ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/2022Prävalenz und Determinanten viraler Hepatitiden bei wohnungslosen Menschen in Hamburg
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Die Eradikation der chronischen viralen Hepatitiden ist ein wichtiges Ziel der Weltgesundheitsorganisation. Infektionen mit dem Hepatitis-A-Virus (HAV) und Hepatitis-E-Virus (HEV) verlaufen in der Regel akut. Infektion mit dem Hepatitis-B-Virus (HBV) und Hepatitis-C-Virus (HCV) können chronisch verlaufen und zu Leberzirrhose und hepatozellulären Karzinomen führen. Internationale Studien zeigen, dass wohnungslose Menschen besonders häufig von viralen Hepatitiden betroffen sind (1). Allerdings mangelt es an Daten zu wohnungslosen Menschen in Deutschland. Im „Hamburg survey of homeless individuals“ wurden die Prävalenzen und Determinanten viraler Hepatitiden bei wohnungslosen Menschen in Hamburg untersucht.

Methoden

Diese von der Ethik-Kommssion der Ärztekammer Hamburg bewilligte (PV7333) monozentrische Querschnittstudie wurde im Mai und Juni 2020 durchgeführt. Eingeschlossen wurden Menschen gemäß den Kategorien 1–3 der ETHOS-Klassifikation (obdachlose Menschen, Menschen in Notunterkünften, Menschen, die in Wohnungsloseneinrichtungen wohnen [www.bawo.at/fileadmin/user_upload/public/Dokumente/Publikationen/Grundlagen/Ethos_NEU_d.pdf]). Eine informierte Einwilligung zur Studienteilnahme gaben 151/154 (98 %) der wohnungslosen Menschen; sechs wurden aufgrund fehlender Serumblutproben ausgeschlossen. Insgesamt wurden 2 % der schätzungsweise 6 500 wohnungslosen Menschen in Hamburg in acht unterschiedlichen Hilfseinrichtungen rekrutiert (2). Soziodemografische Basisvariablen wurden mithilfe interviewgestützter Fragebögen erhoben. Surrogate psychischer Erkrankungen wurden mittels Patient Health Questionnaire-4 ermittelt. Die folgenden infektiologischen Parameter wurden bestimmt: HAV-IgG, HEV-IgG, HBsAg, anti-HBs, HBc-IgG/IgM, anti-HCV sowie HBV-/HCV-PCR. Kohlenhydratdefizientes Transferrin wurde als Surrogat des Alkoholkonsums gemessen. Intravenös konsumierbare Substanzen oder deren Metaboliten wurden mittels Flüssigkeitschromatografie/Massenspektrometrie bestimmt. Die statistische Analyse erfolgte mit STATA/MP 17.0 (StataCorp, USA).

Ergebnisse

Das mediane Alter der Studienteilnehmer betrug 46 Jahre (Interquartilsabstand [IQR]: 34–54), der Großteil war männlich (80 %, n=115). Die Studienteilnehmer stammten überwiegend aus Deutschland (45 %, n = 61) oder den direkten Nachbarländern (30 %, n = 41).

Untersuchungen auf Hepatitis A zeigten schützende HAV-IgG-Antikörper durch Impfung oder durchgemachte Infektionen bei 40 % (95-%-Konfidenzintervall: [32; 48]; n = 58) der Studienteilnehmer. HEV-IgG-Antikörper als Folge einer HEV-Infektion wurden bei 29 % ([22; 36]; n = 42) der Probanden detektiert. Ein durch Impfung (anti-HBs) oder durchgemachte Infektion (HBc-IgG/IgM-Antikörper) erworbener Schutz vor einer HBV-Infektion zeigte sich bei 27 % ([20; 34]; n = 39) der Probanden, während eine durchgemachte HCV-Infektion (anti-HCV) bei 10 % ([5; 15]; n = 15) der Studienteilnehmer vorlag.

