ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2000Phytotherapeutika: Wie harmlos sind sie wirklich? Schlusswort

MEDIZIN: Diskussion

Phytotherapeutika: Wie harmlos sind sie wirklich? Schlusswort

Dtsch Arztebl 2000; 97(13): A-853 / B-654 / C-598

Ernst, Edzard

Zu dem Beitrag von Prof. Edzard Ernst MD PhD FRCP Edin.in Heft 48/1999
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LNSLNS In meiner Publikation erwähne ich 30 belgische Todesfälle nach Einnahme eines chinesischen
Kräutermittels. Dies beruht auf einem bedauerlichen Missverständnis, und mehrere Anfragen
haben dies zu Recht hinterfragt. Tatsächlich musste von ungefähr 100 Betroffenen etwa ein Drittel sich einer
Nierentransplantation unterziehen, ein Drittel war 1998 dialysepflichtig und ein weiteres Drittel leidet an
progressivem Nierenversagen (9). Neueste Daten zeigen ferner, dass etwa 40 Prozent der Patienten
Nierenkarzinome entwickeln (3). Kürzlich wurden zwei ähnlich gelagerte Fälle aus England berichtet, wo
Aristolochiasäure-haltige Pflanzen in einer chinesischen Kräutermixtur in zwei Fällen fortgeschrittenes
Nierenversagen verursachten (8). Todesfälle (n = 2) wegen Archistolochiasäure wurden bislang nur aus China
berichtet (2). G. Bartman wirft mir vor, dass in meiner Arbeit die "positiven Aspekte" fehlen. Falls damit
gemeint ist, dass etwas zu der in vielen Fällen belegten klinischen Wirksamkeit hätte erwähnt werden sollen, so
finde ich, dass dergleichen in einer Übersichtsarbeit, die explizit auf Sicherheitsaspekte eingeht, fehl am Platz
gewesen wäre. Hierzu verweise ich auf ein jüngst erschienenes Buch, welches auch ausführlich diese Aspekte
beleuchtet (4). Falls damit gemeint ist, dass ich etwas über die relative Nebenwirkungsarmut im Vergleich zu
Synthetika hätte schreiben sollen, so verweise ich auf meinen Artikel, wo dergleichen sogar mit zwei Beispielen
ausgeführt wurde. G. Bartman bemängelt ferner, dass sich meine Arbeit nicht auf den deutschen Markt bezog.
Dies ist zum Teil richtig - meine Arbeit versteht sich als Beitrag zur Phytotherapie, nicht jedoch zur deutschen
Phytotherapie. Dennoch sind die meisten der erörterten Themen auch für den deutschen Markt relevant.
Phytopharmaka aus Asien kommen oft ohne Zulassung auf den (deutschen) grauen Markt und es sind
insbesondere diese Mittel, die häufig mit Kontaminationen der unterschiedlichen Art belastet sind (1). Dies hatte
ich versucht in meinem Artikel herauszustellen. Seit Erscheinen meiner Arbeit hat ein Aspekt, der von mir in der
oben genannten Arbeit nur kurz erwähnt wurde, reges internationales Interesse gefunden; gemeint sind
Interaktionen zwischen Phyto- und Pharmakotherapeutika. So wurden im Lancet mehrere Fallberichte zu
derartigen Interaktionen zusammengefasst (7). In der gleichen Zeitschrift wurde dargestellt, dass JohanniskrautPräparate das Cytochrom-P450-System der Leber aktivieren, was zu einem beschleunigten Abbau einer Reihe
synthetischer Medikamente (zum Beispiel Antikoagulantien) führen kann und entsprechende klinische Folgen
nach sich zieht (6). Die Zahl der theoretisch möglichen Interaktionen ist hoch (5) und weit größer als dies zum
Beispiel aus den Dokumenten der Kommission E hervorgeht. Ich denke, dass dies ein Thema ist, mit dem sich
die Phytomedizin systematisch, umfassend und rasch auseinandersetzen sollte.



Literatur

1. Anonymous. Traditional chinese medicine: safety hazards. Adverse Drug React Toxicol Rev 1999;
18(2): 53-57.

2. Chinese-herb nephropathy - correspondence by But PPH, Ma SC and by Okada M. Lancet 1999; 354:
1731-1732.

3. Cosyns JP, Jadoul M, Squifflet JP et al.: Urothelial lesions in chinese-herb nephropathy. Am J Kidney
Dis 1999; 33: 1011-1017.

4. Ernst E: Herbal Medicine: A concise overview for professionals. Oxford: Butterworth-Heinemann,
2000.

5. Ernst E: Possible interactions between synthetic and herbal medicinal products. Part 1: a systematic
review of the indirect evidence. Perfusion 2000; 13: 4-15.

6. Ernst E: Second thoughts about safety of St. John’s Wort. Lancet 1999; 354: 2014-2016.

7. Fugh Berman A: Herb-drug interactions. Lancet 2000; 355: 134-138.

8. Lord GM, Tagore R, Cook T, Gower P, Pusey CD: Nephropathy caused by chinese herbs in the UK.
Lancet 1999; 354: 481-482.

9. van Ypserle de Strihou C: Chinese herbs nephropathy or the evils of nature. Am J
Kidney Dis 1998; 32: I-Iii.



Prof. Edzard Ernst

MD PhD FRCP Edin.

School of Postgraduate Medicine and Health Sciences

University of Exeter

25 Victoria Park Road

Exeter EX2 4NT, Großbritannien

E-Mail: E.Ernst@exceter.ac.uk

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