ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2000Vergütung ambulanter Psychotherapie: Ärztliche Psychotherapie im Nachteil?

POLITIK: Aktuell

Vergütung ambulanter Psychotherapie: Ärztliche Psychotherapie im Nachteil?

Dtsch Arztebl 2000; 97(13): A-814 / B-690 / C-657

Bühring, Petra

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LNSLNS Gleicher Lohn für gleiche Leistung - Eine Änderung durch das Gesundheitsreformgesetz zur Gesamtvergütung stellt diesen Grundsatz infrage. Wer nicht mindestens 90 Prozent psychotherapeutische Leistungen erbringt, erhält möglicherweise weniger.


Eine "gravierende Ungleichbehandlung" in der Honorierung psychotherapeutischer Leistungen befürchtet Dr. med. Jörg Schmutterer, ehemaliger Vorsitzender der Vereinigung psychotherapeutisch tätiger Kassenärzte, aufgrund der Neufassung von § 85 Abs. 4 a SGB V durch das GKV-Gesundheitsreformgesetz 2000. Benachteiligt seien vor allem psychotherapeutisch tätige Psychiater, Kinder- und Jugendpsychiater und ärztliche Psychotherapeuten - alle, die weniger als 90 Prozent ihrer Leistungen aus Kapitel G IV EBM erbringen. Deren Punktwert für psychotherapeutische Leistungen werde wahrscheinlich im Facharzttopf floaten, während der Punktwert für die "ausschließlich" psychotherapeutisch tätigen Fachärzte und Psychologischen Psychotherapeuten gestützt werde. Angemessene Vergütung für zeitgebundene Leistung
In der Gesundheitsreform 2000 wurde die Aufteilung der Gesamtvergütung in ein - höher bewertetes - Hausarztbudget und ein Facharztbudget festgelegt. Der Vergütungsanteil im Hausarzttopf wird bundesweit um rund vier Prozent steigen, der Facharztanteil dagegen um etwa 1,6 Prozent sinken. Psychotherapeuten werden aus dem Facharztbudget vergütet. Das Gesetz sieht eine "angemessene Vergütung" zeitgebundener genehmigungspflichtiger Leistungen für alle Psychotherapeuten und Fachärzte vor, die "ausschließlich" psychotherapeutisch tätig sind. Diese Regelung gilt ebenso für Fachärzte für Psychotherapeutische Medizin. Hintergrund war das berechtigte Anliegen des Gesetzgebers, diese Berufsgruppe vor existenzieller Bedrohung durch den Punktwertverfall zu schützen, der sich ergibt, wenn die Anzahl der Leistungserbringer bei gleich bleibender Gesamtvergütung steigt. Dr. med. Christa Schaff, Berufsverband der Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, machte auf die besondere Situation ihrer Fachgruppe aufmerksam. Gerade bei der Behandlung von Kindern und Jugendlichen seien somatische, psycho-pharmakologische und psycho-soziale Konzepte zu integrieren - die psychotherapeutischen Behandlungsanteile seien aber ebenso zeitgebunden und damit angemessen zu honorieren. Die Vergütungssystematik sei auch deshalb problematisch, weil der Bedarf an ärztlichen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten erst etwa zur Hälfte gedeckt sei, betonte Schaff.
Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde sieht durch die Regelung ihre Bemühungen, der Psychotherapie einen "notwendigen Stellenwert in der psychiatrischen Versorgung einzuräumen, konterkariert".
Der gemeinsame Bewertungsausschuss von Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) und Krankenkassen wandte das Gesetz mit dem Beschluss vom 16. Februar 2000 an. Vorgegeben wurde eine Berechnungsgrundlage für einen Mindestpunktwert, der sich an der Ertragslage einer Allgemeinarztpraxis orientiert. Nach Einschätzung der KBV wird der Mindestpunktwert - der konkret noch in jeder Kassenärztlichen Vereinigung (KV) ermittelt werden muss - zwischen 7 und 8 Pfennig liegen. Die Berechnung wurde von verschiedenen Psychotherapeutenverbänden kritisiert, da der Punktwert nicht dem Urteil des Bundessozialgerichtes vom 25. August 1999 entspricht, wonach psychotherapeutische Leistungen aufgrund ihrer Zeitgebundenheit mit einem Punktwert von 10 Pfennig vergütet werden sollen. Doch für die nur überwiegend psychotherapeutisch tätigen Fachärzte hält Schmutterer einen wesentlich niedrigeren Punktwert für die gleichen Leistungen für möglich. Dann nämlich, wenn die KVen im Rahmen ihrer Honorarverteilungsmaßstäbe innerhalb des Facharztbudgets einen Extratopf für psychotherapeutische Leistungen bilden sollten. Wenn der Anteil derjenigen mit gestütztem Punktwert abgezogen sei, verbliebe "ein sehr geringer Budgetanteil". Mehr Geld von den Krankenkassen
Die mögliche Benachteiligung der genannten Gruppe bestätigte Dr. med. Andreas Köhler, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der KBV und dort zuständig für Honorarfragen: "Wir werden uns bemühen, regional adäquate Regelungen zu finden." Dies sei abhängig von den Zahlungen der Krankenkassen; vorstellbar seien "extrabudgetäre Leistungen" der Krankenkassen, um Psychotherapeuten und Fachärzten gerecht zu werden.
Petra Bühring

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