Eine aktive Hepatitis B wurde bei 1 % ([0; 3]; n = 2) der Studienteilnehmer nachgewiesen. Interessanterweise war eine aktive/durchgemachte Infektion mit HBV (n = 20/145) nicht statistisch signifikant mit soziodemografischen Variablen wie Alter, Geschlecht, Dauer der Wohnungslosigkeit oder Nachweis intravenös konsumierbarer Substanzen assoziiert, jedoch mit der Herkunft aus Staaten außerhalb Deutschlands oder seinen Nachbarländern (p < 0,0001; Tabelle). Dabei zeigte sich insbesondere die Herkunft aus osteuropäischen Staaten (45 %, n = 9) mit einer aktiven/durchgemachten Infektion assoziiert. Ein immunvermittelter Schutz gegen eine HBV-Infektion bestand bei 39/145 (27 %; [20; 34]) der wohnungslosen Menschen, ein messbarer Impfschutz gegen HBV (anti-HBs > 10 mIU/mL) bei 19/145 (13 %; [8; 19]). Ein Impfschutz war statistisch signifikant mit einem jüngeren Lebensalter (p = 0,0002), jedoch nicht mit anderen soziodemografischen Basisvariablen assoziiert.

Eine aktive HCV-Infektion (mediane Viruslast: 7,94 × 104 Kopien/mL; IQR: 5,04 × 103–2,56 × 105), wurde bei 6 % ([2; 9]; n = 8) der Studienteilnehmer detektiert. Eine aktive/durchgemachte HCV-Infektion (n = 12/145) war nicht statistisch signifikant mit soziodemografischen Variablen wie Alter, Geschlecht oder dem Herkunftsland, jedoch mit der Dauer der Wohnungslosigkeit assoziiert (p = 0,01). Weiterhin zeigte sich der Nachweis intravenös konsumierbarer Substanzen statistisch signifikant mit aktiven/durchgemachten HCV-Infektionen assoziiert (p = 0,01; Tabelle). Surrogate von Angst und Depression zeigten sich im untersuchten Kollektiv nicht mit aktiven/durchgemachten HBV-/HCV-Infektionen assoziiert.

Diskussion

Im Vergleich mit der deutschen Allgemeinbevölkerung zeigte sich für die untersuchte Kohorte eine ähnliche Rate (40 % versus 49 %) an HAV-Impfungen/Infektionen in allen Altersgruppen (3). In Deutschland besteht die Empfehlung zur HAV-Impfung von Risikogruppen, zu denen unter anderem Personen mit Lebererkrankungen, Sexarbeitende (insbesondere Männer, die Sex mit Männern haben), und intravenös Drogenkonsumierende gehören. Im Gegensatz zu den USA besteht in Deutschland keine generelle HAV-Impfempfehlung für wohnungslose Menschen.

Die Prävalenz aktiver HBV-Infektionen war vergleichbar mit derjenigen der deutschen Allgemeinbevölkerung (0,1–2,2 %) (4). Jedoch war eine Impfschutz gegen HBV seltener als in der deutschen Allgemeinbevölkerung nachweisbar (22–25 %) (5). Ähnlich wie bei Hepatitis A besteht zurzeit keine generelle Empfehlung zur HBV-Impfung wohnungsloser Menschen.

Die Prävalenz aktiver HCV-Infektionen liegt im untersuchten Kollektiv über bekannten Werten der deutschen Allgemeinbevölkerung (0,2–0,4 %). Auch die Prävalenz durchgemachter HCV-Infektionen zeigt sich über dem nationalen Durchschnitt (10 % versus 0,2–1,9 %) (4).

Die Studie wird limitiert durch die unterschiedliche Verteilung von Risikofaktoren für virale Hepatitiden innerhalb der Kohorte; insbesondere fehlen anamnestische Daten zum zurückliegenden intravenösen Substanzkonsum.

Zusammenfassend zeigt sich die Prävalenz chronischer Hepatitis C unter wohnungslosen Menschen deutlich erhöht. Eine medikamentöse Therapie der chronischen Hepatitis C ist möglich, Interventionsstudien belegen eine ausreichende Adhärenz auch bei wohnungslosen Menschen. Die Identifikation und Behandlung betroffener Individuen sollten durch niederschwellige Screening- und Therapieangebote sichergestellt werden. Eine generelle Impfempfehlung für wohnungslose Menschen ist angesichts niedriger Prävalenzen schützender Antikörper zu überdenken. Multizentrische Studien und größere Stichproben sind notwendig, um die dargestellten Ergebnisse zu bestätigen und werden derzeit durchgeführt.

Fabian Heinrich*1, Franziska Bertram*1, Victoria van Rüth, Armin Hoffmann,
Marc Lütgehetmann*
2, Klaus Püschel*2

*Der Autor und die Autorin teilen sich die Erstautorenschaft.
*Die Autoren teilen sich die Letztautorenschaft.

