ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2022Dry-January-Kampagne: Bilanz der Teilzeitabstinenz

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Dry-January-Kampagne: Bilanz der Teilzeitabstinenz

Lenzen-Schulte, Martina

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Foto: Rana/stock.adobe.com
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Nach der vermutet von reichlich Alkohol begleiteten Völlerei am Jahresende sollte der„trockene“ Januar nicht nur die Leber entlasten, sondern vielleicht auch riskanten Konsum bändigen helfen. Dennoch fehlt die wissenschaftliche Evidenz, ob die Kampagne auf lange Sicht tatsächlich nützt.

Die zu Jahresbeginn auch hier weithin propagierte „Dry January“-Kampagne erhielt in den letzten Jahren zunehmend Popularität in vielen Ländern der Welt. Sie geht auf eine alte Initiative der Finnen zurück. Diese führten 1942 den „Raitis tammikuu“ oder Sober January ein, als sich das Land im Krieg mit Russland befand und der Alkoholkonsum drastisch zunahm (1). Im Jahr 2014 sicherte sich eine britische Anti-Alkohol-Organisation – die Alcohol Change UK – den Begriff „Dry January“ als eingetragenen Markennamen.

Seither verbreiteten sich die Aufrufe, für einen Monat oder länger ganz auf Alkohol zu verzichten, vornehmlich in Europa und den USA, aber nicht nur. Es gibt den „Dry July“ in Australien, den „Defi 28 Jours Sans Alcohol“ in Kanada, den „Dry November“ in Ungarn und 3 Monate Alkoholabstinenz in Thailand, angelehnt an die buddhistische Lent- oder Fastenzeit, in der sich die Mönche während des Monsuns zur Klausur zurückziehen (2).

Der Fluch des guten Lebens

Die Vermutung, dass eher gesundheitsbewusste Menschen auf solche Kampagnen aufspringen würden, also jene, die ohnehin weniger gefährdet sind, riskanten Alkoholkonsum zu praktizieren, hat sich nicht bestätigt. Zusammen mit der Organisation Alcohol Change UK haben Psychologen von der Sussex-Universität zeigen können, dass eine Kohorte aus 1 192 Teilnehmern der Kampagne von 2019 weniger Kontrolle über ihr Trinkverhalten hatte als die 1 549 Erwachsenen, die erst gar nicht beabsichtigten, ihren Konsum zu reduzieren und als Vergleichsgruppe dienten (3).

In der Gruppe, die sich als gefährdet einstufte und einen Monat auf das Trinken verzichten wollte, waren anders als in der Vergleichsgruppe mehr Frauen, das Monatseinkommen war überdurchschnittlich hoch, der Anteil derer mit einem Universitätsabschluss war größer, die körperliche Gesundheit wurde besser bewertet, allerdings galt das nicht für das psychische Wohlbefinden.

Bekannte Befürworter der Kampagne wie Ian Gilmore, Honorarprofessor an der Universität in Liverpool, möchten nur Vorteile der zeitweisen Abstinenz erkennen (4). Er zitiert als Feedback der Teilnehmer, dass sie ohne die Noxe besser schliefen, sich generell besser fühlten und zudem stolz darauf wären, es geschafft zu haben (5).

Die Gefahr eines „Rebound“-Effekts sei gering, betont eine Studie, ohne dies allerdings quantifizieren zu können (6). Nur wenige Menschen würden den temporären Verzicht auf Alkohol für ein unbesorgtes „Weiter so“ nutzen oder gar, um danach umso mehr über die Stränge schlagen zu können. Das betont Gilmore auf die Frage im „British Medical Journal“, ob solche Kampagnen unter Umständen eher schaden als nutzen könnten (4).

In den Leserzuschriften musste er sich jedoch vorhalten lassen, dass er sich bei der Erklärung zu seinen Interessenkonflikten nicht als Vorsitzender der „Alcohol Health Alliance UK“ geoutet habe (7).

Eine Studie, die den Alkoholkonsum in England vor dem Hintergrund des stetig wachsenden Interesses am „Dry January“ genauer bilanzierte, dokumentiert keinen erkennbaren Nettogewinn: Zwischen 2015 und 2018 sei die Kampagne weder mit einem geringeren Monats- noch Wochenkonsum an Alkohol einhergegangen (8).

Do-it-yourself birgt Risiken

Ian Hamilton vom Departement für Health Sciences an der York Universität kritisiert in der Pro-Kontra-Debatte gegen Gilmore, dass die Kampagne zu wenig auf individuell problematisches Trinkverhalten eingehe. Eine große Risikogruppe seien vor allem die Älteren, die jenseits der 65 oft deutlich zu hohe Mengen Alkohol konsumierten. Hier geht der Alkoholkonsum nicht selten mit Einsamkeit einher. Die Älteren benötigten jedoch eine gänzlich andere Ansprache als jüngere Menschen, deren Problem eher Alkoholexzesse am Wochenende seien (4). Schließlich sieht Hamilton ein „Do it yourself“ beim abrupten Verzicht zumindest für jene als gefährlich an, die dadurch beispielsweise epileptische Anfälle entwickeln könnten.

