ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2022Stärkung der Niedergelassenen sinnvoller
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In diesem Beitrag wird einerseits über den Umgang mit guten und schlechten Daten diskutiert, andererseits wird aber eine aus meiner Sicht relativ schwache (nichtrandomisierte Beobachtungs-)Studie zum Titelthema gemacht (1).

Besagte Studie beschäftigt sich mit den Langzeitergebnissen eines Pilotprojektes zur „integrierten Versorgung“, bei deren Auswertung die Macher selbst die Qualitätsindikatoren festlegen. Am Ende kann nicht gezeigt werden, dass es zu einer nachweisbaren Verbesserung der Versorgungsqualität kommt. Das zweite Ziel dieser Studie, nämlich eine bessere Wirtschaftlichkeit durch Entlastung der Ärzte/Kassen, wird dann aus meiner Sicht gar nicht adressiert. Erwähnt wird nur, dass bei den Krankenkassen etwa fünf Millionen Euro eingespart wurden, was aber den Kosten der Projektumsetzung entspräche.

Diese Daten waren die Blaupause für ein nahezu identisches Projekt (Gesundheit für Billstedt/Horn) in Hamburg, in dem nun Pflegekräfte, Hebammen und Altenpfleger/innen in einem sogenannten „Gesundheitskiosk“ niederschwellig ebenfalls Patienten beraten. Dafür haben die Projektbetreiber/Gesellschafter für die ersten drei Jahre 6,3 Millionen Euro Starthilfe aus dem Innovationsfond der Bundesregierung erhalten. Im ersten Jahr wurden dann circa 3 000 Beratungen (etwa 10/Tag) durchgeführt. Laut Abschlussbericht erfolgten 40 % dieser Beratungen wegen Adipositas, wofür u.a. innovative Kurse wie „Yoga für Mollige“ angeboten wurden.

Auch wenn sicherlich Reformen unseres Gesundheitssystems und eine Stärkung des ambulanten Sektors mit einer Reduzierung stationärer Leistungen grundsätzlich sinnvoll sind, frage ich mich, warum man nicht, anstatt solche kostenintensiven Projekte privater Unternehmen zu fördern, vielmehr die niedergelassenen Kollegen zum Beispiel durch attraktivere Rahmenbedingungen und eine adäquatere Honorierung der ambulanten Leistungen stärkt. Denn schon jetzt berät und behandelt ein niedergelassener Arzt in der Regel deutlich mehr Patienten, und das aufgrund seines Fachwissens wahrscheinlich mit höherer Qualität und einem deutlich breiteren Spektrum.

DOI: 10.3238/arztebl.m2022.0041

PD Dr. med. Volker Schmitz

Hamburg

schmitz.volker@icloud.com

Interessenkonflikt

Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1.
Schubert I, Stelzer D, Siegel A, et al.: Ten-year evaluation of the population-based integrated health care system „Gesundes Kinzigtal“. Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 465–72 VOLLTEXT
1.Schubert I, Stelzer D, Siegel A, et al.: Ten-year evaluation of the population-based integrated health care system „Gesundes Kinzigtal“. Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 465–72 VOLLTEXT

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Fachgebiet

Der klinische Schnappschuss

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