ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/2021Impfstoffbestellung: Boostern als „Hauptwerkzeug“

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Impfstoffbestellung: Boostern als „Hauptwerkzeug“

Beerheide, Rebecca

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Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hat bei einer Inventur der Impfstoffbestellungen eine Lücke für das kommende Jahr entdeckt. Nun soll mit weiteren Lieferungen und neuen EU-Verträgen schneller mehr Impfstoff beschafft werden.

Als ein Werkzeug gegen eine neue Welle von Sars-CoV-2-Infektionen will der neue Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach die Boosterimpfkampagne deutlich forcieren. Bei der angekündigten „Inventur“ der Impfstoffbestellungen des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) für die kommenden Monate seien aber für das erste Quartal 2022 nur Bestellungen von etwa 50 Millionen Impfdosen der Hersteller BioNTech/Pfizer sowie Moderna vorhanden gewesen. Dies sei zu wenig, erklärte Lauterbach Mitte Dezember. Denn gemäß der Strategie würden etwa 70 Millionen Dosen, davon 50 Millionen Booster, zusätzlich zu schon erreichten 23 Millionen Auffrischimpfungen benötigt. Daher arbeite man intensiv an Nachbestellungen von beiden Herstellern.

Fehlender Impfstoff keine Kritik am Amtsvorgänger

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Die neue Bundesregierung habe eine „sehr offensive Boosterstrategie“ zu ihrem Hauptwerkzeug in der Coronapandemie ernannt, so Lauterbach vor Journalisten. Ziel sei, bis Ende Januar möglichst viele Menschen zu impfen. Mit den Bestellungen, die vor der Inventur und unter dem früheren Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bereits liefen, hätte eine Boosterkampagne bis Ende März 2022 gedauert. Der von ihm diagnostizierte Impfstoffmangel sei „ausdrücklich“ nicht als Kritik an seinem Vorgänger zu verstehen, sagte Lauterbach.

Der Minister will, dass die Impfgeschwindigkeit, die Mitte Dezember erneut etwa 1,5 Millionen Impfungen pro Tag betrug, weiter aufrechterhalten wird. „Wenn das tatsächlich fortgesetzt werden könnte, dann könnten wir im Januar schon einen großen Teil dieser Boosterimpflücken schließen. Das wäre optimal.“ Er dankte allen Ärztinnen und Ärzten sowie Medizinischen Fachangestellten und anderen Helfern für den zusätzlichen Einsatz, dieses Tempo möglich zu machen.

In den Verhandlungen mit den Impfstoffherstellern solle nun versucht werden, geplante Lieferungen weiter nach vorne zu ziehen. Dabei geht es auch um Sicherheitspuffer, wie der Minister erkennen ließ: „Ich möchte einfach, dass deutlich mehr Impfstoff da ist als abgerufen wird, um zu jedem Zeitpunkt die Impfstoffbedarfe ohne Verzögerung decken zu können.“

Konkret sollen nun 35 Millionen Dosen von Moderna früher kommen, davon zehn Millionen noch im Dezember. Mit Rumänien, Bulgarien, Portugal und Polen gibt es Verhandlungen über kurzfristige Übernahmen nicht benötigter Dosen, wie Lauterbach sagte. Einige Tage nach der Pressekonferenz erklärte der Pharmagroßhandel, dass inzwischen vor allem der Impfstoff von Moderna ausreichend vorhanden sei.

EU kauft erneut 1,8 Milliarden Impfstoffdosen

Die Bundesregierung hatte ebenso angekündigt, zusätzliche 80 Millionen Dosen von BioNTech über EU-Verträge kaufen zu wollen. Insgesamt kauft die EU in den kommenden Wochen 160 Millionen Dosen bei BioNTech ein. Zusätzlich, so bestätigte es die EU-Kommission, sollen in den ersten drei Monaten 2022 weitere 20 Millionen Dosen in die Mitgliedstaaten kommen. Für das erste Quartal werde es so 215 Millionen Dosen für die EU geben. Möglicherweise können Teile der Dosen bereits ein an Omikron angepasstes Vakzin sein. Der Vertrag schließe auch ein, dass BioNTech/Pfizer bis zu 1,8 Milliarden Impfdosen bis Ende 2023 an die EU-Mitgliedstaaten liefert.

Ärzte fordern genügend Impfstoff für die Praxen

Lauterbach sagte, ein Teil davon könne eventuell noch im ersten Quartal 2022 kommen, sonst voraussichtlich im zweiten bis vierten Quartal. Der Haushaltsausschuss des Bundestags hatte hierfür sowie für zwölf Millionen weitere Dosen, die direkt beschafft werden sollen, rund 2,2 Milliarden Euro bewilligt.

Im Anschluss an die Pressekonferenz erklärte der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. med. Andreas Gassen, dass es gut sei, wie Lauterbach das Impftempo in den Arztpraxen anerkenne. „Folgerichtig ist auch, dass er schnell mehr Impfstoffe besorgen will. Wir können nur hoffen, dass dies auch vollumfänglich gelingen wird“, sagte Gassen weiter. „Solange bestellte Impfstoffmengen nicht auch komplett ausgeliefert werden, droht die Impfkampagne ausgebremst zu werden. Papierlisten mit theoretischen Mengenangaben überzeugen nicht, nur tatsächlich und vollständig ausgelieferte Impfstoffe.“

Das Ziel, bis Jahresende 30 Millionen Impfungen zu schaffen, hatte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) schon vor der Inventur in mehreren Statements gefordert. Dieses Ziel sei bis Mitte Dezember mit 24,4 Millionen Impfungen seit Mitte November fast erreicht, erklärte der Leiter des neuen Krisenstabes im Kanzleramt, Generalmajor Carsten Breuer. Rebecca Beerheide (mit dpa)

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