ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/1996NaSSA: Eine neue Klasse von Antidepressiva

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NaSSA: Eine neue Klasse von Antidepressiva

Dtsch Arztebl 1996; 93(28-29): A-1916 / B-1648 / C-1508

Wehr, Alexander

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LNSLNS Epidemiologische Studien deuten darauf hin, daß die Prävalenz depressiver Erkrankungen zwischen neun und elf Prozent liegt. Dies bedeutet, daß pro Jahr einer von zehn Erwachsenen unter den Folgen einer Depression leidet und durch die Erkrankung in seiner Lebensqualität meist stark eingeschränkt ist.
Darüber hinaus weiß man, daß sich depressive Erkrankungen durch eine hohe Rezidivhäufigkeit auszeichnen. "Bei einer unipolaren Depression liegt die Rezidivrate bei annähernd 50 Prozent, bei einer bipolaren Depression gar bei 80 Prozent", erklärte Dr. Max Schmauß (Augsburg). Experten rechnen damit, daß ein unipolar depressiver Patient im Laufe seines Lebens noch weitere fünf bis sechs Episoden seiner Erkrankung erlebt. Mehr noch: "Mit wachsender Anzahl der Episoden werden die Intervalle zwischen den einzelnen Ereignissen immer kürzer", so Schmauß. Dementsprechend sinken die Leistungsfähigkeit und auch die Lebensqualität der Betroffenen. Nicht zuletzt hieraus ergibt sich die Rationale zur langfristigen antidepressiven Therapie im Sinne einer Rezidivprophylaxe.
Hinsichtlich der Indikation für eine Langzeittherapie haben Experten klare Richtlinien entwickelt. Eine derartige Behandlung ist demnach immer dann indiziert, wenn entweder drei oder mehr depressive Episoden stattgefunden haben, oder aber, wenn sich zu zwei oder mehr Episoden gewisse Risikofaktoren addieren. Hierzu gehören neben der familiären Belastung und einem Alter von über 50 Jahren auch der Schweregrad der Phasen sowie eine rasche Aufeinanderfolge der zweiten Episode auf die erste. In der Therapie gilt, daß eine Dauertherapie mit einem Antidepressivum mit dem gleichen Präparat durchgeführt werden sollte, mit dem auch die initiale Remission erzielt wurde. In den ersten vier bis sechs Monaten sollte auch die Dosierung die gleiche sein wie zu Beginn der Akutbehandlung.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Wahl des Antidepressivums erheblich an Bedeutung. Neben einer guten klinischen Effektivität müssen von einem solchen langfristig eingenommenen Medikament im gleichen Atemzug eine hohe pharmakologische Sicherheit und relative Nebenwirkungsarmut gefordert werden. Diese Eigenschaften scheinen auf den Wirkstoff Mirtazapin (Remergil®, Organon) zuzutreffen, der eine neue Klasse antidepressiver Medikamente – die NaSSA – repräsentiert. Hinter diesem Akronym verbirgt sich "Noradrenerges und Spezifisch Serotonerges Antidepressivum".


Verstärkung an Synapsen
Diese Substanz unterscheidet sich hinsichtlich ihres Wirkmechanismus sowohl von den klassischen trizyklischen Antidepressiva, den selektiven Serotonin-Reuptake-Inhibitoren und den MonoaminooxidaseHemmern grundlegend. Laut Prof. Dr. Eckart Rüther (Göttingen) wirkt Mirtazapin sowohl auf die noradrenerge als auch auf die serotonerge Nervenreiz-Übertragung, indem es diese an den Synapsen verstärkt. Im serotonergen System geschieht dies in spezifischer Weise, indem einerseits 5-HT1-Rezeptoren aktiviert, aber auch 5-HT2- und 5-HT3-Rezeptoren inhibiert werden (siehe Abbildung).
Das duale Wirkprinzip kann, so Rüther, die gute antidepressive Wirksamkeit erklären, die Blockade spezifischer Serotonin-Rezeptoren hingegen das Fehlen gewisser Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen, sexuelle Dysfunktion, Agitiertheit, Nervosität oder Kopfschmerz. Darüber hinaus treten keinerlei unerwünschte anticholinerge Wirkungen (Mundtrockenheit, Akkomodations- und Miktionsstörungen) auf, wie sie unter einer Therapie mit trizyklischen Antidepressiva nicht selten und um so störender beobachtet werden.
Nach Angaben von Rüther ist die klinische Wirksamkeit von Mirtazapin bei weltweit über 15 000 Patienten dokumentiert. Die Studien belegen eine – nicht erstaunliche – signifikante Überlegenheit gegenüber Plazebo und eine gegenüber Amitryptilin, Doxepin und Clomipramin vergleichbar gute Wirkung. Das weitgehende Fehlen unerwünschter Wirkungen und der einzigartige duale Wirkmechanismus sorgen letztlich für eine Bereicherung des therapeutischen Arsenals der Ärzte in der Therapie und Rezidivprophylaxe depressiver Erkrankungen. Alexander Wehr

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