzlich fehlt. Man kann froh sein, dass all jene so altruistisch handeln. Zwiespältig ist es auch, weil die positive Besetzung von „funktionieren“ fast ins Gegenteil kippt, wenn man „nur noch funktioniert“. Dann ist der Weg zum Kollaps nicht mehr weit. Viele Pflegekräfte haben im vergangenen Pandemiejahr ihrem Beruf den Rücken gekehrt. Der Marburger Bund befürchtet solch eine Entwicklung auch im Arztberuf. Die
Bedingungen für die Gesundheitsberufe zu verbessern, ist die zentrale Aufgabe der neuen Regierung, denn wenn man „nur noch funktioniert“, heißt es schnell im Gesundheitswesen „außer Betrieb“.

Die Redaktion wünscht allen Leserinnen und Lesern ein gutes, fröhliches und gesundes neues Jahr!

Michael Schmedt
Chefredakteur

Kommentare

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Avatar #615036
co_ed
am Donnerstag, 30. Dezember 2021, 10:25

Laggard-Iglu-Politik. Draußen tobt Omikron.

« Pandemiejahr: Nur noch funktionieren »

Es gibt keine Probleme mit dem Förderalismus sondern heftige und hartnäckige Mängel in der Politik, die Wirklichkeit des Lebens (nämlich dort wo der 'bottom' ist) zu erkennen und Kooperation zu gestalten, damit es besser wird durch 'bottom up' – als im « Pandemiejahr: Nur noch zu funktionieren » -\

"Um die Meldelage zu verbessern und eine verlässliche Pandemiewirklichkeit zu erkennen, sollten Bund und Länder dafür sorgen, dass die Mandatsträger von Stadt und Land die demokratischen Kontakte auch an Feiertagen wie Weihnachten und Neujahr sicher stellen und auch genügend Verständnis in diesen Tagen durch die Bevölkerung gewinnen", könnte der Hauptgeschäftsführer Helmut Dedy vom Städtetag dem"RedaktionsNetzwerk Deutschland" sagen – statt von den niedergelassenen Praxen PCR-Tests selbst an Feiertagen zu fordern.
Avatar #615036
co_ed
am Mittwoch, 29. Dezember 2021, 10:44

X-mess bottom up

Das ist gut! Zu Wort kommen im Deutschen Ärzteblatt Stimmen aus der Praxis: Keine Home-Praxis und keine Distanz-Behandlung. Die Körperschaften bleiben mit der Schnittstelle Leben – Gesundheitswesen in Verbindung.

Dass dies der Politik und ihren Verwaltungen gelingt ist äußerst zweifelhaft, sonst hätten sie gehört: „Wir sind immer so vorsichtig! Und außerdem sind wir geboostert! Willst Du mal unseren Weihnachtsschmuck sehen? Wir gehen aller sieben Tagen zum Testen“ Wird gesagt … nach mehreren Verwandtenbesuchen in der Woche, Weihnachtsfeier im Turnverein, der Gesangsprobe für das Altenheim und geselligem Beisammensein an Markttagen im Wintergarten des Cafes.

Politik und Verwaltungen haben schon längst den Kontakt zu den Menschen verloren und verstehen nicht, welche Überlegungen das Leben regiert; wird doch geglaubt: „Wir sind immer so bürgernah!“

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