ArchivDeutsches Ärzteblatt3/2022Selbstmanagement und Führung: Wie Führungskräfte Resilienz entwickeln und fördern

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Selbstmanagement und Führung: Wie Führungskräfte Resilienz entwickeln und fördern

Erwig, Frank

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Der Arbeitsalltag bringt hohe Anforderungen mit sich, denen sich Ärztinnen und Ärzte mit über Jahre hinweg erworbenen Kompetenzen erfolgreich stellen. Kommen externe Ereignisse oder Krisen dazu und steigen Belastungen über längere Zeit, zeigt sich die Widerstandsfähigkeit Einzelner und ganzer Teams.

Foto: Atakan/stock.adobe.com
Foto: Atakan/stock.adobe.com

Resilienz ist die Kompetenz, nachhaltig durch Krisensituationen zu manövrieren. Dass uns eine weltweite Pandemie in diesem Ausmaß auf die Probe stellt, war weder vorhersehbar noch von seiner Komplexität her kurzfristig händelbar. Es gilt, aus den bisherigen Erfahrungen in der Pandemie zu lernen, um für weitere Krisen gewappnet zu sein.

Vielfältige Regelungen und Standards

In Kliniken geben vielfältige rechtliche Regelungen und Standards den Rahmen für die ärztliche Tätigkeit vor. Darüber hinaus gibt es im praktischen Arbeitsalltag weitere nicht beeinflussbare Faktoren, die unabhängig sind von der jeweiligen Rolle des Arztes oder der Ärztin, etwa als Assistenzarzt nach dem Studium, als Fachärztin nach Abschluss der entsprechenden Weiterbildung, als Oberarzt mit ersten ärztlichen Leitungsaufgaben oder als Chefärztin einer medizinischen Abteilung. Zum Beispiel sind die Anzahl der Patientinnen und Patienten sowie die Schwere der zu behandelnden Erkrankungen nur begrenzt steuerbar. Der plötzliche Ausfall der Stromversorgung oder der üblicherweise genutzten Informationstechnologie können den Arbeitstag stark beeinträchtigen.

Um den Anforderungen gerecht zu werden und mögliche Notfallszenarien zu bewältigen, können leitende Ärzte Strukturen und Abläufe gestalten und das ihnen zur Verfügung stehende Personal geplant einsetzen. Das schafft die Grundlage für den Normalbetrieb und stellt den ärztlichen Behandlungserfolg sicher. Das Verhältnis zwischen diesen Anforderungen und den bereitstehenden Ressourcen sollte ausgeglichen sein. Mit Beginn der Coronapandemie wurde der bis dato erlebte medizinische Alltag unberechenbar. Die Komplexität nahm zu und die Beteiligten wurden in besonderer Weise auf die Probe gestellt. In dieser Situation waren das über die berufliche Erfahrung entwickelte Vertrauen in die eigene Gestaltungsfähigkeit und das Fokussieren darauf, plötzliche Anforderungen zu bewältigen, die wesentlichen Bausteine, um psychisch widerstandsfähig zu bleiben. Resiliente ärztliche Führungskräfte haben die Herausforderungen angenommen, den eigenen Einfluss erkannt und Strukturen und Arbeitsabläufe der gegebenen Situation angepasst. Sie haben in dieser komplexen Situation Verantwortung übernommen, flexibel auf die neuen Anforderungen reagiert und die Stärken und Möglichkeiten des eigenen Teams zu sachgerechten Lösungen genutzt.

Raus aus der Rolle des Opfers

Generell ist eine optimistische, auf Selbstvertrauen basierende Grundhaltung wichtig, um Veränderungen gegenüber gewachsen zu sein. Ärztliche Führungskräfte sollten positive wie negative Umstände der Situation annehmen, wie sie sind. Mithilfe der ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen gilt es, geeignete Lösungen zu erarbeiten, um Probleme zu lösen. Wesentlich ist der Schritt raus aus der Rolle des Opfers oder des Beobachters und rein in die Rolle des Handelnden. Denn das Ergreifen von Verantwortung korreliert mit dem Erleben von Selbstwirksamkeit und erhöht die Widerstandsfähigkeit bei psychischen Belastungen in der Zukunft. Gute Kontakte zu ärztlichen und anderen Kollegen, die Pflege persönlicher wie beruflicher Netzwerke tragen ebenso zu einer guten Resilienz bei wie die Fähigkeit und Bereitschaft, als Vorbild voranzugehen.

Wie können Führungskräfte in einer komplexen und von Veränderungen geprägten Zeit unterstützend für ihr Team wirken? Orientierung zu geben, ist eine grundsätzliche Aufgabe der Führung, der in Zeiten von Krisen und Veränderungen besondere Bedeutung zukommt. Dazu gehört insbesondere in komplexen Zeiten, klar angepasste Strukturen und Zuständigkeiten sowie Regeln und Routinen zu etablieren. Denn so wird ein Gefühl der Sicherheit geschaffen oder wiedergewonnen. Die Offenheit für neue Herausforderungen, die Entwicklung einer gemeinsamen Zielorientierung und das Selbstverständnis, Fehler als Ausgangspunkt für Verbesserungen zu begreifen, tragen zu einer positiven Haltung und Überzeugung im gesamten Team bei, auch komplexe Herausforderungen meistern zu können.

Gespräche führen, Feedback geben

Darüber hinaus sollten Führungskräfte Gespräche führen: Sie sollten individuelle Rückmeldungen zu wahrgenommenem Verhalten geben. Auch sollten sie empathisch zuhören, Hinweise geben und den beschrittenen Weg bestärken oder Alternativen aufzeigen sowie für einen fachlichen und persönlichen Austausch zur Verfügung stehen. Es geht auch darum, konkretes Stresserleben zu bearbeiten und sich Lösungsoptionen vorstellen zu lassen. Den nachgeordneten Mitarbeitenden wird damit die Möglichkeit gegeben, das eigene Wissen und Handeln zu reflektieren und eigene Ideen zu entwickeln. Das kann das Selbstvertrauen stärken, bestenfalls erleben die Mitarbeitenden Selbstwirksamkeit. Oder aber sie finden neue Ansatzpunkte, Fähigkeiten unmittelbar weiterzuentwickeln und Handlungskompetenz zu erlangen.

Auch über das Delegieren neuer Aufgaben und die Möglichkeit, Netzwerke und Kontakte aufzubauen, wird die Kompetenz gefördert, Verantwortung zu übernehmen und selbst in gestaltende Rollen hineinzuwachsen. Insbesondere wenn Führungskräfte Aufgaben übertragen, die auf den ersten Blick einer Lösung nicht zugänglich sind, fordert das die Kreativität, Improvisationsvermögen und letztlich eine konsequente Lösungsorientierung der Mitarbeitenden.

Kultur des Miteinanders

Idealerweise fördert die ärztliche Führungskraft eine Kultur des Miteinanders und fordert alle Teammitglieder auf, Ziele gemeinsam zu entwickeln und sich beim Erreichen selbst gesetzter Meilensteine gegenseitig zu unterstützen. Damit sind alle Beteiligten aufgerufen, Verantwortung zu übernehmen und die Ausrichtung der Zukunft aktiv mitzugestalten. Führungskräfte haben Mitarbeitende, die ihnen folgen. Die erfolgreiche, resiliente Führungskraft kennt und zeigt ihnen den Weg.

Frank Erwig

Deutsche Rentenversicherung Knappschaft-Bahn-See

Personalkoordinator

44799 Bochum

Mitglied des Initiativkreises neue Personalarbeit in Krankenhäusern (InPaK)

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