ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2022Schuberts Sprechstunde: „Ein Chefarztkollege bringt mich zur Weißglut – was kann ich tun?“

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Schuberts Sprechstunde: „Ein Chefarztkollege bringt mich zur Weißglut – was kann ich tun?“

Schubert, Petra

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Foto: Schubert Management Consultants
Foto: Schubert Management Consultants

Dipl.-Psych. Petra Schubert berät seit vielen Jahren Unternehmen aus der Gesundheitswirtschaft zu Themen rund ums Personalmanagement. An dieser Stelle beantwortet sie die interessantesten Fragen, die Ärztinnen und Ärzte aus der Klinik ihr in Coachings stellen.

Ein Chefarztkollege bestimmt über meine Mitarbeitenden – was kann ich tun?

„Wir sind als Anästhesisten interne Dienstleister, das ist mir schon klar. Dennoch habe ich das Gefühl, dass mein Chefarztkollege, der Allgemeinchirurg, uns arg herumkommandiert und festzulegen versucht, wie wir uns zu verhalten haben. Mir ist bewusst, dass viele in der jetzigen Lage angespannt sind, besonders wenn es darum geht, aufgeschobene OPs abzuarbeiten. Dennoch kann es nicht sein, dass der Kollege meine Mitarbeitenden zu steuern und zu kontrollieren versucht. Beispielsweise wollte jener Chefarzt einem meiner Oberärzte während einer OP klarmachen, wie er den Patienten zu versorgen habe. Die Tonlage des Chefarztes war, er könne ja wohl verlangen, dass das umgesetzt werde, was er festlege. Zudem behauptete er, sich in der Anästhesie genügend auszukennen und zu wissen, wie was zu laufen habe. Da mir das Ganze von einer OP-Pflegekraft zu Ohren gekommen war, sprach ich mit dem Oberarzt, um herauszufinden, wie er die Situation erlebt hatte. Er bestätigte Intention und Ton des Chefarztes und sagte, er selbst habe nicht darauf reagiert, sondern seine Arbeit mit den gleichen Vorgehensweisen wie immer fertiggestellt. Das Verhalten meines Chefarztkollegen bringt mich zur Weißglut. Wie soll ich damit umgehen?“

Petra Schubert: „Ich finde es ja schon sehr erstaunlich, dass ihr Chefarztkollege meint, ihren Mitarbeitenden sagen zu können, wie diese sich verhalten zu haben und wie sie ihre Arbeit verrichten sollen.

Eine Frage, die mir spontan in den Sinn kommt: Gab es schon im Vorfeld Unstimmigkeiten zwischen ihnen beiden, sodass der Chefarzt der Allgemeinchirurgie versucht, dieses Missfallen an Ihren Mitarbeitenden auszulassen? Um das Vorgehen und die Zusammenarbeit zu klären, ist es notwendig, dass Sie sich mit ihrem Chefarztkollegen zusammensetzen und klären, wer welches Aufgabenportfolio hat. An Ihrer Stelle würde ich Ihren Kollegen auch direkt auf den Vorfall ansprechen und ihm sagen, dass Ihnen sein Verhalten zu Ohren gekommen sei und Sie von ihm im Sinne der guten Zusammenarbeit erwarten, dass er sein Verhalten ändert. Bitten Sie ihn, bei Unstimmigkeiten oder Unzufriedenheit direkt mit Ihnen Kontakt aufzunehmen, damit sie beide die Situation klären können.

Nach diesem Gespräch sollten Sie sich mit Ihren Mitarbeitenden zusammensetzen und diesen berichten, was Sie mit Ihrem Chefarztkollegen festgelegt haben. Sie könnten ihre Mitarbeitenden bitten, Ihnen Rückmeldung zu geben, sobald sich ein ähnlicher Vorfall wieder ereignet. Sollte sich das Verhalten des Chefarztes nicht ändern, wäre es sinnvoll, sich noch mal mit ihm zusammenzusetzen und ihm klarzumachen, dass Sie die Geschäftsführung hinzuziehen, falls er sein Vorgehen nicht ändert.“

Alle sind durch Corona belastet – wie setze ich die richtigen Prioritäten?

