ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2022Kommunikation: Humor – eine unschätzbare Ressource

ÄRZTESTELLEN

Kommunikation: Humor – eine unschätzbare Ressource

Schuster, Gabriele

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Je ernster die Situation und je schwieriger die Kommunikation, desto hilfreicher ist eine Portion Humor. Lachen entkrampft und hilft, Hierarchien abzubauen. Wer lacht, ist für Macht nicht greifbar. Regelmäßig angewendet wird Humor zum Teil der eigenen Identität.

Foto: xavier gallego morel/stock.adobe.com
Foto: xavier gallego morel/stock.adobe.com

Vor vielen Jahren lernte ich Anne Franz kennen, als sie mir auf dem Klinikparkplatz mit Schwung die Vorfahrt nahm. Sie hatte vor Kurzem Abitur gemacht und war auf dem Weg zu ihrem Nebenjob im Transportdienst der Uniklinik. Das Abitur war ihr nicht zugefallen. Was Anne konnte, hatte sie sich selbst erarbeitet. Sie war voller Trotz und kalter Wut, eine Triebfeder, die sie bis zu einem Studienplatz in Medizin und ihrem Job an der Klinik katapultiert hatte.

Angst ist ein harter Gegner

Einige Monate später traf ich sie in der Stationsküche der Chirurgie. An der verlaufenen Schminke war zu sehen, dass sie geweint hatte. Auf meine Frage, ob alles o. k. sei, erwiderte sie: „Ach, geht schon.“ Als ich mich setzte, sah sie auf. „Sie sind doch die Frau, mit der hier alle möglichen Leute reden“, sagte sie. „Würden Sie auch mit mir reden?“ Anne berichtete, dass der Leiter des Transportdienstes sie oft wegen nichtiger Gründe lautstark anging. Er war einen Kopf größer und kam ihr bei seinen Verbalattacken mit seinem Körper und Gesicht sehr nahe. Er machte Anne Angst. Hinzu kam, dass sie auf die Arbeit angewiesen war und hoffte, mit fortschreitendem Studium weiter an der Klinik arbeiten zu können. Annes Angst mischte sich mit ihrem Trotz und ihrer Wut – eine ungute Kombination, die dafür sorgte, dass sie den Kopf einzog und hilflos abwartete, bis die Angriffe vorbei waren.

Ich gab Anne die Idee mit, bei der nächsten Attacke emotional aus der Angriffssituation auszusteigen. Da ihr der Herr mit seiner Nase recht nahekam, würde es ihr doch sicher leichtfallen, sich ein kleines Männchen vorzustellen, das aus seinem Nasenloch schaut, sich hinsetzt, winkt und mit den Beinen wackelt? Anne schaute mich verblüfft an und meinte. „Mit roter Jacke und blauen Strümpfen? Der sich an die Nasenhaare hängt und schaukelt?! O. k. Und dann?“ Ich schlug vor, sich als Nächstes sehr gerade hinzustellen, den Rücken durchzudrücken, den Kopf nach oben zu nehmen, sich mit einem Schritt auf die Seite die notwendige körperliche Distanz zu verschaffen und den Herrn einfach freundlich anzuschauen. Der Rest werde sich ergeben.

Zwei Wochen später traf ich Anne wieder. Sie lachte, als sie mich sah. Sie hatte dem Männchen dabei zugeschaut, wie es den Herrn an den Nasenhaaren zog. Annes unverwandter Blick auf seine Nase hatte den Herrn einigermaßen verunsichert. Dann hatte sie sich gerade hingestellt, sich Platz verschafft, ihn freundlich angesehen und ihn gefragt, wie es ihm gehe. Daraus entstand ein freundliches Gespräch. Sie wusste nun, dass er schon seit Jahren an der Klinik arbeitet, aktuell in Scheidung lebte und vieles mehr. „Der Trick ist, etwas Lustiges gegen die Angst zu setzen und dann freundlich zu sein!“

