ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2000Die Entstehung einer Skulptur: Auf den Spuren von Salvador Dalí

VARIA: Feuilleton

Die Entstehung einer Skulptur: Auf den Spuren von Salvador Dalí

Dtsch Arztebl 2000; 97(13): A-854 / B-727 / C-692

Gold, Dagmar

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LNSLNS Salvador Felipe Jacinto Dalí hat sich sein Leben lang darum bemüht, Dalí zu werden, das heißt also ein "Genie", einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Seine erstaunlichen Bildfindungen und sein extravagantes Künstlerleben haben seinen Weltruhm nachhaltig begründet. Neben einem unfangreichen malerischen Werk manifestiert sich sein bildnerisches Genie auch in Skulpturen, die er von den Leitmotiven seines Œ uvres anfertigte.
Dalís außergewöhnliche Bildfantasie ist Ausdruck surrealistischer Irrationalität und bewegt sich in einer Assoziations- und Traumwelt, die er selbst als paranoisch-kritische Methode bezeichnet. An der Bronzeskulptur "Rhinocéros" lässt sich verdeutlichen, was Dalí unter dieser Methode versteht. Durch das Arrangement eines Nashorns mit einem Seeigel ensteht ein doppeltes, alternatives Vorstellungsbild, und es gelingt, den Gegenstand der Darstellung auf eine neue Ebene zu heben. Die Skulptur "Rhinocéros" entstand 1954 zunächst als großformatiges Unikat. Sie erinnert an Dürers berühmte Tierdarstellung, die Dalí surrealistisch verfremdet hat. Eine Skulpturedition hat der Künstler aber zeitlebens nie verwirklicht. Der Dalí-Experte und Inhaber der Verwertungsrechte an Dalís Skulpturen, Robert Descharnes, genehmigte schließlich 1997 den Guss der Kleinskulptur "Rhinocéros", die durch ihr Format für den privaten Sammler bestimmt ist. Um herauszufinden, wie eine Skulptur entsteht, muss man dreißig Kilometer südlich von Paris zur Gießerei Airaindor-Valsuani fahren, wo das "Rhinocéros" und andere Bronzeskulpturen von Dalí gegossen werden. Leonardo Benatov ist Inhaber und Gründer der berühmten Kunstgießerei. Sein Vater war Maler und Freund von Kandinsky, Diego Riviera und anderen großen Künstlerkollegen seiner Zeit. Leonardo Benatov hat die Kunstakademie besucht und ist Bildhauer geworden. Später spezialisierte er sich auch auf den Guss von Bronzeskulpturen.
1979 lernte er Salvador Dalí kennen. Seit nunmehr 15 Jahren gießt er Skulpturen von Dalí, Rodin, Claudel und anderen großen Künstlern. Auch seine eigenen kraftvollen Skulpturen im Großformat werden bei Airaindor hergestellt. Der Vorgang des Bronzegusses ist uralt und denkbar einfach. Bronzeskulpturen sind seit dem dritten Jahrtausend v. Chr. von den Hochkulturen des Vorderen Orients bekannt. Die Legierung besteht aus rund 60 Prozent Kupfer und aus Zinn und anderen Metallen. Dabei differieren das Mischungsverhältnis der Metalle und die Tönungen, die durch nachträgliche Säurebehandlung der Oberfläche mit Feuerpatinierung entstehen. Skulpturen aus Bronze werden heute hauptsächlich im schon in der Antike bekannten Wachsausschmelzungsverfahren gegossen. Die in Gips oder Ton modellierte Skulptur wird mit einer Wachsschicht überzogen. Diese wird anschließend mit Ton verkleidet, der mit dem Kern durch Stützen verbunden wird. Durch Erhitzen der Form wird gleichzeitig das Wachs ausgeschmolzen und der Ton gehärtet. In den durch das Auslaufen des Wachses entstandenen Hohlraum wird die bei circa 800 Grad Celsius erhitzte Bronzeschmelze eingefüllt. Nach Erkalten werden Mantel und Kern zerschlagen.
Jede Skulptur wird einzeln gegossen und in aufwendiger Handarbeit nachbearbeitet. Zunächst werden die Wachsreste entfernt und unerwünschte Unregelmäßigkeiten auf der Oberfläche beseitigt. Das "Rhinocéros" gießt man aus technischen Gründen mit drei Beinen und fügt nachträglich das vierte Bein an. Dann patiniert ein Spezialist die Skulptur, indem er sie gleichzeitig mit einer Säuremischung bestreicht und mit Feuer behandelt. Die Art der Säure und die Dauer der Feuerbehandlung sind für die Farbe der Patina und die Verteilung von Farbton und natürlichem Bronzeton verantwortlich. Jede Skulptur unterscheidet sich deshalb von den anderen Exemplaren. Der Seeigel, der Bestandteil von Dalís Nashornskulptur ist, wird getrennt gegossen, anschließend vergoldet und neben dem Nashorn auf einer Bronzeplinthe befestigt.
Schließlich werden die Punzen der Gießerei "Airaindor", die Nummerierung des Exemplars und die Signatur Dalís geprägt. Sobald alle Exemplare gegossen sind, wird das Gussmodell unwiderruflich zerstört. Das garantiert den Sammlerwert der Skulptur. Dagmar Gold


»Ich glaube, man muss, um vom Spitzenmacher zur Sonnenblume, von der Sonnenblume zum Nashorn und vom Nashorn zum Blumenkohl übergehen zu können, etwas Außergewöhnliches unter der Schädeldecke haben.« Salvador Dalí


Dalís Skulptur "Rhinocéros": Vom fertigen Guss werden Wachsreste entfernt.

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