ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2000Chronische Erkrankungen: Psychische und körperliche Komponenten nicht trennen

POLITIK: Medizinreport

Chronische Erkrankungen: Psychische und körperliche Komponenten nicht trennen

Dtsch Arztebl 2000; 97(13): A-824 / B-683 / C-639

Moosmann, Elisabeth B.

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LNSLNS Etwa 20 Prozent aller Patienten suchen ihren Hausarzt aufgrund psychosomatischer Störungen auf. Einerseits werden diese Störungen häufig nicht charakterisiert und daher nicht behandelt, andererseits wollen einige Patienten nicht durch psychische Aspekte ihrer Erkrankung stigmatisiert werden. In anderen Fällen wird das "Psychische" zu früh als Ursache einer schwierig zu erklärenden Erkrankung akzeptiert. Folge: Der somatische Hintergrund der Erkrankung besteht weiter. Somit nimmt die Chronifizierung, die für viele psychosomatische Erkrankungen typisch ist, ihren Lauf.
Wie Prof. Michael Wirsching (Freiburg) anlässlich des 7. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Psychotherapeutische Medizin in Freiburg berichtete, verändert sich im Verlauf der Chronifizierung nicht nur der leidende Mensch, sondern auch die Reaktionsweise seines Organismus und damit der Charakter der Störung, die sich allmählich verselbstständigt. Das Resultat ist die chronische Erkrankung, deren Ursache oft nicht mehr feststellbar und deren Auslöser beziehungsweise Verstärker atypisch, zusammenhanglos und - weil häufig mit psychischem Stress verbunden - als "seelisch bedingt" erscheinen. Besonders eindrückliche Beispiele dafür sind chronische Schmerzleiden, Migräne und Schwindel, denen besonders häufig und hartnäckig das Etikett des "nur Psychischen" anhaftet, weil ihre Ursachen nicht mehr lokalisiert werden können. Immerhin litten 40 Prozent der Bevölkerung an Kopfschmerzen, die für jeden fünften Arbeitsunfähigkeitstag verantwortlich sind, unterstrich Dr. Rolf Durian (Stuttgart). Zehn Prozent aller Arbeits­unfähigkeits­bescheinigungen würden aufgrund von chronischen Rückenschmerzen ausgestellt; rund ein Fünftel der Bevölkerung leide an Schwindel. Die Trennung zwischen seelischer oder körperlicher Bedingtheit könne bei chronischen Erkrankungen nicht aufrecht erhalten werden, betonten Durian und Wirsching. Daher sei eine multimodale Therapie, die beide Aspekte berücksichtige, erforderlich. Wurde medikamentös eine Symptomreduktion erreicht, müssen zusätzlich die psychisch bedingten Triggerfaktoren von Migräne-, Schmerz- oder Schwindelattacken identifiziert und überwunden werden. Psycho-, verhaltens- und/oder familientherapeutische Verfahren sind erforderlich. Allgemeinärzte, Internisten, Orthopäden und Neurologen sollten daher beim Verdacht auf eine psychosomatische Erkrankung die Zusammenarbeit mit einem Facharzt für Psychotherapeutische Medizin suchen, so Durian. Elisabeth B. Moosmann

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