ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2022Krankenhäuser: Warten auf Omikron

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Krankenhäuser: Warten auf Omikron

Osterloh, Falk

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Während die Omikron-Welle die ambulanten Praxen längst erreicht hat, herrscht in den Kliniken noch ein gespanntes Warten. Noch ist nicht abzusehen, wie viele der Infizierten hospitalisiert werden müssen. Klar ist aber: Zu Problemen kann es vor allem wegen Personalausfällen kommen.

In vorgelagerten Testzentren werden Notfallpatienten auf SARS-CoV-2 getestet, um infizierte und nichtinfizierte Patienten voneinander trennen zu können. Foto: picture alliance/dpa/Jens Büttner
In vorgelagerten Testzentren werden Notfallpatienten auf SARS-CoV-2 getestet, um infizierte und nichtinfizierte Patienten voneinander trennen zu können. Foto: picture alliance/dpa/Jens Büttner

Deutschlandweit bereiten sich die Krankenhäuser derzeit auf die Auswirkungen der Omikron-Welle vor. Dabei sind viele optimistisch, aufgrund der Erfahrungen mit der COVID-19-Pandemie auch einen eventuellen neuerlichen Anstieg von Hospitalisierungen meistern zu können. Zu Problemen könnten allerdings Ausfälle des Personals aufgrund eigener Erkrankungen führen.

„Seit Mitte Januar spüren wir wieder eine Zunahme von Hospitalisierungen auf der Normalstation inklusive erster Fälle von COVID-19-assoziierter Pneumonie durch Omikron“, sagt der Pandemiebeauftragte des Klinikums rechts der Isar in München, PD Dr. med. Christoph Spinner, dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ).

Trotz sehr hoher Inzidenzwerte in München gebe es in der Klinik jedoch insgesamt eine stabile Zahl an COVID-19-Patienten, wobei auf den Intensivstationen noch mehrheitlich Delta-Patienten behandelt würden. Aktuell werden am Klinikum 41 COVID-19-Patienten behandelt, darunter elf auf der Intensivstation (Stand: 19. Januar).

„Aufgrund der Berichte aus Großbritannien oder Südafrika erwarten wir zwar deutlich steigende Infektionszahlen, aber zumindest bei Genesenen und Geimpften einen eher milderen Verlauf ohne Notwendigkeit der Hospitalisierung“, sagt Spinner. Aufgrund der nach wie vor ausbaufähigen Impfquote bestehe bei hohen Infektionszahlen dennoch die Gefahr eines relevanten Patientenanstiegs.

„Außerdem gibt es in der Allgemeinbevölkerung einen relevanten Anteil an Menschen mit chronischen Erkrankungen mit Auswirkungen auf das Immunsystem, die durch Impfungen nicht ausreichend geschützt werden können und häufig zugleich Risikofaktoren für schwere COVID-19-Infektionen aufweisen“, betont Spinner.

Viel Erfahrung

Der Ärztliche Direktor der Krankenhaus GmbH Landkreis Weilheim-Schongau, Prof. Dr. med. Dr. h. c. Reinhold Lang, sieht sein Krankenhaus gut auf die Omikron-Welle vorbereitet. „Wir haben mittlerweile viel Erfahrung im Umgang mit der COVID-19-Pandemie“, sagt er dem . „Unsere Mitarbeitenden wissen, was zu tun ist. Und wir können sehr schnell unsere Kapazitäten für die Behandlung von COVID-19-Patienten ausbauen.“

Die Krankenhaus GmbH Landkreis Weilheim-Schongau besteht aus zwei Kliniken der Grund- und Regelversorgung, die südwestlich von München liegen. Beide Häuser verfügen über eine Intensivstation mit acht beziehungsweise zehn Intensivbetten. „Zurzeit haben wir an beiden Standorten drei Normalstationen, in denen wir bis zu 40 COVID-19-Patienten behandeln können“, sagt Lang. „Zurzeit spüren wir die Omikron-Welle noch nicht bei uns – weder auf den Intensiv- noch auf den Normalstationen. Sollten die Zahlen ansteigen, können wir innerhalb von zwei Tagen weitere Stationen in COVID-19-Stationen umwandeln.“

Am Standort Schongau werden vier Patienten mit SARS-CoV-2-Infektion behandelt, einer davon auf der Intensivstation. Am Standort Weilheim sind es vier Patienten, darunter zwei, die auf der Intensivstation liegen (Stand: 19. Januar). Etwa 75 Prozent der Intensivpatienten sind dabei ungeimpft, die übrigen sind nicht oder spät geboosterte Patienten über 60 Jahre. „Die Zahlen aus England lassen hoffen, dass die Krankenhäuser in der Omikron-Welle nicht so zulaufen wie in der letzten Delta-Welle“, sagt Lang. „Einen großen Fokus legen wir derzeit darauf, in unseren Notaufnahmen die infizierten von den nichtinfizierten Patienten zu trennen. Dafür machen wir Abstriche und isolieren die Notfallpatienten, bis das Ergebnis vorliegt.“

