ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2022Monoklonale SARS-CoV-2-Antikörper in der Schwangerschaft – eine Fallserie
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Im November 2021 sprach die European Medicines Agency (EMA) die Zulassungsempfehlung für Regdanvimab und die Kombination aus Casirivimab und Imdevimab aus (1). Diese neutralisierenden monoklonalen Antikörper (nMAB) verhindern den Zelleintritt des SARS-CoV-2-Virus und die zellinterne Virusreplikation. Die Indikation zur Therapie besteht bei SARS-CoV-2-Infektion und SARS-CoV-2-IgG-Seronegativität (IgG, Immunglobulin G) in der Frühphase der Infektion (< 3 Tage nach positivem PCR-Test [PCR, Polymerasekettenreaktion], < 7 Tage nach Symptombeginn) bei vorliegendem Risiko für einen schweren Erkrankungsverlauf (2). Die Anwendung wird als sicher, Nebenwirkungen werden als selten beschrieben. Für die ambulante Applikation konnte eine Risikoreduktion um 71,3 % (1,3 % in der Interventionsgruppe gegenüber 4,6 % in der Kontrollgruppe) in Bezug auf eine Hospitalisierungsnotwendigkeit oder einen letalen Erkrankungsausgang gezeigt werden (3). Die Symptomdauer war statistisch signifikant reduziert.

Für die Anwendung bei Hospitalisierung berichtet eine im Preprint veröffentlichte Auswertung des RECOVERY Trial einen Überlebensvorteil für Casirivimab/Imdevimab bei seronegativen Patienten (n = 3 151) innerhalb von 28 Tagen (relatives Risiko [RR] 0,80; 95-%-Konfidenzintervall: [0,70; 0,91]; p = 0,001); 25 schwangere Frauen waren in die Studie eingeschlossen (4). Trotz Therapieempfehlung im Rahmen der aktuellen S3-Leitlinie (2) wird das Potenzial der Behandlung mit SARS-CoV-2-nMAB als derzeit nicht ausgeschöpft angesehen.

Eine SARS-CoV-2-Infektion in der Schwangerschaft geht unabhängig von additiven Risikofaktoren mit einem erhöhten Risiko für schwere Erkrankungsverläufe einher (5). Hierdurch ist nicht nur die erkrankte Schwangere, sondern auch die Schwangerschaft gefährdet. Dabei sind infizierte Schwangere nur selten geimpft oder genesen und damit erwartbar häufig seronegativ.

Im Rahmen eines Off-Label-Einsatzes wurden am Universitätsklinikum Jena nach individueller Aufklärung und Einwilligung vom 27. 11. bis 1. 12. 21 fünf schwangere, an COVID-19 erkrankte Patientinnen interdisziplinär geburtshilflich, internistisch und infektiologisch mit Casirivimab/Imdevimab behandelt. Eine Übersicht der Charakteristika der Patientinnen gibt die Tabelle. Die volljährigen Patientinnen befanden sich sämtlich im 3. Trimenon einer intakten, zeitgerecht entwickelten Einlingsschwangerschaft mit unauffälligen fetalen Überwachungsparametern. Keine der Patientinnen war gegen COVID-19 geimpft. Die serologische Untersuchung auf SARS-CoV-2-IgG ergab im Median 11,2 BAU/mL (BAU, „binding antibody units“) (minimal 4,8 BAU/mL, maximal 20,8 BAU/mL; als positiv gilt ein Wert ≥ 33,8 BAU/mL).

Charakteristika schwangerer Patientinnen mit COVID-19 zum Zeitpunkt der nMAB-Therapie mit Casirivimab und Imdevimab
Tabelle
Charakteristika schwangerer Patientinnen mit COVID-19 zum Zeitpunkt der nMAB-Therapie mit Casirivimab und Imdevimab

Vier Patientinnen wurden geburtshilflich stationär betreut und wiesen eine milde bis moderate Symptomatik ohne Sauerstoffbedarf auf; eine Patientin erhielt die Therapie während des intensivmedizinischen Aufenthalts bei bereits bestehender Sauerstoffpflichtigkeit. Bei keiner Patientin konnten maternale oder fetale Nebenwirkungen beobachtet werden. Unter den symptomatischen Patientinnen zeigte sich eine rasche Regredienz der Symptomatik; es kam in keinem Fall zu einer Verschlechterung der Erkrankung, und keine Schwangerschaft musste vorzeitig aufgrund der COVID-19-Erkrankung beendet werden. Alle behandelten Schwangeren konnten innerhalb von 0–11 Tagen nach Hause entlassen werden. Insbesondere bei der Patientin (Fall Nr. 5), die schwer symptomatisch an der Grenze zur Intubationspflichtigkeit auf unserer Intensivstation aufgenommen worden war und neben nichtinvasiver Beatmung eine Therapie mit Dexamethason erhielt, stellte sich eine rasche Besserung der Symptomatik nach nMAB-Therapie ein (Verlegung auf die Normalstation am 2. Tag und Entlassung am 7. Tag).

Eine Patientin (Fall 1) gebar während des stationären Aufenthalts einen Tag nach nMAB-Infusion bei Terminüberschreitung nach vorzeitigem Blasensprung ein unbeeinträchtigtes Kind (Tabelle). Die serologische Untersuchung des Nabelschnurbluts erbrachte 222 000 BAU/mL SARS-CoV-2-spezifisches IgG, was den transplazentaren Übertritt der nMAB belegt.

