ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2000Großbritannien: Finanzspritze für den National Health Service

POLITIK: Aktuell

Großbritannien: Finanzspritze für den National Health Service

Dtsch Arztebl 2000; 97(14): A-886 / B-738 / C-691

Thomas, Kurt

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die britische Regierung will mit einer Geldspritze in Milliardenhöhe das marode staatliche Gesundheitswesen wieder auf Trab bringen.


Mehr Krankenhausbetten", "10 000 zusätzliche Krankenschwestern und -pfleger" sowie "zwei Milliarden Pfund" (rund 6,4 Milliarden DM) - mit diesen Versprechen sollen die britischen Ärzte und Patienten davon überzeugt werden, dass die Labour-Regierung der beste Garant für ein funktionierendes Gesundheitswesen ist.
Vom 1. April an sollen nach Angaben von Schatzkanzler Gordon Brown zwei Milliarden Pfund zusätzlich für die Krankenhäuser und Allgemeinarztpraxen des National Health Service (NHS) zur Verfügung gestellt werden. Damit stehen für das britische Gesundheitswesen, das zu 90 Prozent aus Steuermitteln finanziert wird, im kommenden Haushaltsjahr 158 Milliarden DM bereit. Bis zum Jahr 2002/03 sollen die Ausgaben auf jährlich mindestens 221 Milliarden DM erhöht werden.
Chronisch unterfinanziert
Großbritannien gibt deutlich weniger für sein Gesundheitswesen aus als vergleichbare Länder der Europäischen Union (EU). Derzeit sind es nach Angaben der OECD 6,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Innerhalb der nächsten vier Jahre soll der Anteil nach Aussage von Premierminister Tony Blair "auf mindestens 7,6 Prozent" steigen. Das wäre nur geringfügig weniger als der EU-Durchschnitt von rund acht Prozent. Aber: Jahrzehntelange Unterfinanzierung haben den NHS marode gemacht. Politische Beobachter schätzen, dass es mindestens zehn Jahre dauern wird, bis der NHS, der mehr als eine Million Menschen beschäftigt, auf das Niveau des deutschen Systems gebracht werden kann.
Die unerwartete Finanzspritze kommt zu einer Zeit wachsender Unzufriedenheit der britischen Wähler mit der Regierung Blair, die seit Mai 1997 amtiert. Damals hatte sie die Wahlen mit dem Versprechen gewonnen, den NHS "zum besten Gesundheitswesen der Welt" auszubauen. Gespräche mit Ärzten, Pflegepersonal und Patienten zeigen jedoch, dass bisher nicht viel geschehen ist. Die staatlichen Primärarztpraxen klagen nach wie vor über eklatante Geldknappheit, vor allem bei der Verordnung innovativer Arzneimittel. Um die Verschreibungskosten zu senken, gründete die Regierung Blair kürzlich das National Institute of Clinical Excellence, das darüber entscheidet, ob neue Arzneimittel zu Lasten der staatlichen Einheitsversicherung verordnet werden können.
Ge­sund­heits­mi­nis­ter Alan Milburn versprach den rund 800 staatlichen Krankenhäusern, in den kommenden zwölf Monaten mindestens 10 000 Krankenschwestern und -pfleger einzustellen. Der Mangel an Pflegekräften ist zu einem ernsten Problem geworden. Die Krankenpflegegewerkschaft schätzt, dass "mindestens 50 000 Pflegekräfte" fehlen. Da es auch an Operationspersonal fehlt, werden täglich Hunderte Operationen abgesagt. Die NHS-Wartelisten - derzeit warten rund eine Million Patienten auf eine nicht dringliche Operation - sind zum innenpolitischen Streitthema Nummer eins avanciert. Die Opposition wirft Labour vor, Krebskranke, Herzpatienten und andere unnötigerweise sterben zu lassen, statt mehr Pflegepersonal zu rekrutieren.
Vermutlich wird im kommenden Jahr ein neues Unterhaus gewählt. Bereits jetzt kristalliert sich die Dauerkrise des NHS als Hauptthema des Wahlkampfs heraus. Daher überrascht es nicht, dass die Regierung Blair die Gesundheitspolitik zum Topthema macht und auch die entsprechenden Haushaltsmittel bereitstellt. Schatzkanzler Brown will die Ausgaben für Gesundheit in den kommenden vier Jahren "um 6,1 Prozent über der Inflationsrate" erhöhen. Bisher waren es 3,3 Prozent. Regierungschef Blair kümmert sich künftig persönlich um die Reform des NHS. "Das ist ab sofort Chefsache", sagte er in London. Die Reformen zielen darauf ab, die NHS-Verwaltung effizienter zu gestalten und den Primärärzten mehr Eigenverantwortung einzuräumen. Die British Medical Association (BMA) bleibt skeptisch. "Wir begrüßen die Bereitstellung zusätzlicher Mittel", sagte eine Sprecherin gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt in London. "Aber es ist fraglich, ob sich rasch etwas ändern wird." Die Regierung hatte bereits vor eineinhalb Jahren dem NHS einen Sonderetat von rund 60 Milliarden DM zur Verfügung gestellt. Laut BMA ist der Großteil dieses Geldes bisher aber nicht in den Kliniken und Arztpraxen angekommen. Das Londoner Ge­sund­heits­mi­nis­terium war auf Anfrage nicht in der Lage zu sagen, was genau damit geschehen ist. Kurt Thomas


Der rote Koffer von Schatzkanzler Gordon Brown enthält den Etat. Brown versprach dem National Health Service zusätzliche zwei Milliarden Pfund. Foto: ap

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema