ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2000Lepra in Zentralasien: Die fast vergessene Krankheit

THEMEN DER ZEIT: Blick ins Ausland

Lepra in Zentralasien: Die fast vergessene Krankheit

Dtsch Arztebl 2000; 97(13): A-829 / B-714 / C-650

Kalk, Andreas

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LNSLNS Noch immer erkranken weltweit jährlich 700 000 Menschen neu an Lepra. In Zentralasien ist nach der Auflösung der Sowjetunion das Kontrollsystem zusammengebrochen.


Auf den ersten Blick wirkte es wie eine Reminiszenz an die Zeiten der Sowjetunion: Im Herbst letzten Jahres versammelten sich in der kasachischen Hauptstadt Almaty (ehemals Alma Ata) die Leprologen aller zentralasiatischen Staaten sowie der beiden Kaukasus-Anrainer Armenien und Aserbaidschan. Das Treffen ging zurück auf eine Initiative des Deutschen Aussätzigen-Hilfswerkes (DAHW), das unter dem Dach der Internationalen Vereinigung der Leprahilfswerke (ILEP) die Leprakontrolle in den zentralasiatischen Ländern koordiniert. Das Hilfswerk verfügt zwar über eine vierzigjährige Erfahrung und therapiert jährlich 75 000 Lepra- und 140 000 Tuberkulose-Patienten. Dennoch gestaltete sich die Kontaktaufnahme mit zuständigen Stellen in den lange Zeit von der Außenwelt isolierten Ländern Zentralasiens schwierig. Innerhalb der letzten Jahre besuchte die Internistin Dr. med. Romana Drabik aus Dinslaken teilweise unter abenteuerlichen Bedingungen alle so genannten Leprosorien dieser Regionen der ehemaligen Sowjetunion. Gleichzeitig wurden die notwendigen Kontakte mit verantwortlichen Stellen geknüpft, um bei einem Regionaltreffen das Lepraproblem in Zentralasien zu erörtern und gemeinsam Pläne für die Zukunft zu schmieden.
Wenig beachtet von der Öffentlichkeit erkranken immer noch etwa 700 000 Menschen jährlich neu an Lepra. Der wesentliche Übertragungsweg ist mit großer Wahrscheinlichkeit die transnasale Tröpfcheninfektion. Ohne ein vermutlich genetisch definiertes Defizit der zellspezifischen Abwehr kommt es zu keiner progredienten Erkrankung, sondern allenfalls zur vorübergehenden Manifestation wenig augenfälliger Symptome. Der Befall peripherer Nerven, das langsame Wachstum (durchschnittliche Duplikationsperiode zwölf bis 14 Tage) und die fehlende Kultivierbarkeit machen das Mycobacterium leprae zu einem einzigartigen Erreger: Es lässt sich bislang nur im neunbändigen Gürteltier und in der Mäusepfote anzüchten; der Erreger gedeiht besser in kälteren Körperregionen.
Diagnose und Therapie sind mit Hilfe von Richtlinien der Welt­gesund­heits­organi­sation vereinfacht worden: Die hohe Spezifität hypästhetischer Maculae (meist erythematöse Veränderungen auf heller und Hypopigmentierungen auf dunkler Haut) erlaubt die verlässliche Diagnose auch unter Feldbedingungen. Die Behandlung der Lepra mit Rifampicin, Dapson und gegebenenfalls mit Clofazimin über sechs bis zwölf Monate je nach Schweregrad der Erkrankung ist weitgehend standardisiert. Auch sind - im Unterschied zur gleichfalls durch Mykobakterien verursachten Tuberkulose - kaum Resistenzen des Lepra-Erregers zu beobachten, sodass Rückfälle nach vollständiger Therapie selten sind.
Die moderne Lepratherapie beschränkt sich jedoch nicht auf den antibiotischen Zyklus. Sie beinhaltet zusätzlich, Patienten über die Prävention progressiver Behinderungen aufzuklären. Auch nach der Elimination des Erregers persistieren häufig Nervenschädigungen im Bereich der Akren und des Gesichtes. Nur permanente Wachsamkeit kann verhindern, dass Bagatelltraumen zur fortschreitenden Verstümmelung vornehmlich an den Phalangen führen oder die Augen schädigen.
In die Lepratherapie eingeführt wurden zudem Techniken der plastischen Chirurgie, die es erlauben, durch Nervenläsionen verursachte Funktionsausfälle bis zu einem gewissen Grad wieder herzustellen. Ein Beispiel ist die Reinsertion von Anteilen des M. temporalis zur Rekonstruktion des Lidschlusses. Schließlich bemühen sich die Leprahilfswerke weltweit immer intensiver darum, ehemalige Patienten in ein selbst bestimmtes Leben zurückzuführen. Die Aktivitäten reichen von Ausbildungsprogrammen über die Unterstützung von Selbsthilfegruppen bis hin zum Kampf gegen das gesellschaftliche Stigma, das der Krankheit immer noch anhaftet.
