ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2022Hubschraubergestützte Interhospitaltransporte von beatmeten Patienten mit COVID-19-Infektion
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In der Bewältigung der SARS-CoV-2-Pandemie stellen die verfügbaren Intensivtherapiekapazitäten die kritische Ressource im Hinblick auf das Überleben möglichst vieler schwer erkrankter Patienten dar (1). Um regionale Überlastungen der intensivmedizinischen Kapazitäten zu verhindern und eine Allokation der intensivtherapiepflichtigen Patientinnen und Patienten zu ermöglichen, hat die Deutsche interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) ein Register tagesaktuell verfügbarer Intensivkapazitäten initiiert. Auf Basis der Daten im DIVI-Register konnten medizinisch indizierte Verlegungen zwischen Krankenhäusern innerhalb regionaler Versorgungscluster (etwa zur Therapieeskalation) bilateral geplant werden. Für den Fall, dass bei regionaler Überlastung überregionale Transporte zur Entlastung der am stärksten betroffenen Regionen notwendig sind, wurde das sogenannte Kleeblattkonzept zur Transportorganisation entwickelt (2). In beiden Fällen kommt der Luftrettung mit Hubschraubern durch die Bereitstellung von Transportkapazitäten eine besondere Rolle zu. Nachfolgend werden die von der DRF Stiftung Luftrettung gemeinnützige AG (DRF) durchgeführten Transporte während der ersten drei Wellen der COVID-19-Pandemie im Hinblick auf medizinische und einsatztaktische Charakteristika analysiert.

Methode

Die Dokumentation aller Daten der Hubschraubereinsätze der von der DRF betriebenen Luftrettungsstationen erfolgt über das digitale zentrale Dokumentationsportal HEMSEinsatzDatenErfassung. Die DRF-interne Bearbeitung mit Bereitstellung der Daten, Review und Freigabe des Manuskripts in seiner finalen Form erfolgte als Projekt DRF-WAK-ID 67. Die Auswertung und Veröffentlichung der Daten aus dem zentralen Dokumentationsportal erfolgte nach Genehmigung der Ethik-Kommission der Landesärztekammer Baden-Württemberg. Die Untersuchung wurde in Übereinstimmung mit den STROBE-Richtlinien für retrospektive Beobachtungsstudien erstellt (3). Ausgehend von allen interhospitalen Verlegungen beatmeter Patienten, die die DRF seit Januar 2020 durchgeführt hatte, wurden diejenigen mit COVID-19-Assoziation (Nachweis oder begründeter Verdacht) herausgefiltert. Die Zuordnung zu den Pandemiewellen erfolgte anhand des vom Robert Koch-Institut veröffentlichten bundesweiten Verlaufs der Inzidenzen. Mit der Dimensional Charting Javascript Library (dc.js) wurden die Daten in einem multidimensionalen Modell zusammengeführt, sodass die Interhospitalverlegungen auf Basis von Georeferenzdaten (geo-)grafisch und nach Metadaten auswertbar dargestellt werden können (4).

Ergebnisse

Insgesamt wurden 896 COVID-19-assoziierte Transporte von beatmeten Patienten untersucht. Die Tabelle zeigt die Verteilung der Patienten auf die Wellenzeiträume der bundesweiten Pandemie sowie die patienten- und transportspezifischen Charakteristika. 189 Transporte (21 %) wurden nach 18:00 Uhr und vor 08:00 Uhr begonnen, wovon 167 eine Dringlichkeit < 2 h aufwiesen.

Charakteristika von Patienten und Einsätzen
Tabelle
Charakteristika von Patienten und Einsätzen

Wellenübergreifend wurden in neun Fällen (1 %) medizinische Komplikationen dokumentiert. In einem Fall musste ein Patient während des Flugs wegen eines akut eingetretenen Herz-Kreislauf-Stillstands reanimiert werden. Dieser Patient verstarb innerhalb von drei Stunden nach Aufnahme auf die Intensivstation. In vier Fällen wurden Beatmungsprobleme dokumentiert, die zu einem Sättigungsabfall während des Transports führten. Die restlichen dokumentierten Komplikationen sind ohne Auswirkungen auf die Patienten geblieben.