Aber vor allem dann, wenn die Unterstützung fehlt und die Versuchung beim „social drinking“ in Gesellschaft zu groß wird, klappt es mit dem Verzicht nicht – nicht für einen Monat und nicht auf Dauer, wie eine Studie zum zeitweisen Verzicht ebenfalls zeigte (9). Das räumen auch die Fans des „Dry January“ ein und bieten daher auch diverse Begleitmaßnahmen an, darunter Apps oder E-Mail-Support (10). Dr. med. Martina Lenzen-Schulte

Literatur im Internet: www.aerzteblatt.de/lit0422 oder über QR-Code.

1.
Eloranta A: Can „Dry January“ help quench Finland’s thirst for alcohol? Yle News 3. November 2021, https://yle.fi/news/3-11169072 (last accessed on XX Xxxxxxx XXXX).
2.
de Visser RO, Piper R: Short- and Longer-Term Benefits of Temporary Alcohol Abstinence During ‚Dry January‘ Are Not Also Observed Among Adult Drinkers in the General Population: Prospective Cohort Study. Alcohol 2020; 55 (4): 433–8 CrossRef MEDLINE
3.
Saengow U: Drinking abstinence during a 3-month abstinence campaign in Thailand: weighted analysis of a national representative survey. BMC Public Health 2019; 19 (1): 1688 CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.
Hamilton I, Gilmore I: Could campaigns like Dry January do more harm than good?
BMJ 2016; 352: i143. doi: 10.1136/bmj.i143 (last accessed on 19 January 2022) CrossRef MEDLINE
5.
Blog von Dr. Richard Piper: Dry January: the evidence. https://alcoholchange.org.uk/blog/2019/dry-january-the-evidence (last accessed on 19 January 2022).
6.
de Visser RO, Robinson E, Bond R: Voluntary temporary abstinence from alcohol during „Dry January“ and subsequent alcohol use. Health Psychol 2016; 35 (3): 281–9 CrossRef MEDLINE
7.
Heathcot JA: https://www.bmj.com/content/352/bmj.i143/rapid-responses, 19. Jan 2016 (last accessed on 19 January 2022).
8.
Case P, Angus C, De Vocht F, et al.: Has the increased participation in the national campaign ‚Dry January‘ been associated with cutting down alcohol consumption in England? Drug Alcohol Depend 1. Oktober 2021; 227: 108938. doi: 10.1016/j.drugalcdep.2021.108938 (last accessed on 19 January 2022) CrossRef MEDLINE PubMed Central
9.
Field M, Puddephatt JA, Goodwin L, et al.: Benefits of temporary alcohol restriction: a feasibility randomized trial. Pilot Feasibility Stud 2020; 6: 9. doi: 10.1186/s40814–020–0554-y (last accessed on 19 January 2022) CrossRef MEDLINE PubMed Central
1.Eloranta A: Can „Dry January“ help quench Finland’s thirst for alcohol? Yle News 3. November 2021, https://yle.fi/news/3-11169072 (last accessed on XX Xxxxxxx XXXX).
2.de Visser RO, Piper R: Short- and Longer-Term Benefits of Temporary Alcohol Abstinence During ‚Dry January‘ Are Not Also Observed Among Adult Drinkers in the General Population: Prospective Cohort Study. Alcohol 2020; 55 (4): 433–8 CrossRef MEDLINE
3.Saengow U: Drinking abstinence during a 3-month abstinence campaign in Thailand: weighted analysis of a national representative survey. BMC Public Health 2019; 19 (1): 1688 CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.Hamilton I, Gilmore I: Could campaigns like Dry January do more harm than good?
BMJ 2016; 352: i143. doi: 10.1136/bmj.i143 (last accessed on 19 January 2022) CrossRef MEDLINE
5.Blog von Dr. Richard Piper: Dry January: the evidence. https://alcoholchange.org.uk/blog/2019/dry-january-the-evidence (last accessed on 19 January 2022).
6.de Visser RO, Robinson E, Bond R: Voluntary temporary abstinence from alcohol during „Dry January“ and subsequent alcohol use. Health Psychol 2016; 35 (3): 281–9 CrossRef MEDLINE
7.Heathcot JA: https://www.bmj.com/content/352/bmj.i143/rapid-responses, 19. Jan 2016 (last accessed on 19 January 2022).
8.Case P, Angus C, De Vocht F, et al.: Has the increased participation in the national campaign ‚Dry January‘ been associated with cutting down alcohol consumption in England? Drug Alcohol Depend 1. Oktober 2021; 227: 108938. doi: 10.1016/j.drugalcdep.2021.108938 (last accessed on 19 January 2022) CrossRef MEDLINE PubMed Central
9.Field M, Puddephatt JA, Goodwin L, et al.: Benefits of temporary alcohol restriction: a feasibility randomized trial. Pilot Feasibility Stud 2020; 6: 9. doi: 10.1186/s40814–020–0554-y (last accessed on 19 January 2022) CrossRef MEDLINE PubMed Central

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