Kliniken: Übungsfeld für verschärften Humor

Annes Einsätze im Transportdienst wurden ein Übungsfeld für verschärften Humor. Da sie Menschen in allen Lebenslagen während der Transfers zwischen den Stationen begleitete, wurde sie schnell darin, Leid zu erkennen und ein Lachen herzustellen, wo es angebracht war. Und dies war öfter der Fall als gedacht. Einmal sah ich sie, wie sie ein junges Mädchen von der Onkologie zum Röntgen fuhr. Anne hatte einen langen, bunten Kniestrumpf über den Arm gezogen, den anderen hatte sie am Bein. Die junge Patientin war fleißig dabei sie zu coachen, was die bessere Stelle für den Strumpf sei. Beide kicherten, während Anne den Rollstuhl den Flur entlang schob.

Annes Art, ihre Arbeit zu machen, trug ihr viele Sympathien ein. Sie freute sich auf die Dienste und erfand immer neue Varianten, um ein Lächeln zu zaubern. Dabei wurde sie Meisterin der minimalen Intervention: Ein Schritt in die „falsche“ Richtung, ein „verlegenes“ Lächeln oder andere kleine Gesten reichten völlig aus, um die Klinikroutinen zu durchbrechen und Neugierde bei den Patienten entstehen zu lassen. Auf diese Weise zog Anne viel Kraft aus ihrer Arbeit und bewältigte ihr Studium mit Bravour.

Regeln für Humor im beruflichen Umfeld

Für Anne wurde Humor eine Routine, die ihr fehlte, wenn sie einmal nicht daran dachte. Diese neue Routine ersetzte mit der Zeit ihre gewohnten Reaktionsmuster wie Trotz oder Aggression. Ihre Beziehungen wurden besser, erhielten mehr Tiefgang. Sie wurde gemocht und von Kollegen geschätzt, was für sie völlig neu war.

Die Regeln für diesen Humor sind einfach:

  • Immer wohlwollend und freundlich, die Grundhaltung ist tragend.
  • Entscheidend ist nicht, was man selbst lustig findet. Entscheidend ist, dass der andere lacht. Dann muss man ohnehin mitlachen. Das ist gut für beide.
  • Man muss sich gar nichts ausdenken. Das reale Leben ist lustig genug. Es reicht, den Augenblick zu nutzen.
  • Kleine Gesten reichen oft.
  • Wenn Humor nicht angebracht ist, findet er nicht statt. Das ist jedoch seltener als man denkt.

Humor entkrampft und baut Hierarchien ab

Etliche Jahre später war Dr. Anne Franz auf dem Weg zu ihrem ersten Auftritt als Chefärztin einer chirurgischen Abteilung. Der Hosenanzug war perfekt, die Tasche passte. Als Schutz für ihren Laptop hatte sie eine selbst gestrickte, sehr bunte Hülle aus dicker Wolle in der Tasche. Ein im Vergleich zu ihrem sonstigen Stil recht ungewöhnliches Accessoire. Auf meine Frage, weshalb sie diese immer mit sich trage, sagte sie: „Das hilft mir, mich selbst nicht allzu ernst zu nehmen.“ Üblicherweise bleibe die bunte Hülle in der Tasche. Wenn sie jedoch merke, dass allzu viel Hierarchie hinderlich für ihre Zwecke sei, packe sie den Laptop samt bunter Hülle aus. Dies sorge zuverlässig für Erstaunen. Sie lächele dann und sage bewusst leicht verlegen: „Ja, ich stricke. Sie auch?“ Es dauere dann keine fünf Minuten, bis ihr Gesprächspartner offener und das Gespräch lebendiger werde.

„Wissen Sie Frau Schuster“, meinte Anne vor einigen Wochen, „das Lachen hat mich durch alle Schwierigkeiten getragen. Oft waren Trotz und Verzweiflung Grundlage meiner Versuche mit dem Lachen. Es war Arbeit, aber diese Arbeit konsequent zu machen, hat mir vermutlich meine Karriere ermöglicht. Das Lachen hat mir die Angst vor dem Leben genommen. Wer lacht, ist für Macht nicht greifbar. Man steigt einfach aus, das ist genial!“

Dipl.-Psych. Gabriele Schuster

Athene Akademie

97072 Würzburg

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.



Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote