ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2000Mobilfunk und Gesundheit: Noch keine gesicherten epidemiologische Studien verfügbar

MEDIZIN: Kongressberichte und -notizen

Mobilfunk und Gesundheit: Noch keine gesicherten epidemiologische Studien verfügbar

Dtsch Arztebl 2000; 97(13): A-847 / B-726 / C-662

Wahrendorf, Jürgen; Michaelis, Jörg; Blettner, Maria

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LNSLNS Aufgrund der momentanen epidemiologischen Datenlage kann nicht entschieden werden, ob hochfrequente elektromagnetische Felder von Mobilfunktelefonen das Krebsrisiko erhöhen. Zu diesem Ergebnis kommen die Teilnehmer der Veranstaltung "Mobilfunk und Gesundheit", die am 12. und 13. November 1999 am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg stattfand. Epidemiologische Studien
Kenneth Rothman, USA, fasste Ergebnisse einiger epidemiologischer Studien zusammen, in denen das Krebsrisiko von Amateurfunkern, Handwerkern an Kommunikationsgeräten, Militärpersonal, Polizeiangehörigen und CB-Funkern untersucht wurde, die hochfrequenten elektromagnetischen Feldern (RFEMF) ausgesetzt waren. Die Ergebnisse dieser Studien sind jedoch nicht konsistent. Ein Mangel der meisten Studien liegt darin, dass kaum Daten über die Dauer und Höhe der Exposition vorliegen. Gesundheitliche Risiken von Handys wurden für zwei andere Bereiche berichtet: Circa vier Prozent der Patienten mit Herzschrittmachern klagen über Herzrhythmusstörungen. In einer neuen Studie wurde ein vierfach erhöhtes Kollisionsrisiko im Straßenverkehr für Nutzer von Mobiltelefonen berichtet. Dies gilt auch für Personen, die mit Freisprechanlagen telefonierten. Rothman betonte, dass Aussagen über weitere gesundheitliche Auswirkungen des Mobilfunks bisher nicht bewertet werden können, da zur Zeit noch keine adäquaten Studien vorliegen. Lennart Hardell, Schweden, stellte eine bevölkerungsbasierte Fall-Kontroll-Studie vor, die 209 Personen mit Hirntumoren und 425 Kontrollen einschließt. Insgesamt wurde keine Risikoerhöhung für das Auftreten von Hirntumoren gefunden. Allerdings traten mehr Tumoren an der Kopfseite auf, an der das Handy gehalten wurde. Diese Ergebnisse waren jedoch nicht signifikant. Die Studie wurde von einigen Wissenschaftlern wegen der Vielzahl der Subgruppenanalysen kritisiert, von denen nur einige auffallende Befunde in den Vordergrund gestellt wurden. Joshua Muscat, USA, stellte eine krankenhausbasierte Fall-Kontroll-Studie vor, die 469 Fälle aus verschiedenen Neurochirurgischen Kliniken und 422 nach Alter, Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit und Wohngegend ausgesuchte Kontrollen aus den gleichen Krankenhäusern umfasst. Die Exposition wurde auf der Basis von Telefonrechnungen ermittelt. Insgesamt wurde keine Risikoerhöhung beobachtet. Es gibt bisher weltweit zwei Ansätze, den Zusammenhang zwischen der Nutzung von mobilen Telefonen und dem Krebsrisiko in einer Kohortenstudie zu untersuchen. In den Vereinigten Staaten wurde 1996 eine Kohortenstudie gestartet, in der die Mortalität von Handynutzern mit Nutzern tragbarer Telefone und Autotelefone verglichen wurde. Die Exposition wurde über Telefonrechnungen erfasst. Leider musste die Studie aufgrund von einem Rechtsverfahren, das nicht durch Datenschutzprobleme begründet war, nach einem Jahr Follow-up abgebrochen werden. Aus der ersten Analyse ergab sich keine erhöhte Krebsmortalität von Handynutzern. In einer Zusatzstudie wurde festgestellt, dass die Expositionserfassung über die Telefonrechnungen als hinreichend angesehen werden kann. Es wurde bedauert, dass diese Studie in den USA nicht weitergeführt werden konnte, da sie eine sehr gute Basis für die Untersuchung von gesundheitlichen Risiken durch die Handynutzung geboten hätte. In einer dänischen Kohortenstudie mit 500 000 Handynutzern wird die Exposition über Datenbanken erfasst, in denen ein- und ausgehende Gespräche gespeichert werden, erläuterte Christianson Johansen. Die Durchführung der Studie gestaltete sich schwieriger als zunächst angenommen, da ein computergestützter Abgleich der Namen der Telefoneigentümer mit dem Sterberegister sehr arbeitsaufwendig und nicht vollständig durchzuführen ist. Momentan ist die Weiterführung der Studie aus finanziellen Gründen nicht gesichert. Expositionserfassung