Der Medizinische Geschäftsführer von Helios Deutschland, Prof. Dr. med. Andreas Meier-Hellmann, will keine Prognose zum Verlauf der Omikron-Welle abgeben. „Das wäre spekulativ“, sagt er dem . Helios beobachte die Coronaentwicklung, insbesondere die Omikron-Variante, sehr genau in seinem Coronastab und könne so kurzfristig noch Kapazitäten aufstocken. „In der Gesamtschau benötigen wir derzeit aber nicht mehr Intensivbetten als zum Beispiel im Jahr 2019“, sagt Meier-Hellmann. Zurzeit liegen in den deutschen Helioskliniken etwa 1 400 Patienten auf den Intensivstationen, 12,8 Prozent davon mit einer Coronainfektion (Stand: 19. Januar).

„Wir setzen weiterhin auf strenge Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen wie regelmäßiges Testen, Abstand halten etc.“, erklärt der Helios-Geschäftsführer. „Wegen Omikron raten wir unter anderem in unseren Kliniken und Einrichtungen wieder bei allen Tätigkeiten am Patienten beziehungsweise im Patientenzimmer zum Tragen von FFP2-Masken.“

Die Hessische Krankenhausgesellschaft (HKG) fürchtet, dass die Omikron-Welle die bestehenden Engpässe bei den Pflegekräften verstärken könnte. „Wenn sich, wie von Experten erwartet, in den nächsten Wochen viele Menschen mit der Coronavariante infizieren, würden auch Schwestern und Pfleger ausfallen, weil sie erkranken oder in Quarantäne müssen“, sagt der Geschäftsführende Direktor der HKG, Prof. Dr. med. Steffen Gramminger, dem . „Das kann in den nächsten Wochen unser Hauptproblem werden.“

„Nach zwei Jahren Pandemie spüren wir die Dauerbelastung der Pflege“, sagt Gramminger. „Es ist schon jetzt alles auf Kante genäht.“ Mitarbeitende hätten gekündigt, ihre Arbeitszeit reduziert oder sich versetzen lassen. Das Problem betreffe vor allem Intensivstationen. Konkrete Zahlen für das ganze Land gibt es laut HKG nicht. „Die Rückmeldungen aus den Kliniken sind aber eindeutig“, so Gramminger. Wenn bei dieser Ausgangslage noch ein massiver Ausfall wegen Omikron dazu komme, könne man schnell in eine Notfallsituation geraten.

Im Hinblick auf die Lehren aus der Coronapandemie sagt Spinner vom Klinikum rechts der Isar in München: „Flexible und rationale Ausweisung von isolationspflichtigen und nicht isolationspflichtigen Patienten haben während der letzten vier Wellen eine rationale Umwidmung der knappen medizinischen Ressourcen erlaubt.“ Screeningprogramme, Behandlungsstandards und regelmäßige Informationen, Schulungen und Trainings seien dabei essenziell.

Als besonders kräftezehrend benennt Spinner die zuletzt weiter zunehmenden, teils manuellen Meldungen für Intensivregister, Leitstellensysteme und andere im Zusammenhang mit der Pandemie. „Die Missstände der Datenstruktur und Organisation wurden schonungslos offengelegt: Deutschland muss sich mit Blick auf die Digitalisierung im Gesundheitswesen dringend bewegen“, fordert Spinner. „Dafür muss alles auf den Prüfstand: Strukturen, Prozesse, Datenmodelle und die Ziele.“

Fokus auf die Hygiene

Als Lehre aus der Pandemie nennt Lang von der Krankenhaus GmbH Landkreis Weilheim-Schongau vor allem, einen noch stärkeren Fokus auf die Hygiene zu legen. „Zum Beispiel sollte in diesem Zusammenhang kein Mitarbeiter aus falsch verstandenem Verantwortungsgefühl krank zur Arbeit kommen“, betont Lang. Zudem habe sein Krankenhaus gelernt, schnell in den Krisenmodus umzuschalten. „Heute weiß jeder bei uns, was dabei zu tun ist“, sagt Lang. „Früher war das ein längerer Prozess.“

Nach Abflauen der Omikron-Welle erwartet er einen Nachholeffekt bei anderen Erkrankungen, neben kardiologischen und onkologischen Erkrankungen zum Beispiel auch bei Leistenoperationen. Für diese Zeit erwartet er zudem, dass sich der Fachkräftemangel insbesondere in der Intensivpflege weiter verstärken wird. „Ich glaube, dass viele Intensivpflegende noch bis zum Ende der Pandemie durchhalten, dann aber in Teilzeit gehen oder den Beruf ganz verlassen werden“, meint Lang. Um diese Entwicklung abzuschwächen, müssten die Intensivpflegenden besser vergütet werden. „Die Arbeit von Intensivpflegenden ist höchst verantwortungsvoll“, betont er. Falk Osterloh

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