ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/1996Anatomische Sammlung der Universität Jena: Die Medizin als „Mittel der Belehrung und Ergötzung“

VARIA: Feuilleton

Anatomische Sammlung der Universität Jena: Die Medizin als „Mittel der Belehrung und Ergötzung“

Wilp, Rita

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LNSLNS Die anatomische Sammlung der Universität Jena ist jetzt nach einer vollständigen Restaurierung wiedereröffnet worden und erstmals nicht nur für Mediziner und Studenten, sondern auch für die Öffentlichkeit zugänglich. Die Sammlung besteht nicht nur aus der anatomischen Lehrsammlung, die hauptsächlich konservierte Organe präsentiert, sagt Dr. Rosemarie Fröber vom Institut für Anatomie, die die Sammlung leitet. Dazu gehört auch das "Museum anatomicum Jenense", in dem sich medizingeschichtlich wichtige Skelett- und Schädelsammlungen sowie Trockenpräparate und Wachsplatten-Rekonstruktionsmodelle befinden, die zum Teil bis zu 200 Jahre alt sind. Außerdem erinnert das "Zwischenkiefer-Präparat" an Johann Wolfgang von Goethe, der als Neubegründer der anatomischen Sammlung in Jena gilt.
Im Jahr 1750 entstand in Jena das sogenannte Anatomische Theater. Es war eine öffentliche Schaubühne, auf der die Anatomie-Professoren den Studenten präparierte menschliche und tierische Organe sowie Skelett- und Knochenteile als "Mittel der Belehrung und Ergötzung" zeigten. Einer der Professoren war Justus Christian Loder, Professor für Anatomie und Chirurgie sowie Leibarzt des Herzogs Carl August. Loder legte während seines 25jährigen Wirkens in Jena eine anatomische Sammlung an, die zeitweise bis zu 4 000 Exponate umfaßte. Als er 1803 die Stadt verließ, nahm er große Teile seiner Sammlung mit. Der naturwissenschaftlich interessierte Landesherr Carl August und sein Staatsminister Johann Wolfgang von Goethe stellten eine neue Sammlung zusammen. Aus den Resten der Loderschen Sammlung sowie Stücken des 1779 gegründeten "CarlAugust-Museums", das Ausstellungsstücke aus Botanik, Zoologie und Mineralogie enthielt, entstand im Jahr 1804 das neue anatomische Museum.
Im Laufe von Generationen kamen immer mehr Sammlungsobjekte hinzu. Doch der Wert der Sammlung veränderte sich mit dem Stand der wissenschaftlichen Forschung, sagt Fröber. Vor allem auf mikroskopischem Gebiet machte die Wissenschaft Ende des 19. Jahrhunderts rasante Fortschritte. Dementsprechend ließ das Interesse an den Ausstellungsstücken, den Naß- und Trockenpräparaten, nach. Bis zum Zweiten Weltkrieg nutzten die Wissenschaftler die Exponate noch für Forschungen, dann wurden große Teile der Sammlung ausgelagert und einige Ausstellungsstücke sogar vernichtet.
Heute befindet sich die anatomische Sammlung in den historisch ältesten Räumen der Universität, einem ehemaligen Dominikanerkloster. Es wurde im 13. Jahrhundert erbaut und beherbergte drei Jahrhunderte lang die Jenaer Universitätsbibliothek. Seit 1850 sind hier die Exponate der anatomischen Sammlung untergebracht. 1994 begann die Universität mit einer grundlegenden Restaurierung der unter Denkmalschutz stehenden Räume und der darin aufbewahrten Sammlung.
Im "Rolfinck-Saal", benannt nach Werner Rolfinck, der im 17. Jahrhundert in Jena die ersten öffentlichen Leichensektionen vornahm, findet der Besucher die anatomische Lehrsammlung. Sie umfaßt menschliche Organe und Körperteile, die in Konservierungslösungen aufbewahrt werden, sowie Präparate von normalen und deformierten Embryonen. Im "Goethe-Saal" lagern vor allem Skelett- und Schädelsammlungen, Trockenpräparate und ein Wachsplattenrekonstruktionsmodell von einem menschlichen Embryo.
Die anatomische Sammlung der Universität Jena ist nach Voranmeldung zu besichtigen: Telefon 0 36 41/ 63 13 96. Rita Wilp
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