ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2022Chronisches Fatigue-Syndrom verdient Leitlinie
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Nach den Autoren sollte das chronische Fatigue-Syndrom (CFS) eine eigene Leitlinie haben und würde deswegen „im Folgenden nicht weiter beleuchtet“ (1). Ja, dieses komplexe, in Deutschland nach wie vor unter- und fehldiagnostizierte häufige Krankheitsbild (circa 250 000 in Deutschland) verdient längst eine eigene Leitlinie. Es gibt diese aber nicht, weshalb die Erkrankung in dem Artikel „Leitsymptom Müdigkeit“ explizit beleuchtet hätte werden können, da eine lähmende Erschöpfung eines der führenden Symptome bei CFS ist. Im Artikel wird ferner auf „unterschiedliche Definitionen (von CFS) ohne eindeutige Ätiologie“ und „unterschiedliche diagnostische Kriterien“ hingewiesen. Es existieren jedoch verlässliche klinische Kriterien zur Diagnose dieser komplexen neuroimmunologischen Krankheit (Kanadische-Konsens-Kriterien). Nach aktuellem Forschungsstand liegt definitiv keine psychische, psychosomatische oder sozial verursachte Müdigkeit vor (über 1 800 Studien in den letzten zehn Jahren). Das aber ist die implizite Botschaft des Artikels, indem eine unscharfe Äußerung über CFS mit Angaben zu überwiegend psychisch/psychosozial verursachter Müdigkeit verbunden wird.

Im Fazit wird dargestellt, dass „bei unauffälliger Anamnese, körperlichem Befund und Basislabor […] organische Erkrankungen sehr unwahrscheinlich“ seien. Aber ist es logisch, medizinisch richtig und ärztlich vertretbar, aufgrund eines winzigen unauffälligen Ausschnitts (Basis-Laborwerte) aus abertausenden Laborparametern zu folgern: Es kann nichts Schlimmes sein? Bei CFS sind diese Basiswerte, anders als zahlreiche andere Laborparameter, normal. Bei Long-COVID und zum Beispiel Migräne allerdings auch; im Gegensatz zu CFS jedoch werden diese Krankheiten anerkannt und ganz selbstverständlich anhand klinischer Kriterien diagnostiziert.

Es ist von größter Wichtigkeit, CFS von weniger gravierenden Krankheiten, die mit Müdigkeit einhergehen, in aller Deutlichkeit und Sachlichkeit als schwere körperliche Krankheit abzugrenzen.

DOI: 10.3238/arztebl.m2022.0052

Dr. med. Josef Lösch

Hanau, josefloesch@aol.com

1.
Maisel P, Baum E, Donner-Banzhoff N: Fatigue as the chief complaint—epidemiology, causes, diagnosis, and treatment. Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 566–76 VOLLTEXT
1.Maisel P, Baum E, Donner-Banzhoff N: Fatigue as the chief complaint—epidemiology, causes, diagnosis, and treatment. Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 566–76 VOLLTEXT

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