„Wir haben momentan ziemlich viele Ausfälle, da wir auch unter den Mitarbeitenden Coronafälle haben. Zu diesen Ausfällen kommt hinzu, dass wir alle inzwischen doch etwas coronamüde sind. Nun sind besonders die jüngeren Kolleginnen und Kollegen arg belastet, da sie auch die üblichen Abläufe und Krisensituation noch nicht so kennengelernt haben. Insofern frage ich mich, wie ich die Jüngeren als Leitender Oberarzt entlasten, aber trotzdem sinnvoll einsetzen kann, sodass wir alle gut durch diese schwierige Zeit kommen.“

Petra Schubert: „Ich kann gut verstehen, dass inzwischen alle sich doch sehr mitgenommen und belastet fühlen durch die schon lange währende Situation. Die jüngeren Kolleginnen und Kollegen sind davon natürlich davon besonders betroffen, da sie weder einen wirklichen Einblick noch Routine haben. Dennoch ist es nötig, ihnen klarzumachen, dass ihre Arbeitskraft und ihr Engagement gerade in dieser speziellen Zeit wesentlich sind.

Insofern empfehle ich Ihnen, sich mit den jungen Kolleginnen und Kollegen zusammenzusetzen. Sprechen sie gemeinsam über die aktuelle Situation und den Umgang damit. Sie könnten beispielsweise einige Ihrer Erfahrungen mit Krisensituationen an die Jüngeren weitergeben, andererseits aber auch an deren Gemeinschaftssinn und Engagement appellieren. Gemeinsam könnten sie das Ziel, gut durch diese Zeit zu kommen, in Aussicht stellen. Ideal wäre, auch wenn es zeitlich schwierig ist, sich für die jungen Kolleginnen und Kollegen ein bis zwei Stunden Zeit zu nehmen, gemeinsam die Inhalte zu diskutieren, das Vorgehen festzulegen und jeweils Verantwortlichkeiten zu verteilen, so dass diese sich wichtig und wertgeschätzt fühlen.“

Die Oberärzte bevorzugen meine Assistenzarztkollegen – was raten Sie mir?

„Ich habe das Gefühl, dass unsere Oberärzte meine Assistenzarztkolleginnen und -kollegen bevorzugen und mich weniger im Blick haben. Dies zeigt sich im Alltäglichen. Wenn ich beispielsweise eine Frage stelle, beantworten die Oberärzte diese in Richtung meiner Kollegen, nicht in meine Richtung. Auch wenn es um die Patientenversorgung geht, sind meine Kollegen im Dienstplan für die interessanten Tätigkeiten am Patienten eingeplant. Ich werde eher für die organisatorischen und koordinierenden Aufgaben berücksichtigt. Ich weiß nicht wirklich, wie ich damit umgehen soll. Was raten Sie mir?“

Petra Schubert: „Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie diese Situation enttäuscht und frustriert. Bevor Sie jedoch Dinge eskalieren, sollten Sie die Situation und ihre Wahrnehmung hinterfragen. So kann es sein, dass sich aus der Perspektive der Kolleginnen und Kollegen andere Blickwinkel ergeben, die für die Klärung der Situation wertvoll sind.

Daher ist es wichtig, einen der Oberärzte anzusprechen, zum Beispiel denjenigen, bei dem Sie am ehesten das Gefühl haben, dass er auf Sie eingehen und Sie verstehen wird. Sie könnten ihm Ihren Eindruck schildern und fragen, wie er die Situation wahrnimmt. Beschreiben Sie zunächst, ohne Anschuldigungen, Ihre Sicht der Dinge in der Ich-Perspektive mit Beispielen. Schildern Sie zudem, wie Sie sich dabei fühlen. Fragen Sie Ihren Kollegen dann, ob er die Situation auch so sieht, und, falls ja, woran es liegen könnte, dass er Sie weniger berücksichtigt. Es kann durchaus sein, dass der Oberarzt diese Wahrnehmung gar nicht hat und er gut begründen kann, warum er aktuell so vorgeht. Es kann aber auch sein, dass er erläutert, warum er Sie nicht berücksichtigt. Bitten Sie ihn in diesem Fall, Ihnen zu sagen, was Sie tun können, um die Situation zu ändern. Je nachdem, wie die Tipps oder Antworten des Kollegen ausfallen, können Sie überlegen, ob Sie die angesprochenen Änderungen umsetzen wollen.

Um die Situation und die Veränderungen zu beobachten, sollten Sie Ihren Oberarztkollegen bitten, sich innerhalb eines gewissen Zeitraums, beispielsweise in ein bis zwei Monaten, noch einmal mit Ihnen zusammenzusetzen, um gemeinsam zu reflektieren, ob sich die Situation verändert hat. Falls die Situation sich nicht verändert und Sie das Gefühl haben, nicht weiterzukommen, sollten Sie mit ihrem Chefarzt sprechen.“

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