Institut für Rechtsmedizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
(Heinrich, Bertram, van Rüth, Püschel) fa.heinrich@uke.de

Institut für Medizinische Mikrobiologie, Virologie und Hygiene, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (Hoffmann, Lütgehetmann)

Danksagung

Wir danken den Mitarbeiter/inne/n der versorgenden Einrichtungen und den beteiligten Wissenschaftler/inne/n für die Unterstützung. Die Studie wurde durch die VolkswagenStiftung und zweckunabhängige Spenden an das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf gefördert.

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 22. 9. 2021, revidierte Fassung angenommen: 24. 11. 2021

Zitierweise
Heinrich F, Bertram F, van Rüth V, Hoffmann A, Lütgehetmann M, Püschel K: The prevalence and determinants of viral hepatitis among homeless individuals in Hamburg. Dtsch Arztebl Int 2022; 119: 8–9. DOI: 10.3238/arztebl.m2022.0003

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de

1.
Aisyah DN, Shallcross L, Hayward A, et al.: Hepatitis C among vulnerable populations: a seroprevalence study of homeless, people who inject drugs and prisoners in London. J Viral Hepat 2018; 25: 1260–9 CrossRef MEDLINE
2.
Ratzka M, Kämper A: Befragung obdachloser, auf der Straße lebender Menschen und wohnungsloser, öffentlich-rechtlich untergebrachter Haushalte 2018 in Hamburg. www.hamburg.de/contentblob/12065738/5702405ed386891a25cdf9d4001e546b/data/d-obdachlosenstudie-2018.pdf (last accessed on 25 November 2021).
3.
Poethko-Müller C, Zimmermann R, Hamouda O, et al.: Die Seroepidemiologie der Hepatitis A, B und C in Deutschland. Robert Koch-Institut, Epidemiologie und Gesundheitsberichterstattung; Robert Koch-Institut, Infektionsepidemiologie 2013 CrossRef MEDLINE
4.
Sperle I, Steffen G, Leendertz SA, et al.: Prevalence of hepatitis B, C, and D in Germany: results from a scoping review. Front Public Health 2020; 8: 424 CrossRef MEDLINE PubMed Central
5.
Steffen G, Sperle I, Harder T, et al.: Hepatitis B vaccination coverage in Germany: systematic review. BMC Infectious Diseases 2021; 21: 817 CrossRef MEDLINE PubMed Central
1.Aisyah DN, Shallcross L, Hayward A, et al.: Hepatitis C among vulnerable populations: a seroprevalence study of homeless, people who inject drugs and prisoners in London. J Viral Hepat 2018; 25: 1260–9 CrossRef MEDLINE
2.Ratzka M, Kämper A: Befragung obdachloser, auf der Straße lebender Menschen und wohnungsloser, öffentlich-rechtlich untergebrachter Haushalte 2018 in Hamburg. www.hamburg.de/contentblob/12065738/5702405ed386891a25cdf9d4001e546b/data/d-obdachlosenstudie-2018.pdf (last accessed on 25 November 2021).
3.Poethko-Müller C, Zimmermann R, Hamouda O, et al.: Die Seroepidemiologie der Hepatitis A, B und C in Deutschland. Robert Koch-Institut, Epidemiologie und Gesundheitsberichterstattung; Robert Koch-Institut, Infektionsepidemiologie 2013 CrossRef MEDLINE
4.Sperle I, Steffen G, Leendertz SA, et al.: Prevalence of hepatitis B, C, and D in Germany: results from a scoping review. Front Public Health 2020; 8: 424 CrossRef MEDLINE PubMed Central
5.Steffen G, Sperle I, Harder T, et al.: Hepatitis B vaccination coverage in Germany: systematic review. BMC Infectious Diseases 2021; 21: 817 CrossRef MEDLINE PubMed Central

Kommentare

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  • Bertram, Franziska; Hajek, André; Dost, Katharina; Graf, Wiebke; Brennecke, Anna; Kowalski, Veronika; van Rüth, Victoria; König, Hans-Helmut; Wulff, Birgit; Ondruschka, Benjamin; Püschel, Klaus; Heinrich, Fabian
    Deutsches Ärzteblatt international, 2022
    10.3238/arztebl.m2022.0357
Themen:

Der klinische Schnappschuss

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