ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2000Österreich: „Ärzte nicht isolieren!“

POLITIK: Aktuell

Österreich: „Ärzte nicht isolieren!“

Dtsch Arztebl 2000; 97(13): A-812 / B-672 / C-628

Bergemann, Nils

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LNSLNS Der politische Boykott hat auch Auswirkungen auf die österreichische Wissenschaft. Die 26. Jahrestagung der Europäischen Gesellschaft für Knochenmarktransplantation (EBMT) fand dennoch Anfang März in Innsbruck statt.


Schon im Vorfeld des Kongresses der Europäischen Gesellschaft für Knochenmarktransplantation (EBMT) hatten zahlreiche Teilnehmer mit einem Boykott gedroht. Trotzdem hielt der Veranstalter an Innsbruck als Veranstaltungsort fest.
Der Präsident der EBMT, Prof. Dr. med. Andrea Bacigalupo aus Italien, erklärte auf einer deshalb neben der Tagung einberufenen Pressekonferenz, dass man den Kongress nicht verschoben habe, weil man die österreichischen Ärzte nicht isolieren wolle. Die Vorstandsmitglieder der EBMT betonten ihre Solidarität zu den österreichischen Ärzten. Ihrer Meinung nach fügen Boykottreaktionen der Wissenschaft einen großen Schaden zu. Dr. jur. Michel Friedman, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, verteidigte den Boykott der österreichischen Regierung, sprach sich aber gegen einen Boykott der österreichischen Bevölkerung aus. Er hielt den Wissenschaftlern eindrücklich vor Augen, dass sie nicht in einem politiklosen, neutralen Raum arbeiteten, sondern gesellschaftliche Verantwortung hätten. In diesem Sinne hatten sich österreichische Ärzte frühzeitig engagiert. So versicherte das Auslandsbüro der Österreichischen Ärztekammer in einem Brief den europäischen Kollegen, dass die österreichischen Ärzte sich zur Verfassung bekannten und sich "gegen jede antidemokratische, ausländerfeindliche Politik mit aller Kraft zur Wehr setzen" würden, wobei sie so eine politische Entwicklung aber nicht erwarteten. Die medizinische Fakultät der Universität Wien veröffentlichte in der internationalen Fachzeitschrift "The Lancet" und in anderen angesehenen Publikationen eine Deklaration, in der sie sich strikt gegen Diskriminierungen ausspricht und eine intensive Fortsetzung der Aktivitäten gegen Rassismus und Vorurteile ankündigt. Für den Kongresspräsidenten Prof. Dr. med. Dietger Niederwieser aus Leipzig ist die wichtige Botschaft der Veranstaltung, "sich den Problemen zu stellen und Solidarität zu zeigen, anstatt wegzubleiben", gut angekommen. Es hätte bei 2 200 Teilnehmern nur 30 Absagen gegeben. Die Veranstaltung sei überaus erfolgreich verlaufen. Niederwieser betonte die wissenschaftliche Relevanz der Veranstaltung, die man bei alledem nicht vergesssen dürfe. Die EBMT stelle mit 450 Transplantationszentren und über 3 000 Mitgliedern in ganz Europa eine der wichtigsten Forschungsgesellschaften im Kampf gegen den Krebs dar. Mehr als 18 000 Knochenmarktransplantationen jährlich machten das Engagement der behandelnden Ärzte deutlich. In Innsbruck seien zwei wesentliche wissenschaftliche Neuerungen präsentiert worden: Durch verringerte Toxizität gelangen Stammzelltransplantationen bei Patienten bis 75 Jahre. Bislang durften die Empfänger nicht älter als 60 Jahre sein. Erste klinische Ergebnisse dazu wurden vorgestellt. Präsentiert wurde auch ein neues immunologisches Konzept zur Behandlung von Patienten mit metastasierenden soliden Tumoren, die nicht auf eine Chemotherapie ansprechen.
Auf der Tagung, bei der keine Regierungsvertreter anwesend sein durften, verliehen die Teilnehmer ihrer politischen Haltung mit einer Schweigeminute für die Opfer von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus Ausdruck. Der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie, Kongressteilnehmer Prof. Dr. med. Heinz Ludwig, ist der Ansicht, dass Österreich für lange Zeit als Veranstaltungsort für wissenschaftliche Organisationen nicht in Frage komme. "Der für September in Wien geplante Kongress der International Society for Preventive Oncology (ISPO) mit 1 000 Teilnehmern ist schon nach Kopenhagen verlegt worden." Das falsche Bild von Österreich in vielen Medien hätte dazu beigetragen. Laut Ludwig ist es verantwortungslos gewesen, Österreich etwa in eine Reihe mit Libyen, Irak und Serbien zu setzen. Der Diskurs werde überdies zu emotional geführt. Österreichische Wissenschaftler müssten sich gegenüber ausländischen Kollegen sehr oft rechtfertigen. Solidarität erfahre man als österreichischer Wissenschaftler noch am ehesten im persönlichen Gespräch, weil viele vor einer öffentlichen Bekundung zurückschreckten. Zu den Absagen beim EBMTKongress meinte Ludwig: "Gerade von Wissenschaftlern erwartet man, dass sie sich selbst erst ein möglichst objektives Bild von der Situation verschaffen, bevor sie zu einem Urteil kommen." Nils Bergemann


Prof. Dr. med. Heinz Ludwig aus Wien: "Gerade von Wissenschaftlern erwartet man, dass sie sich selbst erst ein möglichst objektives Bild von der Situation verschaffen, bevor sie zu einem Urteil kommen."

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