ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2022Digitalisierung: Mehr Praxistauglichkeit nötig

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Digitalisierung: Mehr Praxistauglichkeit nötig

Haserück, André

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Die Digitalisierung im Gesundheitswesen kann die Versorgung verbessern. Allerdings müssen die Anwendungen auch für die Praxen wahrnehmbare Vorteile bringen und vor allem praxistauglich sein – das hier noch Optimierungsbedarf besteht, zeigt das aktuelle KBV-PraxisBarometer.

Foto: santiago silver/stock.adobe.com
Foto: santiago silver/stock.adobe.com

Die Vertragsärztinnen und Vertragsärzte sowie die Vertragspsychotherapeutinnen und Vertragspsychotherapeuten sehen sich grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber digitalen Innovationen. Vorteile sehen sie vor allem beim kollegialen Austausch im ambulanten wie stationären Sektor. Allerdings, dies zeigt das aktuelle PraxisBarometer der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), gibt es bezüglich der Praxistauglichkeit erhebliche Defizite.

Die bisherigen Umsetzungserfahrungen sind, so die Online-Befragung von 2 836 Ärzten und Psychotherapeuten, bisher eher negativ. Den Ergebnissen der Umfrage zufolge beeinflussen diese Erfahrungen auch die Erwartungshaltung gegenüber dem Nutzen der weiteren Digitalisierung im Gesundheitswesen. Immer weniger Praxen erwarten einen positiven Effekt von digitalen Instrumenten, der Anteil ist erheblich zurückgegangen (Grafik), nachdem er 2020 im Vergleich zu den Vorjahren noch gestiegen war. „Die Ergebnisse des PraxisBarometers Digitalisierung 2021 lassen sich mit einem Wort zusammenfassen: Ernüchterung“, zog Dr. med. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KBV, ein kritisches Fazit.

Sehr oder eher hoher Nutzen digitaler Anwendungen in der Versorgung aus Sicht ärztlicher Praxen
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Sehr oder eher hoher Nutzen digitaler Anwendungen in der Versorgung aus Sicht ärztlicher Praxen

Aufgeschlossene Grundhaltung

Das sei besonders deshalb tragisch, weil der Großteil der Ärzteschaft der Digitalisierung gegenüber eigentlich positiv eingestellt sei und sich durch sie Vorteile für die Versorgung erhoffe, sagte Hofmeister. Digitale Kommunikation könne den Austausch von versorgungsrelevanten Informationen beschleunigen, Medienbrüche minimieren und so zu Effizienzgewinnen und einer besseren Behandlung führen. Sie könne auch die Qualität der Versorgung verbessern und dazu beitragen, Doppeluntersuchungen zu vermeiden. In der Praxis würden sich die Dinge bislang leider völlig anders darstellen, so der KBV-Vize.

„75 Prozent der Intensivpatienten sind ungeimpft, die übrigen sind nicht geboosterte Patienten über 60 Jahre.“ Reinhold Lang, Krankenhaus GmbH Landkreis Weilheim-Schongau Foto. privat
„75 Prozent der Intensivpatienten sind ungeimpft, die übrigen sind nicht geboosterte Patienten über 60 Jahre.“ Reinhold Lang, Krankenhaus GmbH Landkreis Weilheim-Schongau Foto. privat

Das verschlechterte Verhältnis der Niedergelassenen zur Digitalisierung und die gesunkenen Erwartungen seien leider nicht überraschend. Immer wieder komme es zu technischen Ausfällen, nach wie vor seien viele Anwendungen unausgereift. Man müsse hohe, auch zeitliche Kosten verzeichnen, bei zugleich wenig versorgungsrelevantem Nutzen, und obendrein komme das „Durchboxen von Umsetzungsfristen“ während einer Pandemie – all das sorge für spür- und messbaren Frust. Die Entwicklung zeige, wie richtig und wichtig die Forderungen der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) und der KBV seien, die Niedergelassenen frühzeitig einzubinden und umfassende Testphasen zu ermöglichen, betonte Hofmeister.

Er hoffe sehr, dass Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) jetzt endlich einen entsprechenden Strategiewechsel herbeiführe. Ein Kulturwandel mit besonderem Fokus auf die Lösung von Versorgungsproblemen und die Perspektive der Nutzerinnen und Nutzer werde dringend benötigt. „Mit Nutzen überzeugen statt mit der Brechstange – das wäre ein politischer Paradigmenwechsel, den wir als KBV gerne unterstützen.“

Gebraucht werde ein Kulturwandel – weg vom bisherigen Top-down-Ansatz hin zu einem Fokus auf eine Lösung von Versorgungsproblemen und die Perspektive der Nutzer.

Technische Probleme

„Ausfälle und technische Mängel sorgen nicht nur für Frust und Mehraufwand, sie setzen auch die generelle Akzeptanz der Digitalisierung aufs Spiel“, warnte Dr. rer. soc. Thomas Kriedel, Mitglied des Vorstands der KBV. Derzeit sei man von einer versprochenen und erwartbaren Entlastung durch die Digitalisierung „weit entfernt“. So werde es deutlich mühevoller, Überzeugungsarbeit zu leisten. Insbesondere sollten neue Anwendungen ausgiebig und mit genügend Vorlauf getestet werden, betonte Kriedel.