Eine wesentliche Schwierigkeit stellt die Expositionserfassung bei solchen Untersuchungen dar. Maria Feychting, Schweden, referierte über die Auswirkungen von Messfehlern bei der Expositionserfassung auf die Schätzung des relativen Risikos. Wegen der niedrigen Prävalenz des Risikofaktors ist eine hohe Spezifität der Expositionserfassung notwendig, da es sonst zu einer großen Unterschätzung des Odds Ratios kommen kann. Nichtdifferenzielle Missklassifikationen können bei der Expositionsschätzung auf der Basis von Telefonrechnungen auftreten. Wird zum Beispiel nur die Häufigkeit der ausgehenden Rufe von Telefonrechnungen ermittelt, führt dies zwar zu einer niedrigen Sensitivität, die Spezifität ist dagegen hoch, da die Nichtnutzer von den Nutzern klar getrennt werden können. Ein existierendes Risiko kann entdeckt werden, allerdings hat eine solche Studie nur eine geringe Macht, einen kleinen Effekt oder eine Dosis-WirkungsBeziehung zu entdecken.
Simon Mann, Großbritannien, beschrieb, wie Messungen der Exposition durch Basisstationen durchgeführt werden können. Die Messungen an zufällig ausgewählten Orten zeigten generell ein niedriges Energieniveau, das zwischen 0,01 bis 1 mW/m2 lag, das Maximum betrug 10 mW/m2. Die nächstgelegene Basisstation verursacht nicht immer das höchste Energieniveau an einem Ort. Dies wird dadurch bedingt, dass die Basisstation in der Regel auf dem Dach hoher Gebäude oder auf Türmen angelegt wird und nur mit einem Winkel von 6 Grad zur Horizontalen nach unten abstrahlt (Grafik 1). Daher ist die Exposition direkt unter der Basisstation oder in geringer Entfernung unterhalb der Basisstation praktisch Null. Messungen zeigten sehr deutlich, dass die Entfernung zu einer Basisstation kein Maß für die Stärke der Exposition ist. Die individuellen geographischen Verhältnisse, zum Beispiel Abschattung durch Gebäude, Dämpfung der Strahlungsenergie durch Gebäudeteile spielen eine sehr große Rolle. Mann fand zudem nur eine äußerst geringe Korrelation zwischen Messungen in Innenräumen und im Freien. Er folgerte, dass es derzeit nicht möglich ist, die Exposition durch Basisstationen in epidemiologischen Studien zu berücksichtigen.
Internationale Fall-Kontroll-Studie
Die WHO etabliert zur Zeit eine multizentrische internationale Fall-Kontroll-Studie zu Mobilfunk-Nutzung und Tumoren des Kopf- und Halsbereiches, die im Jahre 2000 beginnen wird, so Elisabeth Cardis, Lyon. An der Studie werden insgesamt 13 Länder mit mehr als 6 000 Patienten mit Hirntumor und Akustikus-Neurinom und 6 000 Kontrollen teilnehmen. Aus einer Machbarkeitsstudie ergab sich für 1992 eine Prävalenz der Mobiltelefonnutzung in den verschiedenen Studienregionen von 3,1 Prozent und für 1995 von 12,5 Prozent. In die Studie werden 30- bis 59-jährige Männer und Frauen eingeschlossen. Informationen über die HandyNutzung werden mit Fragebögen erfasst und mit Geräteinformationen verknüpft.
Die Datenerhebung wird mittels persönlichem standardisierten computergestützen Interview (CAPI) durchgeführt. Aufgrund der hohen Fallzahlen wird von der Studie ein Signifikanzniveau erwartet, das ein um 50 Prozent erhöhtes Risiko für Hirntumoren nachweisen kann. Die Studie wird über die Europäische Union (EU) und Industriesponsoring finanziert. In Deutschland werden sich Bielefeld, Heidelberg und Mainz beteiligen. Das Rekrutierungsverfahren für die Fallerhebung wurde in den drei deutschen Studienzentren erfolgreich in den jeweiligen Neurochirurgischen Kliniken installiert. Die Antwortrate beträgt über 70 Prozent, und die durchgeführten Interviews mit einer gekürzten Version des internationalen Fragebogens waren aussagekräftig. Detaillierte Angaben zur Nutzung von Mobiltelefonen waren