Eine interaktive geografische Darstellung der Transporte filterbar nach Pandemiewellen, aufnehmenden Krankenhäusern sowie den durchführenden Luftrettungsstationen ist unter www.drf-luftrettung.de/untersuchung-coronapandemie verfügbar. Über die Filterfunktion der interaktiven Grafik lassen sich regionale und zeitliche Schwerpunkte des Transportaufkommens während der Pandemie darstellen (Abbildung). Die interaktive Darstellung wird stetig aktualisiert, sodass auch die nach August 2021 stattgefundenen Transporte abgebildet werden können.

Anwendungsbeispiel der interaktiven multidimensionalen Transportdarstellung.
Abbildung
Anwendungsbeispiel der interaktiven multidimensionalen Transportdarstellung.

Diskussion

Nach Daten der Krankenkassen wurden in Deutschland während der ersten COVID-19-Welle auf dem Land- oder Luftweg 461 beatmete Patientinnen und Patienten verlegt (5). Die in dieser Untersuchung erfassten 166 Patienten der ersten Welle stellen somit einen Anteil von 36 % der beatmet transportierten Patienten dar. Da bodengebundene Transporte und Verlegungsflüge anderer Luftrettungsbetreiber als der DRF nicht Teil der vorliegenden Beschreibung sind, können die Daten für das gesamte pandemiebedingte Transportgeschehen nur eingeschränkt repräsentativ sein. Im Hinblick auf eine wünschenswerte einheitliche Dokumentationsbasis, die eine gesamtheitliche Betrachtung der Intensivtransporte auf dem Land- oder Luftweg in Deutschland ermöglichen würde, sind noch weitere Anstrengungen notwendig.

Als Limitation für diese Darstellung wird genannt, dass die verfügbaren Daten keine detaillierteren Angaben zum Versorgungsgeschehen, wie etwa zur Häufigkeitsverteilung kapazitativ oder medizinisch erforderlicher Verlegungen oder zur Dauer der Beatmung vor dem Transport, zulassen.

Transporte von Kindern und Jugendlichen, von Patienten mit nichtinvasiver Beatmung, mit extrakorporaler Membranoxygenierung (ECMO) und mit Patientenisolationssystem sind gemessen an der Gesamtanzahl der Transporte von untergeordneter Bedeutung. Die Nutzung der Patientenisolationssysteme hat im Verlauf der Pandemie insbesondere mit der Verfügbarkeit von Impfungen für die Besatzung abgenommen. Diese Systeme sind aktuell vor allem für längere Transportstrecken im Einsatz, um die Tragezeit der Schutzausrüstung für die Besatzung zu reduzieren.

Eine mögliche Ursache für die Zunahme der Dringlichkeit der Transportanmeldungen im Laufe der Pandemie ist die Abnahme der verfügbaren Intensivbetten. Während im Verlauf der ersten Welle am 1.4.2020 laut DIVI Register noch 40 % der deutschen Intensivbetten verfügbar waren, wurden 37 % der hier untersuchten Verlegungen als planbar kategorisiert. Im Verlauf der zweiten und dritten Welle wurden 27 % beziehungsweise 19 % planbare Verlegungen angemeldet, bei freien Intensivkapazitäten von 16 % am 3.1.2021 und 13 % am 26.4.21. Von allen untersuchten Transporten wurden 21 % zwischen 18.00 und 08:00 Uhr durchgeführt und bedurften damit eines nachtflugfähigen Intensivtransporthubschraubers. Der hohe Anteil am Gesamttransportaufkommen und die hohen Dringlichkeiten der abendlichen und nächtlichen Transporte unterstreichen die Bedeutung von rund um die Uhr einsetzbaren Intensivtransporthubschraubern.

In der vorliegenden Untersuchung zeigt sich, dass die Luftrettung in Deutschland bei der Bewältigung der Pandemie über alle drei untersuchten Wellenzeiträume hinweg einen erheblichen Beitrag zur Sicherstellung adäquater Intensivtherapie für die am schwersten betroffenen Patienten geleistet hat.

