MEDIZIN: Kurzmitteilung
Postakute Folgen einer SARS-CoV-2-Infektion
Charakterisierung von ambulant behandelten Patienten in einer Fall-Kontroll-Studie anhand von bundesweiten Abrechnungsdaten
Post-acute sequelae of SARS-CoV-2 infection—characterization of community-treated patients in a case—control study based on nationwide claims data
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Langfristige gesundheitliche Einschränkungen nach einer COVID-19-Erkrankung, auch bekannt als postakute Folgen einer SARS-CoV-2-Infektion beziehungsweise Long COVID, sind für die öffentliche Gesundheit und den medizinischen Versorgungsbedarf von großer Bedeutung (1, 2). Erstmalig ist mit der Einführung des ICD-Codes U09.9! (Post-COVID-19-Zustand, nicht näher bezeichnet) ab dem Jahr 2021 die Identifizierung von Patientinnen und Patienten mit Post-COVID-19 in den vertragsärztlichen Abrechnungsdaten möglich. Ziel der vorliegenden Studie ist die Charakterisierung von Patienten mit Post-COVID-19 im ambulanten Versorgungssektor im Hinblick auf Risikofaktoren und die Inanspruchnahme von Versorgungsleistungen.
Material und Methoden
Auf der Grundlage krankenkassenübergreifender und bundesweiter vertragsärztlicher Abrechnungsdaten der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) wurde eine Fall-Kontroll-Studie durchgeführt. In die Fallgruppe wurden alle Patienten mit gültigen Angaben zu Alter (0 –109 Jahre), Geschlecht (männlich/weiblich) und Wohnort eingeschlossen, für die im zweiten Quartal 2021 (im Folgenden Q2 2021 genannt) der gesicherte Post-COVID-19-Code (U 09.9 !) vergeben wurde (n = 160 663). Die Kontrollgruppe bildete eine Zufallsstichprobe aller im zweiten Quartal 2021 behandelten Patienten im Verhältnis von 1:2 zu den Fällen mit folgenden Einschlusskriterien:
- kein Post-COVID-19-Code in 2021
- keine bestätigte COVID-19-Erkrankung (ICD-Code U 07.1 !) in 2020 und 2021
- gültiges Alter, Geschlecht und Wohnort (n = 321 326)
Die Auswahl der Kontrollgruppe basierte auf der Vorüberlegung, die Patienten mit Post-COVID-19 einer durchschnittlichen Patientenklientel „außerhalb“ der Pandemie gegenüberzustellen, um Unterschiede in den Versorgungsbedarfen beider Gruppen aufzudecken. Fälle und Kontrollen wurden nach demografischen Merkmalen, Post-COVID-19-Symptomen (in Anlehnung an [3]), häufigen Vorerkrankungen (Prävalenz > 10 %) und Inanspruchnahme ambulanter medizinischer Versorgung charakterisiert. Es wurde eine logistische Regressionsanalyse durchgeführt, um den Zusammenhang zwischen dem Vorhandensein von Vorerkrankungen und der Wahrscheinlichkeit einer Post-COVID-19-Erkrankung sowie den Zusammenhang zwischen dem Vorhandensein einer Post-COVID-19-Erkrankung und der Inanspruchnahme ausgewählter haus- und fachärztlicher ambulanter Leistungen zu modellieren.
Ergebnisse
Tabelle 1 zeigt die wichtigsten Merkmale nach Fall- (Patienten mit Post-COVID-19) und Kontrollgruppe. Die Fallgruppe umfasste mehr Frauen und Patienten mittleren Alters als die Kontrollgruppe sowie einen höheren Anteil derer, die bereits im Jahr 2020 in vertragsärztlicher Behandlung waren. Patienten mit Post-COVID-19 generierten fast doppelt so viele ambulante Behandlungsfälle wie die Kontrollgruppe (Median vier versus zwei Behandlungsfälle). Wenigstens eines der untersuchten Post-COVID-19-Symptome traten bei 61 % der Fälle und bei 33 % der Kontrollen auf.
Bezüglich der im Jahr 2020 behandelten Vorerkrankungen wurde beobachtet, dass Rückenschmerzen, Bauchschmerzen, Adipositas, Depressionen, Anpassungsstörungen und somatoforme Störungen bei den Fällen häufiger als Behandlungsanlass dokumentiert wurden als bei den Kontrollen (Tabelle 2). Für alle genannten Erkrankungen ergab die logistische Regressionsanalyse unter Kontrolle von Alter, Geschlecht und Komorbiditäten eine höhere Wahrscheinlichkeit einer Post-COVID-19-Erkrankung (Tabelle 2). 76 % der Patienten mit Post-COVID-19 waren ausschließlich in hausärztlicher Versorgung. Fälle und Kontrollen unterschieden sich in Bezug auf die vertragsärztliche Leistungsinanspruchnahme. Insbesondere das hausärztlich geführte problemorientierte Gespräch und telefonische Beratungen wurden bei Fällen häufiger abgerechnet als bei den Kontrollen, ebenso wie die Behandlung durch Pneumologie und Kardiologie und die Verschreibung von Rehabilitationsmaßnahmen, wenngleich dieser Anteil relativ gering war (0,6 % der Fälle gegenüber 0,1 % der Kontrollen). Die verstärkte Inanspruchnahme der genannten Leistungen von Patienten mit Post-COVID-19 im Vergleich zu den Kontrollen blieb auch nach Berücksichtigung weiterer Einflussfaktoren bestehen (Tabelle 2).
