ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2022Ukraine: Hilfe ohne Wenn und Aber

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Ukraine: Hilfe ohne Wenn und Aber

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Chefredakteur
Michael Schmedt, Chefredakteur

Mütter müssen mit ihren kranken Kindern im Keller des größten Kinderkrankenhauses der Ukraine schlafen. Operationen fallen aus. „Viele Kinder werden sterben, wenn wir sie nicht behandeln können“, erläutert ein Oberarzt der Klinik im Fernsehsender ntv. Es droht eine humanitäre Katastrophe. Nahrung, Getränke und Medikamente werden knapp.

Es fällt sehr schwer, dieser Tage nicht an den Krieg zu denken, der mitten in Europa tobt. Die Coronapandemie, die seit zwei Jahren das gesamte gesellschaftliche Leben beeinflusst, scheint verschwunden. Die von vielen ausgerufene Spaltung der deutschen Gesellschaft ist einer beeindruckenden Solidarität mit dem ukrainischen Volk gewichen – und das weltweit.

Während in den Medien noch die kriegerischen Angriffe Russlands und die politischen Sanktionen im Mittelpunkt der Berichterstattung stehen, starten im Hintergrund die Maßnahmen, um das große Leid der Ukrainer zumindest zu lindern. Und das ist im Kriegsgebiet mehr als schwierig.

Wie menschenverachtend der russische Präsident Wladimir Putin agiert, zeigen die vielen zerstörten Wohnhäuser. Die angeblich die Zivilbevölkerung verschonenden Angriffe sind eine Illusion. Auch medizinische Einrichtungen sind inzwischen betroffen. Bereits die Kriege in Syrien, Afghanistan und im Irak haben deutlich gemacht, dass Krieg nicht vor Krankenhäusern haltmacht. Eindeutig ein Verstoß gegen das Völkerrecht. Ärzte ohne Grenzen musste zunächst seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Ukraine abziehen. Man mag sich die humanitäre Katastrophe in der Ukraine nicht vorstellen, wenn die Nahrungsmittel noch knapper werden und sogar die medizinische Versorgung ausfällt. Nicht von ungefähr rufen auch die ansonsten politisch neutralen ärztlichen Organisationen Deutschlands Putin zum Einstellen des Krieges auf.

Und selbst in Russland haben russische Ärzte, Krankenschwestern und Sanitäter Putin in einem offenen Brief aufgefordert, die Kriegsaktivitäten auf dem Gebiet der Ukraine zu beenden. Das ist umso beeindruckender, weil die Initiatoren den Brief auch einzeln unterzeichnet haben. In Russland fast sicher ein Grund, mit Repressalien rechnen zu müssen.

Für wen die Hilfe auch immer notwendiger wird, sind die Tausenden Flüchtlinge, die bei klirrender Kälte über die ukrainische Grenze kommen. Die Vereinten Nationen rechnen mit mehreren Millionen Ukrainern, die Hilfe im Ausland suchen. Auch hier zeigt sich eine einvernehmliche Solidarität. Viele Länder haben bereits angekündigt, Flüchtlinge aufnehmen zu wollen. Anders als in den Jahren zuvor gibt es keine unsägliche Verteilungs- oder gar Ablehnungsdiskussion.

Die deutsche Ärzteschaft hat ohne Wenn und Aber die Versorgung der Flüchtlinge zugesichert und ist zu Redaktionsschluss im Gespräch mit der Bundesregierung (Seite 415), um die Rahmenbedingungen festzulegen, die eine unkomplizierte Flüchtlingshilfe garantieren. Die Weltgemeinschaft reagiert bei der humanitären und medizinischen Versorgung schnell und bündelt alle Kräfte. Das ist der einzige Lichtblick, den man in dieser furchtbaren Katastrophe wahrnehmen kann.

Bei allem Leid ist der Grundpfeiler jeglicher humanitären Hilfe das, was diese immer schon ausgemacht hat. Die russischen Gesundheitsberufe beschreiben es in ihrem offenen Brief so: „Wie immer teilen wir die Menschen nicht in Freunde und Feinde ein.“

Michael Schmedt
Chefredakteur

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