Sebastian Heinrich, Christoph-Nils Schlürmann, Jörg Braun,
Rudolf Korhummel, Hans-Jörg Busch, für den Wissenschaftlichen Arbeitskreis (WAK) der DRF Stiftung Luftrettung gAG

Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Universitätsklinikum Freiburg
(Heinrich, Schlürmann), Medizinische Fakultät, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg;
sebastian.heinrich@uniklinik-freiburg.de

DRF Stiftung Luftrettung gemeinnützige AG, Luftrettung Station Freiburg Christoph 54 (Heinrich, Schlürmann, Busch)

DRF Stiftung Luftrettung gemeinnützige AG, Fachbereich Medizin, Filderstadt
(Braun, Wissenschaftlicher Arbeitskreis der DRF Stiftung Luftrettung)

Zentrum für Digitalisierung und Informationstechnologie, Universitätsklinikum Freiburg, (Korhummel), Medizinische Fakultät, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Zentrum für Notfall- und Rettungsmedizin, Universitätsklinikum Freiburg, Medizinische Fakultät, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (Busch)

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 30. 10. 2021, revidierte Fassung angenommen: 30. 11. 2021

Zitierweise

Heinrich S, Schlürmann CN, Braun J, Korhummel R, Busch HJ: Helicopter-assisted interhospital transport of ventilated patients with COVID-19 infection—data from the first three waves of the pandemic. Dtsch Arztebl Int 2022; 119. DOI: 10.3238/arztebl.m2022.0073 (online first).

Dieser Beitrag erschien online am 21. 12. 2021 (online first) auf www.aerzteblatt.de.

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de

1.
Bravata DM, Perkins AJ, Myers LJ, et al.: Association of intensive care unit patient load and demand with mortality rates in US department of veterans affairs hospitals during the COVID-19 pandemic. JAMA Netw Open 2021; 4: e2034266 CrossRef MEDLINE PubMed Central
2.
Graesner J-T, Hannappel L, Zill M, Alpers B, Weber-Carstens S: COVID-19-Intensivpatienten: innerdeutsche Verlegungen. Deutsches Ärzteblatt 2020; 117: A-2321 VOLLTEXT
3.
von Elm E, Altman DG, Egger M, Pocock SJ, Gøtzsche PC, Vandenbroucke JP, for the STROBE Initiative: The Strengthening the Reporting of Observational Studies in Epidemiology (STROBE) statement: guidelines for reporting observational studies. J Clin Epidemiol 2008; 61: 344–9 CrossRef MEDLINE
4.
dc.js – Dimensional Charting Javascript Library. https://dc-js.github.io/dc.js/ (last accesssed on 16 October 2021).
5.
Karagiannidis C, Mostert C, Hentschker C, et al.: Case characteristics, resource use, and outcomes of 10021 patients with COVID-19 admitted to 920 German hospitals: an observational study. Lancet Respir Med 2020; 8: 853–62 CrossRef
Anwendungsbeispiel der interaktiven multidimensionalen Transportdarstellung.
Abbildung
Anwendungsbeispiel der interaktiven multidimensionalen Transportdarstellung.
Charakteristika von Patienten und Einsätzen
Tabelle
Charakteristika von Patienten und Einsätzen
1.Bravata DM, Perkins AJ, Myers LJ, et al.: Association of intensive care unit patient load and demand with mortality rates in US department of veterans affairs hospitals during the COVID-19 pandemic. JAMA Netw Open 2021; 4: e2034266 CrossRef MEDLINE PubMed Central
2.Graesner J-T, Hannappel L, Zill M, Alpers B, Weber-Carstens S: COVID-19-Intensivpatienten: innerdeutsche Verlegungen. Deutsches Ärzteblatt 2020; 117: A-2321 VOLLTEXT
3.von Elm E, Altman DG, Egger M, Pocock SJ, Gøtzsche PC, Vandenbroucke JP, for the STROBE Initiative: The Strengthening the Reporting of Observational Studies in Epidemiology (STROBE) statement: guidelines for reporting observational studies. J Clin Epidemiol 2008; 61: 344–9 CrossRef MEDLINE
4.dc.js – Dimensional Charting Javascript Library. https://dc-js.github.io/dc.js/ (last accesssed on 16 October 2021).
5.Karagiannidis C, Mostert C, Hentschker C, et al.: Case characteristics, resource use, and outcomes of 10021 patients with COVID-19 admitted to 920 German hospitals: an observational study. Lancet Respir Med 2020; 8: 853–62 CrossRef

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