ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2022Datenmangel: Nebelfahrt
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Michael Schmedt, Chefredakteur
Michael Schmedt, Chefredakteur

M itte Februar soll die Omikron-Wand ihren Höhepunkt erreichen, schätzt Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD). Sie wurde schon im Dezember angekündigt und „Vorbilder“ gab es in anderen Ländern genug, um sich sinnvoll vorzubereiten. Erst mal geschah aber wenig. Man musste abwarten, bis die Auswertungen nach dem Feiertagsdatenloch wieder die realen Zahlen abbildeten. Spötter würden sagen, man hätte einfach auf die länger werdenden Schlangen vor den Testzentren schauen müssen.

Inzwischen infizieren sich Hunderttausende täglich. Die Omikron-Variante führt so zu solch einer Masse an Testdaten, dass die Pandemie kaum noch messbar ist. Nicht fehlende Daten sind jetzt das Problem, sondern die nicht mehr zu bewältigenden Infiziertenzahlen. Und sie verlieren ihre Aussagekraft. Das führt zu einem Blindflug in der Bewertung von Pandemiemaßnahmen. Auf Sicht fahren, wie es Markus Söder (CSU) noch präferiert, gleicht eher einer Fahrt durch dichten Nebel.

Nehmen wir Berlin als Beispiel. Dort meldete das Gesundheitsamt Marzahn-Hellersdorf tagelang keine Daten, weil die Datenbank voll war. Die Nachverfolgung wird in den Berliner Gesundheitsämtern heruntergefahren und auf vulnerable Gruppen beschränkt, es sind einfach zu viele Fälle. Eigentlich kann inzwischen jeder in der Hauptstadt erzählen, dass er schon eine rote Corona-Warn-App-Meldung bekommen hat, egal ob symptomatisch oder asymptomatisch.

Mit dieser kann man in Berlin einen kostenfreien PCR-Test machen, aber nur in einem landeseigenen Testzentrum. Zehn gibt es davon in der Stadt. Zwei Stunden Wartezeit sind so normal und zusätzlich bekommt man noch mindestens zehn weitere rote Meldungen der Leidensgenossen in der Warteschlange dazu. Hastig raten RKI und Entwickler, die App doch in den Warteschlangen auszuschalten, aber auch nicht zu vergessen, sie wieder zu aktivieren.

Dass die Ministerpräsidentenkonferenz – nach Redaktionsschluss – wohl PCR-Tests für Beschäftigte in Gesundheitseinrichtungen priorisieren will, ist richtig und wichtig. Auch wenn es ärgerlich ist, dass es nur dem Mangel an Ressourcen geschuldet ist. Dennoch dauerte diese Entscheidung zu lange. Denn die Belastung der Labore führte schon längst dazu, dass die Getesteten oft erst nach Tagen ihre Ergebnisse erfuhren. Tage, die man entweder nicht arbeiten konnte oder im schlimmsten Fall andere ansteckte. Die geplante Verordnung zu einem neuen Testregime hätte längst in der Schublade liegen müssen. Schließlich diskutierte man bereits im Dezember über die Angestellten der kritischen Infrastruktur.

Die Politik stochert also weiter im Datennebel und reagiert statt agiert. Dies ist aber nicht ein spezifisches Problem der aktuellen Pandemie. Der Intensivmediziner Dr. med. Uwe Janssens wies in der vergangenen Woche zu Recht darauf hin, wie sehr man im deutschen Gesundheitssystem immer noch in der digitalen Einöde lebe. Allein um die sogenannten Kollateralschäden zu bewerten, benötige man gute Daten. Wie viele Patientinnen und Patienten sind geimpft, wie viele Operationen wurden verschoben und wie viele Vorsorgeuntersuchungen nicht wahrgenommen? Wie viele gefährliche Verläufe gibt es? Ohne die Antworten kann eine adäquate Pandemiebewältigung an fehlenden Daten scheitern. Ein Gesundheitsdatennutzungsgesetz soll der Regierung zufolge kommen. Es ist bitter nötig.

Michael Schmedt
Chefredakteur

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co_ed
am Mittwoch, 2. Februar 2022, 11:57

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