unproblematisch zu erhalten. Ein Problem ist, eine genügend große Fallzahl für die deutsche Studie zu erreichen, damit auch eine nationale Auswertung sinnvoll ist. Durch den Einschluss mehrerer Länder wird es möglich sein zwischen digitalen und analogen Handys unterscheiden zu können, da beide Techniken verbreitet sind. Neben der Handynutzung sollten ebenfalls Informationen zu den schnurlosen Telefonen und insbesondere nach dem DECT-Standard erfragt werden. Von den DECT-Telefonen geht zwar eine höhere Exposition als von Basisstationen aus, jedoch ist diese Exposition weitaus geringer als die Exposition durch ein Handy. Auch bei den schnurlosen Telefonen sind internationale Unterschiede im Bezug auf die Reichweite vorhanden.
Die Störgröße des ELF-EMF (beispielsweise durch berufliche Exposition in Elektrobetrieben) stellen kein Problem für die Untersuchung dar, da sie einerseits keine wesentlichen Risikofaktoren für Hirntumoren ist und andererseits die meisten EMF-Expositionen nicht mit der Benutzung von Mobiltelefonen im Zusammenhang stehen. Zur Adjustierung des relativen Risikos wäre daher die Erfassung der EMF-Exposition nicht zwingend notwendig.
Ein wesentlicher Kritikpunkt an der geplanten Studie besteht darin, dass die Expositionszeit für die Handybenutzung bisher eher kurz ist und daher bei einem negativen Ergebnis der Fall-Kontroll-Studie argumentiert würde, dass die Latenzzeit zu kurz sei, um Effekte zu beobachten. Es ist aber keine sinnvolle Alternative, den Beginn der Studie um einige Jahre zu verzögern, da sich daraus Probleme bei der Expositionserfassung ergeben. Ein negatives Ergebnis wird daher vermutlich weitere Studien nach sich ziehen.
Kohortenstudie
Als Ergänzung zu der Fall-Kontroll-Studie wurde vorgeschlagen, eine prospektive Kohortenstudie aufzubauen, um die Ergebnisse der Fall-Kontroll-Studie zu ergänzen. Während der letzten Monate wurde daher untersucht, ob und wie in Deutschland eine solche Studie etabliert werden kann. Im Oktober 1999 nutzen in Deutschland circa 23 Prozent aller Bewohner ein Handy, bei 20- bis 30-jährigen Männern sind es sogar 50 Prozent (Grafik 2). Damit kann auch bei einer zufälligen Bevölkerungsstichprobe mit einem hohen Anteil "exponierter" Personen gerechnet werden. Es wurde vorgeschlagen, eine Kohorte über einen längeren Zeitraum zu beobachten. Die Exposition soll mit einem Kurzfragebogen erfasst werden. Dabei werden Anzahl der Telefonate, verwendeter Modelltyp, Stärke, Position der Antenne und Position des Handys am Ohr erfragt. In einer Teilstichprobe soll eine Validierung mit den Abrechnungsunterlagen der Betreiber erfolgen. Das Follow-up ist problemlos über Einwohnermeldeämter und Gesundheitsämter möglich. Eine Pilotstudie zeigte 1999, dass nach einem brieflichen Kontakt mit einer Stichprobe aus der Allgemeinbevölkerung eine Antwortrate von circa 40 Prozent zu erwarten ist. Von den Personen, die auf die Umfragen reagierten, sind nach eigenen Angaben mehr als 90 Prozent bereit, zu einem späteren Zeitpunkt die Befragung zu wiederholen. Für einen Vergleich von Benutzern und Nichtbenutzern von Handys kann man mit einer Kohorte von circa 100 000 Personen ein statistisch signifikantes Ergebnis erzielen, um aussagen zu können, ob ein um 50 Prozent erhöhtes Risiko bei der Gesamtmortalität beziehungsweise der Unfallsterblichkeit vorliegt. Allerdings hat die Kohorte nur eine geringe Aussagekraft, um Risikoerhöhungen für seltene Erkrankungen, wie zum Beispiel bestimmte Krebserkrankungen zu entdecken.
Betont wurde, dass für die Kohortenstudie sowohl interne als auch externe Vergleiche der Mortalität durchgeführt werden sollten, wobei durch die stetig steigende Zahl von Handy-Benutzern die Allgemeinbevölkerung nicht mehr als "nichtexponierte Kontrollgruppe" angesehen werden kann. Ein wesentliches Kriterium für die Kohorte ist die Möglichkeit für einen erneuten Kontakt nach einigen Jahren, um den zu erwartenden stetigen Wandel der Nutzungsweise und der verwendeten Technik der Handys valide zu messen. !