In unserer Fallserie erwies sich die sekundärprophylaktische Anwendung von nMAB als eine wirksame und sichere Therapieoption nach SARS-CoV-2-Infektion in der Schwangerschaft. Gemäß den Empfehlungen der perinatologischen Fachgesellschaften sollte seronegativen Schwangeren die Therapie mit nMAB – vor allem unter Berücksichtigung des mit der Schwangerschaft einhergehenden erhöhten Risikos für einen schweren Verlauf – nicht vorenthalten werden und insbesondere in der Frühphase der Infektion erfolgen (5). Zu berücksichtigen ist, dass der verwendete nMAB der jeweils vorherrschenden beziehungsweise nachgewiesenen SARS-CoV-2-Variante angepasst werden muss. Eine aktuelle Studie deutet darauf hin, dass die hier verwendete Kombination der Antikörper (Casirivimab und Imdevimab) wahrscheinlich eine deutlich geringere Wirksamkeit gegenüber der Omikron-Variante aufweist. Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) und die U. S. Food and Drug Administration (FDA) sprechen sich bei einer Omikron-Infektion gegen dieses Therapieregime aus. Die Anwendung sollte durch klinische Studien begleitet und zentral, beispielsweise im CRONOS-Register der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin (DGPM), erfasst werden.

Janine Zöllkau, Philipp A. Reuken, Ekkehard Schleußner, Tanja Groten

Klinik für Geburtsmedizin, Universitätsklinikum Jena (Zöllkau, Schleußner, Groten)tanja.groten@med.uni-jena.de

Klinik für Innere Medizin IV, Universitätsklinikum Jena (Reuken)

Interessenkonflikt
Die Autorinnen und Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 19. 12. 2021, revidierte Fassung angenommen: 17. 1. 2022

Zitierweise
Zöllkau J, Reuken PA, Schleußner E, Groten T:
Monoclonal SARS-CoV-2 antibodies in pregnancy—a case series. Dtsch Arztebl Int 2022; 119. DOI: 10.3238/arztebl.m2022.0110 (online first).

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de

Dieser Beitrag erschien online am 25. 01. 2022 (online first) auf www.aerzteblatt.de.

1.
EMA: COVID-19: EMA recommends authorisation of two monoclonal antibody medicines 2021. www.ema.europa.eu/en/news/covid-19-ema-recommends-authorisation-two-monoclonal-antibody-medicines (last accessed on 18 January 2022).
2.
AWMF: S3-Leitlinie – Empfehlungen zur stationären Therapie von Patienten mit COVID-19. 2021 (updated 5. 10. 2021). www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/113-001LGl_S3_Empfehlungen-zur-stationaeren-Therapie-von-Patienten-mit-COVID-19_2021-10_1.pdf (last accessed on 18 January 2022).
3.
Weinreich DM, Sivapalasingam S, Norton T, et al.: REGEN-COV antibody combination and outcomes in outpatients with Covid-19. N Engl J Med 2021; 385: e81 CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.
RECOVERY Collaborative Group, Horby PW, Mafham M, Peto L, et al.: Casirivimab and imdevimab in patients admitted to hospital with COVID-19 (RECOVERY): a randomised, controlled, open-label, platform trial. medRxiv (preprint); doi.org/10.1101/2021.06.15.21258542 (last accessed on 18 January 2022).
5.
Hagenbeck C, Hecher K, Pecks U, et al.: Empfehlungen zu SARS-CoV-2/COVID-19 in Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett – Update November 2021. www.dggg.de/fileadmin/data/Stellungnahmen/DGGG/2021/PM_Update_November_2021_finalV2.pdf (last accessed on 18 January 2022).
Charakteristika schwangerer Patientinnen mit COVID-19 zum Zeitpunkt der nMAB-Therapie mit Casirivimab und Imdevimab
Tabelle
Charakteristika schwangerer Patientinnen mit COVID-19 zum Zeitpunkt der nMAB-Therapie mit Casirivimab und Imdevimab
1.EMA: COVID-19: EMA recommends authorisation of two monoclonal antibody medicines 2021. www.ema.europa.eu/en/news/covid-19-ema-recommends-authorisation-two-monoclonal-antibody-medicines (last accessed on 18 January 2022).
2.AWMF: S3-Leitlinie – Empfehlungen zur stationären Therapie von Patienten mit COVID-19. 2021 (updated 5. 10. 2021). www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/113-001LGl_S3_Empfehlungen-zur-stationaeren-Therapie-von-Patienten-mit-COVID-19_2021-10_1.pdf (last accessed on 18 January 2022).
3.Weinreich DM, Sivapalasingam S, Norton T, et al.: REGEN-COV antibody combination and outcomes in outpatients with Covid-19. N Engl J Med 2021; 385: e81 CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.RECOVERY Collaborative Group, Horby PW, Mafham M, Peto L, et al.: Casirivimab and imdevimab in patients admitted to hospital with COVID-19 (RECOVERY): a randomised, controlled, open-label, platform trial. medRxiv (preprint); doi.org/10.1101/2021.06.15.21258542 (last accessed on 18 January 2022).
5.Hagenbeck C, Hecher K, Pecks U, et al.: Empfehlungen zu SARS-CoV-2/COVID-19 in Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett – Update November 2021. www.dggg.de/fileadmin/data/Stellungnahmen/DGGG/2021/PM_Update_November_2021_finalV2.pdf (last accessed on 18 January 2022).

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