Diese Konzepte einer modernen Lepratherapie wurden in Almaty erstmals einem sachkundigen, aber über Jahrzehnte isolierten Publikum vorgestellt. Die ehemalige Sowjetunion wies im Bereich der "Seidenstraße" zwischen Schwarzem Meer, Kaspischem Meer, Aralsee und dem Tian-Shen-Gebirge einen endemischen Lepragürtel auf. In Kasachstan wurden beispielsweise noch in den 50er-Jahren mehr als 2 000 neue Lepra-Fälle identifiziert. Die verantwortlichen Leprologen stellten in Almaty die seither erzielten Erfolge in der Seuchenkontrolle vor: Die systematische Untersuchung aller sozialen und beruflichen Kontaktpersonen von Lepra-Patienten, die Hospitalisierung in spezialisierten "Leprosorien", die Verlaufskontrolle aller Erkrankungen über mindestens 20 Jahre und nicht zuletzt die großzügige finanzielle Unterstützung dieser Maßnahmen führten dazu, dass die Zahl der Neuinfektionen drastisch abnahm. Gerade der dirigistische Charakter sowjetischer Gesundheitspolitik und die möglichen Eingriffe in die persönlichen Freiräume der Patienten ermöglichten die beachtlichen Fortschritte auf diesem Gebiet.
Die Auflösung der Sowjetunion wirkte sich zwar nicht unmittelbar auf die etablierten Leprosorien und deren Dauerpatienten aus. Sie führte jedoch rasch zum Kollaps der systematischen Suche nach Neuinfektionen. So sind in den Ländern Zentralasiens, zu denen auch Kirgistan, Usbekistan, Tadschikistan und Turkmenistan zählen, derzeit 2 500 teils ambulante, teils stationäre Patienten registriert. In den 90er-Jahren konnten jedoch, einschließlich des russischen Wolga-Deltas um Astrachan, nur noch 98 neue Lepra-Fälle diagnostiziert werden.
Um die aktuelle epidemiologische Situation beurteilen zu können, bemüht sich das Deutsche AussätzigenHilfswerk darum, mit allen Ländern Zentralasiens Projekte zur Neuaufnahme der systematischen Kontaktuntersuchungen zu vereinbaren. Dazu sind Spendengelder dringend erforderlich. Zudem haben die Teilnehmer der Konferenz in Almaty vereinbart, Informationsmaterial über die Lepra und ihre Frühsymptome bereitzustellen. Gerade in der Dermatologie ist es wichtig, bei harmlos erscheinenden Maculae, die an beginnende Mykosen erinnern, die Hautsensibilität zu prüfen und Lepra in die Differenzialdiagnose einzubeziehen.
Die technische und humanitäre Unterstützung der Leprosorien wird eine Aufgabe für internationale Hilfsorganisationen bleiben. Die Reintegration der häufig mehrfach behinderten Patienten, die zudem in der Regel seit Jahrzehnten stationär untergebracht sind, wird sicher niemand mehr anstreben. Trotzdem ergeben sich immer wieder Ansätze, durch maßgeschneiderte Hilfe Engpässe in der Versorgung zu überbrücken.
Die 19 internationalen Leprahilfswerke, die unter dem Dach der ILEP zusammenarbeiten, betreuen weltweit alle Länder, in denen Lepra vorkommt. Die Intensität der Kooperation unterliegt jedoch geographischen und politischen Schwankungen. Mit der Aufnahme der Projektarbeit in Zentralasien ist einer der letzten "weißen Flecken" in der Leprakontrolle beseitigt und ein weiterer wichtiger Schritt auf dem langen Weg zu einer Welt ohne Lepra zurückgelegt.
Das junge, unabhängige Kasachstan präsentiert sich heute als Nation, die zuversichtlich in die Zukunft blickt. Zwar mussten im Zuge der politischen und wirtschaftlichen Veränderungen viele der alten Staatsbetriebe schließen, doch verheißen umfangreiche Vorkommen an Bodenschätzen eine durchaus rosige Zukunft.


Anschrift des Verfassers
Andreas Kalk
Deusches Aussätzigen-Hilfswerk e.V.
Mariannhillstraße 1c, 97074 Würzburg


Lenin und US-amerikanische Lepra-Poster im Labor des Leprosoriums in Kysylorda


Der Mann leidet seit langen Jahren an Lepra und ist mittlerweile mehrfach behindert. Er lebt im Leprosorium in Kysylorda. Fotos: Andreas Kalk

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