Diskussion
Die vorliegende Sekundärdatenanalyse ergab eine höhere Wahrscheinlichkeit von Post-COVID-19 bei Patienten mit somatischen und psychischen Vorerkrankungen, worauf auch frühere Studien hingewiesen haben (3, 4, 5). Insbesondere Rückenschmerzen, Adipositas, Anpassungsstörungen und somatoforme Erkrankungen scheinen altersunabhängige Risikofaktoren für eine Post-COVID-19-Erkrankung zu sein. Durch die Untersuchung der Inanspruchnahme vertragsärztlicher Leistungen fügt die vorliegende Studie neue Erkenntnisse zur Versorgung von Post-COVID-19 hinzu. So wurden drei von vier Patienten mit Post-COVID-19 ausschließlich durch einen Hausarzt versorgt, insbesondere durch zeitintensive Konsultationen wie das problemorientierte Gespräch. Darüber hinaus benötigte jeder sechste Patient eine fachärztliche Betreuung durch Pneumologie und Kardiologien, und jedem 200. Patienten mit einer Post-COVID-19-Diagnose wurde eine medizinische Rehabilitation verordnet, was als Hinweis auf den besonderen Schweregrad der Erkrankung in dieser Größenordnung hindeutet. So ergibt sich ein Mengengerüst für eine gestufte Versorgung von Patienten mit Post-COVID-19 in Deutschland.
Die vorliegende Studie beruht auf Abrechnungsdaten des zweiten Quartals 2021 und beschreibt somit eine Situation auf Grundlage einer weitestgehend ungeimpften Population und die Folge der „Wildtyp-/Alpha-Welle“. Ob die vorliegenden Ergebnisse auf nachfolgende Wellen mit einer höheren Bevölkerungsimmunität zu übertragen sind, bleibt zu untersuchen. Ebenso ist anzumerken, dass die Definition der Fallgruppe auf der in den vertragsärztlichen Abrechnungsdaten dokumentierten Post-COVID-19-Diagnose der Behandelnden beruht, auch wenn dieser in der vorliegenden Datenbasis in einigen Fällen keine laborbestätigte COVID-19-Erkrankung (ICD 10-Code U 07.1) voranging. Aufgrund des quartalsweisen Abrechnungsmodus können außerdem keine Aussagen über zeitliche Abfolgen in der Versorgung getroffen werden.
Mandy Schulz, Sandra Mangiapane, Martin Scherer, Christian Karagiannidis, Thomas Czihal
Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland, Berlin (Schulz, Mangiapane, Czihal) maschulz@zi.de
Institut und Poliklinik für Allgemeinmedizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (Scherer)
Abteilung für Pneumologie und Intensivmedizin, Krankenhaus Köln-Merheim, ARDS und ECMO Zentrum, Kliniken der Stadt Köln, Witten/Herdecke Universitätskrankenhaus, Köln (Karagiannidis)
Interessenkonflikt
Die Autorinnen und Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Manuskriptdaten
eingereicht: 15. 12. 2021, revidierte Fassung angenommen: 7. 2. 2022
Zitierweise
Schulz M, Mangiapane S, Scherer M, Karagiannidis C, Czihal T: Post-acute sequelae of SARS-CoV-2 infection—characterization of community-treated patients in a case—control study based on nationwide claims data. Dtsch Arztebl Int 2022; 119: 177– 8. DOI: 10.3238/arztebl.m2022.0134
Dieser Beitrag erschien online am 2. 3. 2022 (online first) auf www.aerzteblatt.de.
►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de
| 1. | Koczulla AR, Ankermann T, Behrends U, et al.: S1-Leitlinie Post-COVID/Long-COVID. www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/020-027.html (last accessed on 8 Februrary 2022). |
| 2. | World Health Organization (WHO) clinical case definition working group on post COVID-19 condition: A clinical case definition of post COVID-19 condition by a Delphi consensus. World Health Organization 2021. www.who.int/publications/i/item/WHO-2019-nCoV-Post_COVID-19_condition-Clinical_case_definition-2021.1 (last accessed on 8 Februrary 2022). |
| 3. | Sudre CH, Murray B, Varsavsky T, et al.: Attributes and predictors of long COVID. Nat Med 2021; 27: 626–31 CrossRef CrossRef PubMed Central |
| 4. | Lund LC, Hallas J, Nielsen H, et al.: Post-acute effects of SARS-CoV-2 infection in individuals not requiring hospital admission: a Danish population-based cohort study. Lancet Infect Dis 2021; 21: 1373–82 CrossRef |
| 5. | Yong SJ: Long COVID or post COVID-19 syndrome: putative pathophysiology, risk factors, and treatment. Infect Dis 2021; 53: 737–54 CrossRef MEDLINE PubMed Central |








