ArchivDeutsches Ärzteblatt28-29/1996100 Jahre Blutdruckmessung nach Riva-Rocci: „Ein Geniestreich“

VARIA: Feuilleton

100 Jahre Blutdruckmessung nach Riva-Rocci: „Ein Geniestreich“

Vetter, Christine

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LNSLNS Schon seit fast 2 000 Jahren ist das Phänomen des Blutdrucks bekannt: damals beobachteten die Heilkundigen, daß unter bestimmten Bedingungen der Puls "hart" wird. Doch erst seit 100 Jahren läßt sich der Blutdruck messen. Die Methode geht auf den italienischen Forscher Scipione Riva-Rocci zurück: er stellte 1896 eine Apparatur zur unblutigen Messung des Blutdrucks vor. Sie basierte auf Beobachtungen von S. von Brasch, der eine luftgefüllte Pelotte gegen die Radialarterie gedrückt und in einem angeschlossenen Steigrohr die pulsabhängigen Druckschwankungen beobachtet hatte. Riva-Rocci verband diese Methode mit einem Quecksilber-Manometer, und Druckmessungen wurden nun relativ einfach über das Verschwinden und Wiederauftreten des Radialispulses möglich. Nur ein Jahr später wurde die gleiche Methode von Hill und Banards im "British Medical Journal" vorgestellt. "Der Verdienst dieser Forscher war es, daß sie sich erstmals Gedanken über die Breite der Oberarmmanschette machten", erklärte Professor Dr. Manfred Anlauf aus Bremerhaven bei einem Pressegespräch in Bielefeld. Die Blutdruckmessung wurde Ende des vorigen Jahrhunderts noch verfeinert: So beschrieb Korotkow 1905 die nach ihm benannten Geräuschphänomene, mit denen auch ein Kriterium für den diastolischen Blutdruck gegeben war.
Seitdem hat sich am Prinzip der unblutigen Blutdruckmessung wenig verändert. Bis auf den heutigen Tag wird mit Hilfe der schon im vergangenen Jahrhundert bekannten Phänomene gemessen. Zwar wurden die Geräte erheblich weiter entwickelt, und es ist inzwischen nicht nur eine automatische Langzeitblutdruckmessung möglich, sondern es gibt auch automatische Blutdruckmeßgeräte für die Selbstmessung, doch am eigentlichen Prinzip der unblutigen Blutdruckmessung hat sich seit Riva-Rocci nichts geändert. Zufrieden sind die heutigen Blutdruckforscher mit dieser Situation nicht. Zu viele Probleme stehen noch im Raum: Einmalige Blutdruckmessungen sagen wegen des Phänomens der Praxishypertonie kaum etwas aus darüber, ob der Patient Hypertoniker ist oder nicht. Doch wie soll gemessen werden? Welche Werte sind als normal oder als Zielgröße anzusehen? Wie verläßlich sind die erhobenen Daten? – Fragen, die noch der Klärung harren. Auch das seit 100 Jahren anstehende Problem der Manschettengröße ist nach Anlauf noch nicht befriedigend gelöst: "Ein Geniestreich wie derjenige von Riva-Rocci hat sich leider bislang nicht wiederholt." Christine Vetter
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