Basisstationen
Viele deutsche Politiker und Personen, die in der Nähe von Basisstationen leben, fordern die Untersuchung der Gesundheitsrisiken durch die von dort ausgehende RF-EMF-Strahlung. Deshalb wurden die Voraussetzungen und die mögliche Durchführung einer Studie zu den gesundheitlichen Risiken durch Mobilfunk-Basisstationen in der Vorstudie ausführlich untersucht. Exemplarische Messungen an zufällig ausgewählten Messorten in Mainz zeigten, dass die gemessenen Feldstärken weit unterhalb der Grenzwerte der 26. BImSchV (26. Verordnung zur Durchführung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes) lagen. Dies galt sowohl für das gesamt RF-Spektrum als auch für die Mobilfunk-Frequenzen. Die Messungen zeigten auch, dass Felder von Basisstationen zwar vielerorts zu den stärkeren Signalen gehörten, insgesamt aber nur einen Teil einer RF-EMF-Belastung ausmachten. Außerdem wurden an Messpunkten, die eng beieinander lagen, völlig unterschiedliche Werte für die Intensität und die Frequenzen gemessen.
Sowohl die deutschen als auch die englischen Untersuchungen haben gezeigt, dass es für epidemiologische Studien über die gesundheitlichen Risiken von Basisstationen kein geeignetes Expositionsmaß gibt. Der Abstand zwischen Wohnung und Basisstation lässt keinen Rückschluss auf eine individuelle RF-EMF-Exposition zu. Messungen sind ungeeignet, da Kurzzeitmessungen nicht stabil und repräsentativ längere oder frühere Zeiträume erfassen und sehr teuer und aufwendig sind. Geeignete Personen-Dosimeter sind bisher nicht vorhanden und werden in Zukunft auch nicht erwartet, vor allem da der Schwellenwert für die Expositionsmessungen durch die Basisstationen viel zu gering ist. Allenfalls kann man sich noch vorstellen, dass in Zukunft Dosimeter zur Expositionsmessung in beruflichen Situationen entwickelt werden. Auch Berechnungsmodelle, die zur Zeit von T-Mobil entwickelt werden, um die Versorgung mit Mobilfunk zu evaluieren, sollen zwar zusätzlich Informationen über die Abschirmung durch Gebäude berücksichtigen, sind jedoch für die individuelle Expositionsmessung ungeeignet. Die für Fall-Kontroll-Studien wichtige Messung zurückliegender Belastung ist fast unmöglich, da es bisher überhaupt keine Angaben über Exposition in der Vergangenheit gibt. Es wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, dass eine hohe Spezifität der Expositionsmessung (nicht exponierte Personen werden identifiziert) ein entscheidendes Kriterium dafür ist, dass die gesundheitlichen Auswirkungen niedriger Expositionen überhaupt quantifiziert werden können. Aufgrund aller oben genannten Messmethoden oder Berechnungsmodelle ist allerdings eine sehr niedrige Spezifität zu erwarten.
Die Teilnehmer des Workshops empfehlen, vorerst keine epidemiologische Studie über die Auswirkung von Basisstationen durchzuführen, da kein geeignetes Expositionsmaß vorhanden ist. Von ökologischen Studien, die eine Assoziation zwischen allen Frequenzen der Radiowellen und gesundheitlichem Wohlbefinden analysieren, wurde aus wissenschaftlichen Gründen abgeraten, auch wenn von Politikern, Medien und der Bevölkerung solche Studien gefordert werden. Allerdings wird die Durchführung der internationalen Studie ebenso wie der Aufbau einer Kohortenstudie als sinnvoll angesehen.


Prof. Dr. rer. nat. Maria Blettner
Universität Bielefeld
Fakultät für Gesundheitswissenschaften
AG Epidemiologie und Medizinische Statistik
Postfach 10 01 31
33501 Bielefeld
E-Mail: blettner@uni-bielefeld.de


Prof. Dr. med. Jörg Michaelis
Universität Mainz
Institut für Medizinische Statistik und Dokumentation
Langenbeckstraße 1
55101 Mainz


Prof. Dr. sc. math. Jürgen Wahrendorf
Deutsches Krebsforschungszentrum
AG Umweltepidemiologie
Im Neuenheimer Feld 280
69120 Heidelberg


Exemplarische Veranschaulichung der Emission von Radiowellen einer Mobilfunk-Basisstation


Prävalenz der Handynutzung in Deutschland, Erhebung Oktober 1999 (N = 18 204)

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