„Seit Mitte Januar spüren wir wieder eine Zunahme von Hospitalisierungen auf der Normalstation.“ Christoph Spinner, Klinikum rechts der Isar Foto: Klinikum rechts der Isar, München
„Seit Mitte Januar spüren wir wieder eine Zunahme von Hospitalisierungen auf der Normalstation.“ Christoph Spinner, Klinikum rechts der Isar Foto: Klinikum rechts der Isar, München

Zwar sind laut der Befragung mittlerweile 89 Prozent der ärztlichen und 77 Prozent der psychotherapeutischen Praxen an die Telematikinfrastruktur (TI) angeschlossen, im Vergleich zum Vorjahr berichten aber immer mehr Niedergelassene von der Fehleranfälligkeit der TI. 50 Prozent der befragten Praxen gaben an, mindestens wöchentlich mit Fehlern bei der TI-Nutzung zu kämpfen – im Jahr 2020 waren es 37 Prozent. Der Anteil derer mit täglichen Störungen hat sich im Vergleich zum Vorjahr mit 18 Prozent sogar verdoppelt. Entsprechend schätzen fast zwei Drittel der Befragten (64 Prozent) die Fehleranfälligkeit als starkes Hemmnis für die Digitalisierung im Gesundheitswesen ein (2020: 52 Prozent). 65 Prozent kritisierten zudem den hohen Umstellungsaufwand, ebenso viele ein ungünstiges Kosten-Nutzen-Verhältnis digitaler Anwendungen und 55 Prozent fehlende Nutzerfreundlichkeit.

Aus Sicht der KBV lassen sich aus den zutage getretenen Problemen mehrere Schlussfolgerungen ziehen. Wolle man die für den Erfolg der Digitalisierung im Gesundheitswesen entscheidende Akzeptanz bei Ärzten und Psychotherapeuten befördern, dürften nur umfassend im Feld getestete und verlässlich funktionierende digitale Anwendungen flächendeckend in die Versorgung übernommen werden. Zudem müsse sich die weitere Digitalisierung an den Bedarfen in der Versorgung orientieren. Zentral sei auch, den erheblichen finanziellen Aufwand für IT-Sicherheit sowie Erwerb und Betrieb digitaler Anwendungen in den Praxen zu kompensieren.

Ähnliche Ergebnisse wie die KBV-Befragung lieferte jüngst der Digitalisierungsreport 2021 der DAK-Gesundheit, für den knapp ambulant und stationär tätige 600 Ärzte und Psychotherapeuten befragt wurden. Laut des DAK-Reports fühlt sich die Mehrheit der Ärzte nicht ausreichend auf die Nutzung digitaler Gesundheitslösungen der TI vorbereitet. Mit 44 Prozent der ambulant und 47,8 Prozent der in Krankenhäusern tätigen fühlt sich fast die Hälfte der Ärzte überfordert. Ein knappes weiteres Drittel gab jeweils an, sich noch „langsam zu orientieren“. Nur circa jeder zehnte Mediziner gab an, sich gut oder perfekt auf die Nutzung von TI-Anwendungen vorbereitet zu fühlen. Grundsätzlich glaubt eine deutliche Mehrheit (65,7 Prozent) der ambulant tätigen Leistungserbringer nicht, dass die Digitalisierung zu einer Verbesserung der Abläufe in den Praxen führen wird. Im klinischen Bereich werden die Chancen der Digitalisierung hingegen deutlich stärker wahrgenommen – immerhin 58 Prozent gaben an, Verbesserungen im Versorgungsalltag zu erwarten.

Großes Akzeptanzproblem

„Die Ergebnisse zeigen, dass die Ärzteschaft bei der Digitalisierung nicht mitgenommen wurde“, sagte Andreas Storm, Vorstandsvorsitzender der DAK-Gesundheit. Offenbar bestünde ein „großes Akzeptanzproblem“. Angesichts der Schlüsselrolle der Ärzteschaft für eine erfolgreiche Digitalisierung müsse man die Sorgen und Nöte ernst nehmen. Er sprach sich in diesem Zusammenhang für eine gemeinsame Digitalisierungsstrategie und eine neue Qualität der Zusammenarbeit aus.

„Um die Digitalisierung im Gesundheitswesen gemeinsam zu gestalten, sind deshalb zwei Punkte für die neue Ampelregierung entscheidend: erstens eine ehrliche und schnelle Bestandsaufnahme, wo die Probleme bei der Digitalisierung liegen. Auf dieser Grundlage sollten Maßnahmen im Sinne der digitalen Versorgung erarbeitet werden. Zweitens müssen die Governancestrukturen optimiert werden“, betonte Storm. Insbesondere die im Koalitionsvertrag vereinbarte Umgestaltung der gematik zur Gesundheitsagentur erfordere eine stärkere Einbindung der Selbstverwaltungspartner. André Haserück

Sehr oder eher hoher Nutzen digitaler Anwendungen in der Versorgung aus Sicht ärztlicher Praxen
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