ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2000Forschung: Kompetenz konzentrieren

SPEKTRUM: Leserbriefe

Forschung: Kompetenz konzentrieren

Vollmann, Jochen

Zu dem Beitrag "Von Menschenbild und Menschenwürde" von Priv.-Doz. Dr. med. Stefan Winter und Prof. Dr. med. Christoph Fuchs in Heft 6/2000:
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LNSLNS . . . Während Forschungsethikkommissionen in Deutschland fast ausschließlich mit Ärzten besetzt sind, sind in den USA neben Ärzten zunehmend andere Berufsgruppen wie Biologen, Psychologen, Pflegeberufe, Apotheker, Anthropologen, Sozialwissenschaftler, Juristen und "Laien" vertreten. Diese Entwicklung verdeutlicht, dass ethische Fragen in der Forschung mit Menschen nicht mehr einer Berufsgruppe überlassen werden können, sondern auf einer breiten gesellschaftlichen Basis erörtert werden müssen, was die Autoren im innovativen zweiten Teil ihres Artikels selbst betonen.
In diesem Zusammenhang kann die Ansiedlung der so genannten Zentralen Ethikkommission bei der Bundes­ärzte­kammer 1995 zwar als standespolitischer Lobbyerfolg der ärztlichen Selbstverwaltung bewertet werden. Ob diese Konstruktion jedoch langfristig ausreicht, bei der von den Autoren geforderten medizinethischen Konsensfindung in der Gesellschaft wirklich weiterzukommen, muss bzweifelt werden. Auch wenn Parlamente und Regierungen Schwierigkeiten haben, komplexe medizinethische Probleme zu lösen, folgt daraus nicht, dass die standespolitische Vertretung einer Berufsgruppe diese gesamtpolitische Aufgabe übernehmen kann und soll. Vielmehr benötigen wir eine breite gesellschaftliche Diskussion und Konsensbildung, wie sie nur gesamtgesellschaftlich demokratisch legitimierte Gremien, wie zum Beispiel in skandinavischen Ländern beim Parlament oder der Regierung angesiedelte Nationale Ethikkommissionen, leisten können. Hier weist der Vorschlag der Autoren, auch in Deutschland eine Instanz unterhalb der Legislative zu schaffen, in die richtige Richtung. Denn langfristig ist die Ärzteschaft besser beraten, nicht neue eigene Gremien zu schaffen, sondern ihre Kompetenz und Erfahrung zu konzentrieren und öffentlich in gesamtgesellschaftliche Strukturen einzubringen. Demnach kommt der ärztlichen Selbstverwaltung a priori keine Schlüsselfunktion in der Medizinethik zu, sondern sie muss neben anderen Stimmen im medizinethischen Diskurs durch Kompetenz, gute Argumente und Glaubwürdigkeit überzeugen. In diesem Zusammenhang kann der unzureichende Stellenwert von Medizinethik im Medizinstudium sowie in der ärztlichen Weiter- und Fortbildung nur als Selbstbeschädigung bezeichnet werden.
Nach meiner Einschätzung hat die selbstverwaltete Ärzteschaft eine weitere wichtige gesamtgesellschaftliche Funktion, die von den Autoren nicht diskutiert wird: Während die American Medical Association nur noch circa ein Drittel der Ärzte und Ärztinnen in den USA repräsentiert, vertritt die Bundes­ärzte­kammer als Arbeitsgemeinschaft der Lan­des­ärz­te­kam­mern alle Ärzte und Ärztinnen in Deutschland. Angesichts einer zunehmenden Öko­nomi­sierung und Globalisierung des Gesundheitssektors besteht hier eine große Chance und Aufgabe. In den USA gibt es keine gesellschaftliche Institution, die den zunehmend mächtigeren privatwirtschaftlichen Interessen von Gesundheits- und Pharmakonzernen wirkungsvoll entgegentreten
könnte. Daher konnten die amerikanischen Ärzte leicht ökonomischen Strukturen und Fremdinteressen unterworfen werden, wie es durch "managed care" geschehen ist. Angesichts der zunehmenden Öko­nomi­sierung des Gesundheitssektors in Deutschland stellt sich daher die Frage, wer und wie privatwirtschaftlichen Interessen Einhalt gebieten kann . . .
Prof. Dr. med. Dr. phil. Jochen Vollmann, AG Medizinethik am Institut für Geschichte der Medizin, Freie Universität Berlin, Klingsorstraße 119, 12203 Berlin
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