ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2000Gesundheitsangebote für Selbstzahler: Und der Bademeister singt

VARIA: Heilbäder und Kurorte

Gesundheitsangebote für Selbstzahler: Und der Bademeister singt

Dtsch Arztebl 2000; 97(13): A-857 / B-729 / C-671

Tuch, Peter

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LNSLNS Längst sind sie mehr als nur ein "zweites Standbein" für das wirtschaftliche Wohlergehen des Kurwesens: Die so genannten Selbstzahler. Anders als traditionelle Sozialkur-Patienten gelten Selbstzahler als konsumfreudig, erlebnisorientiert - und wählerisch. Von den Heilbädern und Kurorten werden sie mit immer fantasievolleren, spektakuläreren Gesundheitsangeboten umworben. Eine kleine Deutschlandreise


Beginnen wir die Erkundung der neuen, frei finanzierten deutschen Kur-Landschaft im äußersten Norden: Das Ostseeheilbad Kellenhusen, nördlich von Lübeck, verspricht gleich zu Anfang nicht weniger als einen (unentgeltlichen) Rausch: "Die Meeresluft berauscht ein wenig, stärkt die Immunabwehr und befreit die Atemwege", heißt es in der Eigenwerbung. Die Vorzüge der wasser- und waldreichen Ortslage kennen lernen können Gesundheitstouristen allerdings auch mit einer der preisgünstigen Pauschalen. Es locken etwa - wenn auch erst im Herbst - die "Hubertuswochen" mit sieben Übernachtungen, zwei Buchungen des MeerwasserHallenbads, einer Schnitzeljagd im Wald, Nachtwanderung mit dem Förster und gar einer Baumpflanzaktion - ab 525 DM inklusive Halbpension.
Da will sich, als zweite Station etwas weiter südwestlich, das meerumschlungene Niedersachsen nicht lumpen lassen. Das Nordseeheilbad Langeoog lädt nicht nur seit mehr als 50 Jahren Kurgäste auf die Insel, sondern neuerdings auch zu Entspannungsprogrammen und "Wohlfühlnachmittagen" ein. Mit derlei Pausen vom Stress will sich Langeoog als Wellness-Insel profilieren. Frei buchbar sind etwa Aquafitness oder Fußreflexzonenmassage, aber auch das Programm "Thalassozeit" mit Meeresschlickpackungen oder Meerwasser-Ölbädern. Was den Küstenorten recht ist, ist dem tiefen Binnenland billig. Auch in Nordrhein-Westfalen stehen selbst zahlenden Kurgästen alle (Wasser-)Wege offen. Bad Münstereifel hat sich seit rund 70 Jahren als Zentrum der Kneipp-Heilkunde etabliert. Im Amber-Kurhotel mit seinem eigenen Kurmittelhaus kostet solch ein zweiwöchiger Aufenthalt in der Nebensaison bei Halbpension 1 690 DM im Einzelzimmer. Hinzu kommen 480 DM für die Kneipp-Anwendungen, bei denen den Privatkurgästen eine eigene Ärztin im Haus zur Verfügung steht. Hier werden naturgemäß speziell Patientengruppen etwa mit Herz-Kreislauf-Leiden oder Durchblutungsstörungen angesprochen. Auch im rheinland-pfälzischen Bad Bertrich legt Kurdirektor Norbert Arenz Wert darauf, "nicht unspezifische Wellness" zu versprechen, sondern die Pauschalangebote gezielt auf Bedürfnisse einzelner Gruppen auszurichten. Etwa die Stressbewältigungswoche mit Unterkunft, autogenem Training, geführten Wanderungen und täglichem Lauftreff ab 424 DM pro Person.
Von Rheinland-Pfalz nach Franken. In Bad Rodach, das sein Thermalbad selbstbewusst als "schönste Badelandschaft in Franken" anpreist, können Neulinge ganzjährig die "Einsteigerkur" buchen. Im Paket enthalten: sieben Übernachtungen, viermal Eintritt ins Thermalbad, je drei Fangopackungen und Massagen. Bei Unterkunft in einer Pension kostet der Spaß ganze 443 DM, im Kurhotel 613 DM. "Wir hatten hier nie eine Kurkrise", sagt Kurdirektor Hubert Seewald, "denn wir hatten schon Mitte der 90er-Jahre überwiegend Selbstzahler als Gäste." Inzwischen sind es 95 Prozent, und denen wird offenbar ordentlich etwas geboten, denn die Übernachtungen stiegen im vergangenen Jahr um 17 Prozent. Vielleicht liegt es ja am leibhaftigen singenden Bademeister, zu dessen sonntäglichen Darbietungen bis zu 300 Leute im größten Thermalbecken Polka tanzen. Einmal im Jahr veranstaltet Bad Rodach sogar den kultverdächtigen "Grand Prix der singenden Bademeister".
Am Ende der höchst zufälligen Kur-Reise als Selbstzahler erreichen wir den südöstlichsten Winkel der Republik im bayerischen Bad Feilnbach zwischen Chiemsee und Wendelstein. Ein "Bad im Blütenmeer" inmitten eines der größten Streuobstgebiete Europas, kombiniert mit Moor-, Dampf- und Heubädern oder auch Heilfasten, wird hier als Wellness-Angebot "Moor and more" angeboten. Weibliche Gäste des "bayerischen Meran" können sich den 30. April vormerken: Aus Anlass der Walpurgisnacht gibt es ein "Frauen-Wochenende" mit Schwitzhütte, Speckstein-Modellieren und weiteren, für Männer nicht durchschaubaren Gesundheits- und Weiblichkeitsritualen. Peter Tuch


Im Thermalbad von Bad Rodach wird sonntags Polka getanzt. Foto: Kurverwaltung Bad Rodach

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